Samstag, 21. September 2019

Ein Jahr Proteste für Klimaschutz Warum der Greta-Hype zum Risiko wird

Greta Thunberg: Auf dem Segelboot in die USA

Vor knapp 2000 Jahren soll ein junger Mann übers Wasser gelaufen sein, heute nimmt ein kleines Mädchen das Segelboot - und die Welt ist ebenso fasziniert. Leider mutiert auf diese Weise der Klimaschutz immer mehr zum Medienrummel - und gefährdet sich damit seine eigenen Ziele.

Ja, auch ich gehöre zu denjenigen, die (bisher) mangelndes politisches Engagement bei Jugendlichen beklagt haben. Und das habe ich in Kommentaren und Vorträgen auch immer wieder angeprangert. So gesehen ist Greta Thunberg ein wahrer Segen für die nachfolgende Generation, denn seit die junge Schwedin die Fridays-for-Future-Bewegung startete, ist reichlich Druck auf dem Kessel der Klimapolitik.

Wenn ich meinem 14-jährigen Sohn freitags eine Entschuldigung fürs Schuleschwänzen schreiben muss, weil er demonstrieren möchte, mache ich das gern. Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Dass immer noch 15 Prozent des Stroms in Nordrhein-Westfalen aus der Braunkohle kommen und in China derzeit massiv Kohlekraftwerke gebaut werden, erkläre ich ihm dann auf dem Weg durch den Hambacher Forst, während ich ein wenig auf ihn aufpasse, damit er nicht in den falschen Teil einer Demonstration gerät.

Tom Buschardt
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    Tom Buschardt ist seit Ende der 1990er Jahre Medientrainer. Er coacht Vorstände und Politiker für den optimalen Auftritt vor Mikrofon, Kamera und Publikum. Seit 2004 ist er auch Dozent an der Akademie des Auswärtigen Amtes (Interviewtraining). Er arbeitete für zahlreiche Sender der ARD sowie RTL Aktuell und ist Experte für Krisenkommunikation. www.buschardt.de

Fotos mit Greta ersetzen konkrete Politik

Hier schreibt übrigens einer aus der Generation Ostermärsche und Anti-Atomkraft, dessen Büro von drei Braunkohlekraftwerken umgeben ist. Dennoch widerstrebt es mir, wenn nur auf einen Teil des großen Ganzen geblickt wird und dieser Blickwinkel zur Religion erhobenen wird, der bedingungsloser Glauben zu schenken ist. Die Welt ist nun einma nicht schwarz-weiß, sondern ziemlich bunt. Das ist bei der Debatte um Plastik- oder Papiertüten beziehungsweise Glasflasche oder Tetrapak nicht anders.

Dass ein 16-jähriges Mädchen zur Ikone der Klimapolitik werden konnte, sagt sehr viel darüber aus, wie diese Klimapolitik in der Vergangenheit aufgesetzt war und welche Aufmerksamkeit man ihr schenkte. Mir wäre es deutlich lieber, wenn die Politik mehr auf erfahrene Klimaforscher hören würde, als sich darum zu kümmern, mit Greta fotografiert zu werden.

Greta Thunberg hat Al Gore abgelöst

Der frühere amerikanische Präsidentschaftskandidat Al Gore musste nach seiner - ziemlich zweifelhaften - Niederlage bei der Wahl ein neues politisches Lebensthema finden. Er hat große Verdienste um den Klimaschutz, ohne ihn hätte es das Pariser Klimaschutzabkommen wohl nicht gegeben. Doch trotz seiner Klimafilme und politischen Erfolge im Kampf gegen den Klimawandel, haftet ihm letztlich immer der Makel des gescheiterten Präsidentschaftskandidaten an. Die Umwelt war der Plan B seiner politischen Karriere. Das wirkte in der medialen Kommunikation oft ähnlich belanglos wie das Damenprogramm bei Staatsbesuchen.

Greta Thunberg dagegen wirkt makellos. Sie ist frisch, glaubwürdig und unverbraucht. "Unverbraucht" sehe ich inzwischen allerdings mit deutlichen Einschränkungen, denn die Jugendliche - das muss man einmal deutlich sagen - wird medial verheizt. Greta wirkt gegenüber Al Gore frisch und pfiffig, sie legte mit ihrer Rede bei der UN-Klimakonferenz in Katowice den Finger in die schorfige Wunde meiner Generation: Wir trennen zwar unseren Müll, fahren aber mit dem SUV zum Glascontainer.

Die Gallionsfigur Greta darf nicht zum sprechenden Ökolabel verkommen

Greta in Katovice, das war ein brillianter Auftritt. Wortgewandt und zugleich anklagend genug, um sich Gehör zu verschaffen. Die Sekundärberichterstattung sorgte für inhaltliche Einordnung, das Video von ihrem Auftritt ging viral. Ähnlich wie die Schülerproteste nach dem Schulmassaker im US-amerikanischen Parkland, griffen die Schülerproteste zum Klimawandel nun in vielen Ländern um sich. Die Jugend wurde politisiert. Danke, Greta! Doch die jugendliche Gallionsfigur der Klimabewegung läuft Gefahr, zu einem sprechenden Ökolabel zu verkommen, das irgendwann zwischen dem Umweltengel und dem Grünen Punkt nicht weiter auffällt.

Im Video: Auf dem Segelboot über den Atlantik

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Bild: REUTERS/ UK POOL

Ihre politische und mediale Überhöhung begann spätestens mit der Nominierung für den Friedensnobelpreis, die ich zunächst für eine Meldung aus dem Hause Böhmermann hielt, dann jedoch schnell eines Besseren belehrt wurde. Der Nobelpreis für eine clevere Rede? Henry Dunant, Begründer des Internationalen Roten Kreuzes, war der erste Friedensnobelpreisträger. Steht Greta Thunberg wirklich in einer Linie mit Henry Dunant?

Gebt ihr Medienpreise, einen Bambi (denn: "Bambi liebt Hambi"), die Goldene Kamera. Aber bitte nicht den Friedensnobelpreis. Wer kommt sonst als Nächstes? Der Erfinder des E-Scooters? Der Nobelpreis sollte auch ein Lebenswerk abbilden. Das dürfte bei einer 16-Jährigen schwierig werden.

Ja, Medien verlangen nach Celebrities, vor allem, wenn es um ein Thema geht, das fürs Internet klickfreudig aufgebaut werden kann. Greta besucht den Hambacher Forst. Greta posiert mit einem vermummten Aktivisten. Gretas Reaktion auf den Anblick des Tagebaus. Greta hier, Greta da. Und nun segelt sie auch in die USA. Umweltfreundlich, scheinbar klimaneutral, den Hilfsmotor versiegelt und medial gefeiert.

Der Medienhype stärkt die Klimaschutzgegner

Aber genau JETZT könnte der Wind sich drehen: Denn, wie inzwischen bekannt wurde, reist die Crew, die das Schiff wieder zurücksegeln soll, per Flugzeug in die USA. Wenn Greta sich per Skype zuschalten würde, wäre das nicht nötig gewesen. Damit liefert Greta der Gegenseite leider ohne Not Argumente, Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihres Engagements zu sähen. Leugner des Klimawandels haben nun harte, messbare Fakten an der Hand, um Greta Thunberg Scheinheiligkeit vorzuwerfen. Ich mag gar nicht daran denken, wie die Gegenseite argumentieren wird, falls der Skipper doch in einer Notsituation den Hilfsmotor anwerfen muss.

Das größte Problem mit den Kritikern des Klimaschutzes ist doch, dass sie die Augen vor kritischen Fakten verschließen - und nun liefert ausgerechnet Gretas Umfeld ihnen jene unwiederlegbaren Gegenargumente, die man auch ohne Schulabschluss glaubwürdig herunterbeten kann. Wenn Greta gegen Flugreisen ist, aber andere Menschen wegen ihrer Schiffsreise fliegen müssen, kann die Tour so klimafreundlich nicht sein - so deren Argumentation.

Außerdem müssen wir bei Gretas Interkontinentalsegelreise ein Detail beachten: Es begleitet die 16-Jährige nicht nur ihr Vater (was selbstverständlich ist), sondern auch ein Filmemacher. Die Produktion wird sicher mehr Zuschauer ins Kino locken als Al Gore - oder mehr Streaming-Abrufe generieren. Und was ist mit der Klimapolitik? Die schauen wir uns dann später im Kino an. Mit gentechnisch verändertem Popcorn in der Einwegtüte und süßem Brausegetränk eines Weltkonzerns, der in afrikanischen Ländern die Brunnen ausbeutet und Teile des Mehrwegsystems abgeschafft hat. Mit Plastikstrohhalm.

Im Kölner Cinedom wurden beim letzten Film von Al Gore noch nicht einmal die Eintrittskarten kontrolliert. Lohnte sich nicht. Es waren weniger als zehn Zuschauer in der Vorstellung, die ich besuchte.

Es wird Zeit, dass Greta das ändert.

Tom Buschardt ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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