Inflation, Gaskrise, Lieferkettenstörung Warum in den USA und Deutschland eine Rezession droht

Eine Reihe von Frühindikatoren deuten auf einen globalen Abschwung hin - vor allem in den drei größten Volkswirtschaften der Welt. Der Internationale Währungsfonds zeichnet bereits ein düsteres Bild von der Lage der Weltwirtschaft.
Störungen in den Lieferketten: Die neuen Einschränkungen durch die Corona-Lockdowns in China haben im zweiten Quartal die durch die Pandemie ohnehin schon geschwächte Wirtschaft weiter belastet

Störungen in den Lieferketten: Die neuen Einschränkungen durch die Corona-Lockdowns in China haben im zweiten Quartal die durch die Pandemie ohnehin schon geschwächte Wirtschaft weiter belastet

Foto: Christian Charisius/ DPA

Viele Anzeichen deuten bereits darauf hin, jetzt hat der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner aktuellen Prognose die prekäre weltwirtschaftliche Lage noch einmal verdeutlicht. "Auf eine zaghafte Erholung im Jahr 2021 folgen zunehmend düstere Entwicklungen im Jahr 2022", heißt es in dem neuen IWF-Bericht. Demzufolge gehen die Ökonomen nun nur noch von einem globalen Wirtschaftswachstum von 3,2 Prozent aus. Das sind 0,4 Prozentpunkte weniger als noch im April angenommen. Die neue Prognose spiegele vor allem das nachlassende Wachstum in den drei größten Volkswirtschaften der Welt wider - den Vereinigten Staaten, China und dem Euroraum.

Ein Blick auf die Konjunkturdaten der USA zeigt, wie berechtigt die Angst vor einer Rezession, also dem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Quartalen, ist. Denn bereits im ersten Quartal fiel das BIP in der größten Volkswirtschaft der Welt um satte 1,6 Prozent (US-Wachstumszahlen werden auf das Jahr hochgerechnet und sind daher nicht direkt mit Wachstumsdaten aus Europa vergleichbar). Für das zweite Quartal erwarten Ökonomen zwar wieder einen Anstieg, aber lediglich um 0,4 Prozent. Es wird also knapp. Ob diese Schätzung wirklich realistisch ist, wird sich spätestens an diesem Donnerstag zeigen, wenn die Wachstumszahlen für das zweite Jahresdrittel veröffentlicht werden.

US-Notenbank kämpft gegen hohe Inflation

Eine der wichtigsten Ursachen für das schwache Wachstum in den USA sind die Preise, die wegen der anhaltenden Probleme in den Lieferketten und des Ukraine-Krieges immer weiter steigen. So sprang die Inflationsrate im Juni überraschend deutlich von 8,6 auf 9,1 Prozent. Das war der höchste Stand seit November 1981.

Im Kampf gegen die Teuerung hat die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) daher bereits im Frühjahr die Zinswende eingeläutet. Auf ihrer letzten Sitzung Mitte Juni hatten die Währungshüter mit dem größten Zinsschritt seit 1994 reagiert und den Leitzins um weitere 0,75 Prozentpunkte angehoben. Der Zinssatz liegt damit derzeit in der Spanne zwischen 1,5 bis 1,75 Prozent. Am heutigen Mittwoch wird die Fed bei ihrer Sitzung voraussichtlich einen weiteren großen Zinsschritt um 0,75 Prozentpunkte beschließen. Bis zum Ende des Jahres wird der Leitzins nach Ansicht vieler Ökonomen wohl bei über 3 Prozent liegen.

Doch die Zinsanhebung zur Bekämpfung der hohen Inflation verläuft zumeist nicht Kollateralschäden. Schließlich steigen mit den höheren Zinsen für Unternehmen und Verbraucher auch die Kreditkosten, die Investitions- und Konsumfreude wird gedämpft. So besteht die Gefahr, dass die Konjunktur abgewürgt wird. In den vergangenen Jahrzehnten sind in den USA nur die wenigsten geldpolitischen Straffungen ohne wirtschaftlichen Schaden geblieben.

Gewinne der US-Großbanken brechen ein

Und auch jetzt reagieren Unternehmen und Märkte auf die Zinserhöhungen. So verrät ein Blick in die Bilanzen der US-Großbanken, wie stark die Institute bereits von den wirtschaftlichen Unsicherheiten betroffen sind. Goldman Sachs, JPMorgan, Bank of America, Wells Fargo und die Citigroup eröffnen traditionell die jeweilige Bilanzsaison mit ihren Quartalsergebnissen. Und der Blick in die Bücher zeigt bei fast allen einen deutlichen Gewinneinbruch – und Rückstellungen in Milliardenhöhe. Offenbar bereiten sich die Banken auf eine Rezession vor.

Bei den Unternehmen sind ebenfalls alle Signale auf Rot gestellt. Angefangen mit Start-ups wie Klarna, Gorilla und Getir sind Kündigungswelle und Einstellungsstopp bereits zu den etablierten Konzernen wie Microsoft, Meta, Tesla und Google übergesprungen.

Zuletzt reagierte der auch Anleihemarkt auf die drohende Rezession: So warfen zweijährige US-Staatsanleihen mehr ab als ihre zehnjährigen Pendants. Dieses Phänomen der inversen Zinskurve gilt als Vorbote einer Rezession.

Kupferpreis fällt unter 7000 US-Dollar

Auch die Entwicklung des Kupferpreises gilt unter Ökonomen als Frühindikator für die Verfassung der Wirtschaft, oftmals wird in diesem Zusammenhang auch von "Dr. Copper" gesprochen. Vor rund einer Woche fiel der Preis für eine Tonne Kupfer an der Börse in London erstmals seit November 2020 unter die Marke von 7000 US-Dollar. Seit dem Hoch Anfang März ist der Preis um mehr als 30 Prozent eingebrochen.

Begründet wurde der starke Preisrückgang mit schwachen Konjunkturdaten aus China. In der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt hatte die Wirtschaft im zweiten Quartal deutlich an Fahrt verloren. Wegen strenger Corona-Maßnahmen ist die Wirtschaftsleistung nur noch um 0,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gewachsen. Es ist das schwächste Quartalswachstum seit Beginn der Corona-Pandemie. Zu Beginn des Jahres war Chinas Wirtschaft noch um 4,8 Prozent gewachsen.

US-Arbeitsmarkt stemmt sich gegen die Rezession

US-Finanzministerin Janet Yellen (75) blickt dennoch nicht so pessimistisch in die Zukunft wie andere. "Ich sage nicht, dass wir eine Rezession mit Sicherheit abwenden können", sagte Yellen am Sonntag dem TV-Sender NBC. "Aber ich denke, es gibt einen Pfad, der den Arbeitsmarkt robust hält und die Inflation senkt", erläuterte sie. "Wenn Sie monatlich fast 400.000 Arbeitsplätze schaffen, ist das keine Rezession", erklärt Yellen weiter. Schließlich gingen Rezession normalerweise mit Millionen Jobverlusten einher.

Der Arbeitsmarkt in den USA ist derzeit in der Tat noch ein kleiner Lichtblick. So wurden im Juni 372.000 neue Jobs geschaffen, deutlich mehr als erwartet. Die Arbeitslosenquote lag mit 3,6 Prozent auf dem niedrigsten Niveau seit fast 50 Jahren. Ob dieser Trend angesichts der massenhaften Entlassungen in den großen Konzernen anhält, ist fraglich.

Frühindikatoren deuten auch in Deutschland auf einen Abschwung hin

Auch in Deutschland spitzt sich die konjunkturelle Lage zu. Hier belasten die hohen Energiepreise und die drohende Gasknappheit die Wirtschaft zusätzlich, da Deutschland viel abhängiger von russischem Gas ist als andere Länder. Die Nachricht, dass der russische Staatskonzern Gazprom die Lieferungen nach Deutschland über die Pipeline Nord Stream 1 weiter senken will, hatte erst am Montag wieder für Aufregung gesorgt. Sollte Russland die Gaslieferungen kurzfristig vollständig einstellen, wird Deutschland aller Voraussicht nach in eine Rezession abrutschen.

Schon jetzt deuten eine Reihe von Frühindikatoren auch hierzulande auf einen wirtschaftlichen Abschwung hin. So sank der Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts, der anhand einer Umfrage unter rund 9000 Managerinnen und Managern ermittelt wird, im Juli im Vergleich zum Vormonat um 3,6 Punkte auf 88,6 Zähler. Das war der niedrigste Stand seit zwei Jahren. "Deutschland steht an der Schwelle zur Rezession", kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest (53) die Lage. Die Rezessionswahrscheinlichkeit liegt der Umfrage zufolge bei 96 Prozent.

Auch der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft fiel im Juli weiter: Mit 48 Punkten sank das Barometer erstmals seit Monaten wieder unter die wichtige Schwelle von 50 Punkten, ab der es Wachstum signalisiert. In der Industrie stauen sich zudem wegen der gestörten Lieferketten die Aufträge, die Wachstumsprognosen wurden bereits deutlich nach unten korrigiert. Gleichzeitig klettern die Erzeugerpreise von einem Rekordhoch zum nächsten.

EZB mit erstem Zinsschritt seit elf Jahren

Inzwischen ist die Inflationsrate in Deutschland wegen der Gaskrise und der anhaltenden Probleme in den Lieferketten auf 7,6 Prozent gestiegen. Um die Inflation zu bekämpfen, hat die Europäische Zentralbank (EZB) nach langem Zögern in der vergangenen Woche endlich die Zinswende eingeläutet und erstmals seit elf Jahren den Leitzins erhöht. In einem großen Zinsschritt hob der EZB-Rat um Chefin Christine Lagarde (66) den Zinssatz auf 0,5 Prozent an. Zudem stellte die EZB weitere Zinsschritte in Aussicht.

Andere Notenbanken wie die US-Zentralbank Federal Reserve sowie die Bank of England haben ihre Zinssätze bereits mehrfach angehoben. Kritiker werfen der EZB daher vor, die Zinswende viel zu spät einzuleiten. Doch die Notenbank muss vorsichtig agieren, da in der Eurozone nicht nur die Rezessionsgefahr besteht, sondern auch hoch verschuldet Staaten wie beispielsweise Italien mit einer Zinserhöhung noch stärker unter Druck geraten. Für sie wird es mit steigenden Zinsen teurer, sich am Anleihemarkt frisches Geld zu beschaffen.

Im ersten Quartal hatte das BIP in Deutschland noch um 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorquartal zugelegt. Am kommenden Freitag werden dann die Daten für das zweite Quartal veröffentlicht. Der IWF jedenfalls blickt düster in die Zukunft: In Deutschland soll das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr nur noch um 1,2 Prozent wachsen. Bisher waren die Ökonomen von einem Plus von 2 Prozent ausgegangen.

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