Kurssturz an den US-Börsen Warum Investoren so heftig auf die US-Inflationsdaten reagierten

Es war ein regelrechtes Beben an den Börsen: Kurz nach Veröffentlichung der US-Inflationsdaten brachen die Indizes an der Wall Street ein. Dabei hatte sich die Preissteigerung in den USA zuletzt sogar verlangsamt. Was war passiert?
Angsteinflößend: Diesmal war es nicht das mutige "Fearless Girl", dass die Investoren erschreckte, sondern die Sorge vor weiteren Zinserhöhungen

Angsteinflößend: Diesmal war es nicht das mutige "Fearless Girl", dass die Investoren erschreckte, sondern die Sorge vor weiteren Zinserhöhungen

Foto: ANGELA WEISS / AFP

Die unerwartet hohe Inflation in den USA hatte die Anleger am Dienstagabend kalt erwischt: Der Dow Jones Industrial fiel um knapp 4 Prozent, der breiter angelegte S&P 500 um 4,3 Prozent und der technologielastige Nasdaq 100 sackte sogar um satte 5,5 Prozent ab.

Nach Tagen der Erholung änderte sich die Stimmung schlagartig. Die Commerzbank sprach von einem "Sell everything day" – einem Tag, an dem die Anleger Risiken komplett scheuen und flächendeckend verkaufen. Auch in Deutschland reagierte der Leitindex Dax mit deutlichen Verlusten auf die jüngsten Daten aus dem US-Arbeitsministerium. Die Behörde hatte zuvor mitgeteilt , dass die Teuerungsrate für Waren und Dienstleistungen im August leicht von 8,5 auf 8,3 Prozent gefallen ist. Anleger hatten allerdings mit einem Wert von 8,1 Prozent gerechnet.

Für den Markt war das ein unmissverständliches Zeichen: Die deutlichen Zinserhöhungen der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) im Kampf gegen die Inflation haben noch nicht die erhoffte Wirkung. Die Aussicht auf einen weiteren kräftigen Anstieg der Zinsen verschreckte die Investoren – sie hatten damit gerechnet, dass die Zeit der drastischen Zinserhöhungen vorbei sei.

Inflationsdruck ließ nach

Viele Anleger hatten zuletzt eine Reihe von Anzeichen gesehen, dass die Inflation sich abschwächen und die Notenbank ihren strikten Kurs aufgeben könnte. So waren etwa die viel beachteten Spritpreise seit ihrem Höchststand vom Juni 91 Tage in Folge gesunken . Auch im August machte sich das in der Inflationsrate bemerkbar, die Spritpreise sanken im Vergleich zum Vorjahr um 10,6 Prozent.

Hinzu kam, dass die Preise auch in anderen Segmenten nachgaben, die zuletzt die Inflation angeheizt hatten. Das galt etwa für die Preise am Gebrauchtwagenmarkt . Und auch die Inflationserwartungen ließen der Fed zufolge  spürbar nach. So erwarteten die Haushalte in den USA für dieses Jahr nur noch eine Rate von 5,7 Prozent (zuvor 6,2 Prozent). Die Erwartungen für die Inflation in drei und fünf Jahren entwickelten sich ebenfalls rückläufig.

Gleichzeitig stieg zuletzt die Sorge um die US-Konjunktur. Das US-Handelsministerium musste für das zweite Quartal erneut einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts verkünden. Damit rutschte die US-Wirtschaft in eine sogenannte technische Rezession ab. Investoren glaubten, dass die Fed deswegen ihren drastischen Kurs der großen Zinsschritte abmildern wird. Höhere Zinsen belasten die Investitionen der Unternehmen, den Immobilienmarkt und die Neuwagenkäufe.

Die Fed selbst kam in ihrem jüngsten Konjunkturbericht zu dem Fazit, dass die US-Wirtschaft wegen der hohen Preise und der fehlenden Arbeitskräfte auf schwere Zeiten zusteuert. Die Aussichten seien schwach und dürften sich auch im kommenden Jahr weiter eintrüben, hieß es im sogenannten Beige Book der US-Notenbank.

Die Kerninflation steigt weiter

Und so kam am Dienstag alles anders als erwartet. Die Inflationsrate sank zwar im Vergleich zum Vormonat, aber eben nicht so stark wie von den Investoren erhofft. Denn einige andere Inflationskomponenten zeigten sich erstaunlich hartnäckig:

  • Die Haushalte in den USA mussten im August rund 6,7 Prozent mehr Geld für ihre Wohnung ausgeben als noch im Vorjahr. Das war der höchste Anstieg seit 1986.

  • Die Preise für Lebensmittel verteuerten sich im gleichen Zeitraum um 13,5 Prozent – der höchste Anstieg seit 1979.

  • Strom kostete knapp 16 Prozent mehr.

  • Die Ausgaben für die medizinische Versorgung stiegen sogar um satte 24 Prozent.

Die für den Kurs der US-Notenbank so wichtige Kerninflation, die die volatilen Energie- und Lebensmittelpreise außen vor lässt, stieg trotz des Rückgangs der Gesamtinflation weiter und lag im August überraschend 0,6 Prozent höher als im Vormonat. Gleichzeitig schwächt sich die Wirtschaft zwar ab, zeigt sich aber noch erstaunlich robust. Das deutet darauf hin, dass die Inflation viel langlebiger sein könnte als bisher angenommen.

Das beschreibt laut John Authers vom Wirtschaftsdienst Bloomberg genau das Problem: "Anleger hatten sich darauf eingestellt, dass der Wendepunkt der Inflation überschritten sei und nun – wie so häufig in der Vergangenheit – die nächste Aktienrallye beginnen würde." Doch daraus wird erst einmal nichts. Die Enttäuschung bei den Investoren war entsprechend groß, das erklärt auch die heftige Marktreaktion.

Die US-Notenbank wird nun aller Voraussicht nach den Leitzins am 21. September um weitere 0,75 Prozentpunkte anheben. Damit würde der Schlüsselzins in einer Spanne von 3,00 bis 3,25 Prozent landen. Sogar eine Zinserhöhung um einen vollen Prozentpunkt ist denkbar.

Auf den Inflationswendepunkt müssen Anleger also weiter warten, das machte auch US-Präsident Joe Biden (79) am Dienstagabend noch einmal deutlich: "Es gibt Fortschritte im Kampf gegen die Teuerung – aber es wird mehr Zeit und Entschlossenheit brauchen, die Inflation zu senken."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.