Montag, 21. Oktober 2019

Ökonomische Eiszeit Klimawandel in der Weltwirtschaft - Kampf gegen die Eiszeit

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Nach der Klimawoche ist vor der Klimawoche, kann man angesichts der Dominanz des Themas nur konstatieren. Während den einen die angekündigten Maßnahmen der Regierung nicht radikal genug sind, bedauern andere ein Sammelsurium an Maßnahmen mit hohen Kosten und zweifelhaften Wirkungen. Derweil wird auf weltweiter Ebene erneut betont, wie entscheidend das Ziel der Reduktion des CO2-Ausstoßes ist, will man dem Klimawandel noch begegnen. Die Erdatmosphäre soll sich nicht weiter aufheizen, so das Ziel.

Klimawandel in der Weltwirtschaft

Daniel Stelter

Aus ökonomischer Sicht muss man jedoch ganz anders auf das Weltklima blicken. Denn nicht eine Erwärmung - also mehr Wachstum, mehr Inflation und wachsender Wohlstand - ist hier das Thema, sondern das genaue Gegenteil. Die Welt rutscht immer mehr in das Szenario einer ökonomischen Eiszeit. Weniger Wachstum, anhaltender deflationärer Druck und stagnierender bis schrumpfender Wohlstand sind die Ingredienzen für soziale Konflikte, politische Radikalisierung und Protektionismus.

  • Japan befindet sich schon seit dem Platzen der Spekulationsblase Ende der 1980er-Jahre in einer Dauerstagnation. Die schmerzhafte Entschuldung ("Deleveraging") der Unternehmen führte zu geringem Wachstum und deflationärem Druck. Nur dank anhaltend guter Exporte und massiv steigender Staatsverschuldung bei gleichzeitig hoch aggressiver Geldpolitik (Negativzins, Aufkauf von Anleihen und Aktien) ist es dem Land gelungen, eine schwere Depression zu vermeiden. Der Rückgang der Erwerbsbevölkerung, die ihren Höhepunkt ungefähr zeitgleich mit dem Höhepunkt der Spekulationsblase hatte, verstärkt den Trend zu geringem Wachstum. Dieser kann trotz erheblicher Produktivitätsfortschritte nicht kompensiert werden.
  • Europa - namentlich die Eurozone - befindet sich seit dem Platzen der Euro-Schulden-Party-Blase im Jahre 2009 ebenfalls auf dem Weg in das eigene "japanische Szenario". Die Parallelen sind in der Tat beängstigend, vor allem mit Blick auf die hohe Verschuldung, das - bei nüchterner Betrachtung - insolvente Bankensystem, die zunehmende Zombifizierung der Unternehmen und der demografischen Entwicklung. Hinzu kommen noch die deutlich schlechtere Produktivitätsentwicklung als in Japan, das Korsett des Euro und die Tatsache, dass Europa kein einzelnes Land mit ähnlich homogener Bevölkerung ist wie Japan. Damit steht die Eurozone deutlich schlechter da als Japan.
  • Die USA haben unter Trump den wohl aggressivsten Versuch einer Reflationierung - also eines Ausbruchs aus dem Eiszeit-Szenario - erlebt. Und er scheint gescheitert. Egal ob man dem Präsidenten mit seiner Forderung nach raschen und deutlichen Zinssenkungen der Fed folgt, ist unstrittig, dass sich der längste (und schwächste) Aufschwung der Nachkriegszeit trotz Rekorddefizit und negativen Realzinsen dem Ende nähert. Und damit dürften die USA mit einem Zyklus Verspätung nach Japan und Europa auch in die Eiszeit driften. Negative Zinsen auf zehnjährigen US-Staatsanleihen sind damit nur eine Frage der Zeit.
  • China wiederum hat zwar einen entscheidenden Beitrag geleistet, um eine Große Depression in Folge der Finanzkrise zu verhindern. Doch dies ging einher mit einer massiv gestiegenen Verschuldung, die zu einem guten Teil zu Überkapazitäten und damit deflationären Druck führt. Es ist fraglich, ob die Regierung dort nochmals in der Lage sein wird, einen Abschwung zu verhindern. Hinzu kommt auch hier die oftmals vergessene demografische Entwicklung, die schon bald zu einem Rückgang der Erwerbsbevölkerung führen dürfte. Zwar verfügt das Land über enormes Humankapital und damit die Fähigkeit, bei den Technologien der Zukunft ganz vorne mitzuspielen. Zur Stütze der Weltwirtschaft, vor allem im Eiszeit-Umfeld der anderen Regionen dürfte es nicht langen.

Schon früher gab es solche Krisen, ausgelöst durch zu viele Schulden und die damit verbundene Fehlallokation von Ressourcen. Zuletzt war das in der Großen Depression der 1930er-Jahre der Fall, die bekanntlich nur durch die Aufrüstung für den Krieg und die mit dem Krieg einhergehende Zerstörung überwunden wurde. Nach dem Krieg hatten wir weltweit hohes Wachstum, getrieben von Bevölkerungswachstum und sprunghaften Produktivitätsfortschritten aufgrund technischen Fortschrittes. Dabei spielte die Entwertung/Zerstörung vorhandenen Kapitals und die Vernichtung von Schulden durch Pleiten, Inflation und ebenfalls kriegerische Handlungen eine entscheidende Rolle.

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