Trotzreaktion auf arabisches Ultimatum Katar will die Welt jetzt erst recht mit Gas fluten

LNG-Produktionsanlagen in Katars Industriezone Ras Laffan

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Emirat im Abseits: So wichtig ist Katar für die deutsche Wirtschaft

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In der Nacht zu Mittwoch ist das Ultimatum der arabischen Nachbarstaaten an das Emirat Katar verstrichen. Einen Brief erhielten die Außenminister zwar, die nun in Kairo über Konsequenzen beraten. Seinen Kurs zu ändern, verweigert der reiche Kleinstaat jedoch.

Im Gegenteil: Wie CNN berichtet , beschleunigt Katar seine wirtschaftliche Expansion jetzt erst recht - mit Folgen für den Weltmarkt für Energierohstoffe, von dem besonders die Nachbarstaaten abhängen.

Am Dienstag verkündete Saad Sheriba Al-Kaabi, Chef des Staatskonzerns Qatar Petroleum, eine Verdopplung der Ausbaupläne im North Field, dem weltgrößten Erdgasfeld. "In fünf bis sieben Jahren wird dieses Projekt die katarische Produktion auf rund sechs Millionen Fass Erdöläquivalent pro Tag steigern", erklärte Al-Kaabi.

Katar, bereits jetzt Weltmarktführer im Export von verflüssigtem Erdgas (Liquefied Natural Gas, LNG), würde seine Ausfuhren um 30 Prozent steigern - während die Nachfrage nach Schätzung von Shell  um 4 bis 5 Prozent jährlich zunimmt.

Das kleine Emirat, dank Erdgas zum (pro Kopf gerechnet) reichsten Land der Welt aufgestiegen, ist jedoch nicht allein mit seinen Expansionsplänen. Am Montag unterzeichnete Konzernchef Patrick Pouyanné in Teheran einen Vertrag über Milliardeninvestitionen des französischen Multis Total  in das iranische Gasfeld South Pars. Nach dem weitgehenden Ende jahrelanger westlicher Sanktionen gegen Iran, so die Hoffnung, locken hier die letzten großen billigen Energiereserven der fossilen Welt.

Warum Katars Gasmacht Saudi-Arabien ärgert - und in Gefahr ist

Bei South Pars und North Field handelt es sich um dasselbe Feld, das sich zwischen Iran und Katar unter dem Persischen Golf ausbreitet. Die beiden Länder teilen sich den Rohstoff. Die daraus folgende Kooperation mit dem Erzrivalen Saudi-Arabiens hat die arabischen Monarchen gegen Katar aufgebracht. Hinzu kommt die Unabhängigkeit, die das Land dank des Gasreichtums genießt und für eigensinnige Außenpolitik in der arabischen Welt ebenso einsetzt wie für eigene Allianzen mit dem Westen.

Außerdem kann Katar die Misere auf dem Ölmarkt gelassen aushalten, die Saudi-Arabien und Co. in eine tiefe Krise treibt. Im Ölexportkartell Opec sitzt Katar am Tisch - als Minderheit, für die Erdöl nur eine Nebeneinnahmequelle darstellt.

Der Aufstieg von LNG wird teilweise auch zur direkten Konkurrenz für die Ölscheichs: Erdgas lässt sich als Grundstoff der Chemieindustrie nutzen, als Brennstoff für Kraftwerke oder Heizungen und auch für Autos (letzteres allerdings nur in Südasien mit wirklichem Markterfolg).

Dennoch ist Katars Position auch ohne die Krise mit den Nachbarstaaten bedroht. Der lange von Katar dominierte LNG-Markt, der vor allem den Energiehunger von Japan, Südkorea, China, Taiwan und Indien bedient, lockt immer mehr Wettbewerber an.

Herausforderer Nr. 1 ist Australien. Dort haben Konzerne wie Chevron oder Shell mehrere hundert Milliarden Dollar in acht neue LNG-Megaprojekte investiert. Die meisten davon werden nun fertig. Ab 2018, spätestens 2019 dürfte Australien Katar den Rang als größter Lieferant ablaufen. Hinzu kommt überschüssiges Fracking-Gas aus den USA, das seit 2016 auch im großen Stil als LNG exportiert wird - mit Plänen für die vielfache Menge.

Ein Weltmarkt für Gas entsteht - mit Europa als möglicher neuer Macht

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Bereits jetzt ist das Überangebot in fallenden Preisen spürbar. Seit dem Rekord 2014, als vor allem Japan Not hatte, die stillgelegten Atomkraftwerke um jeden Preis durch Gaskraft zu ersetzen, sind die LNG-Preise in Ostasien um 75 Prozent gefallen - noch mehr als beim Öl.

Jetzt entstehe ein echter Weltmarkt für Gas, das bisher kaum über lange Distanzen transportiert werden konnte, heißt es in einer Reuters-Analyse . Die Käufer ließen sich nicht mehr an langfristige Lieferverträge binden und nutzten günstige Gelegenheiten am Spotmarkt.

Zur zukünftigen Macht in diesem Markt könnte ausgerechnet Europa werden: Hier gebe es neben LNG-Terminals auch Pipelines und Lager, um den flüchtigen Stoff länger aufzubewahren - und bei Bedarf zwischen LNG- und Pipeline-Importen aus Russland oder Norwegen zu wechseln. Europa dürfte auch ein wichtiges Ausweichziel für in Asien überschüssige katarische LNG-Mengen werden.

Angesichts dieser Lage wirkt noch mehr Gasproduktion aus Katar ähnlich verzweifelt wie das Verhalten Saudi-Arabiens, beim Öl Absatzmengen statt Preise zu maximieren. "Wir müssen den Grund für Katars Pläne noch herausfinden - wir jedenfalls haben keine Pläne, noch mehr LNG aus Katar zu importieren", zitiert Reuters einen Sprecher des Großkunden Korea Gas.

"Es könnte darum gehen, wieder die Nummer eins im LNG zu werden", mutmaßt Analyst Neil Beveridge von Sanford C. Bernstein. Einen Vorteil hat Katar: Die Produktionskosten im North Field gelten als die niedrigsten der Welt, die Kosten für den Großteil der nötigen Infrastruktur sind längst verdient. So könnte das Emirat einen Preiskrieg länger durchhalten als die neuen Wettbewerber. Aber ob die deshalb aufgeben? Da ließen sich die Erfahrungen Saudi-Arabiens nutzen - wenn es denn noch Kontakt gäbe.

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