Saudi-Arabien vs. Katar Darum geht es beim Konflikt am Golf

Katar hat nur zwei Millionen Einwohner - aber außenpolitisch große Ambitionen. Den großen Nachbarn Saudi-Arabien stört das schon länger. Jetzt eskaliert die Fehde. Die Hintergründe.
Tamim bin Hamad Al-Thani, Emir von Katar

Tamim bin Hamad Al-Thani, Emir von Katar

Foto: Osama Faisal / AP

Mehrere arabische Staaten haben die diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen, ihre Grenzen zum Nachbarland geschlossen - und das winzige, aber an Erdgas reiche Emirat damit vom Festland der Arabischen Halbinsel abgeschnitten. Offiziell stoßen sich Saudi-Arabien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain an Iran-freundlichen Aussagen, die Katars Führung gemacht haben soll, und deren Unterstützung für islamistische Gruppen.

Katar gibt allerdings an, die von Staatsmedien verbreiteten Statements gingen auf eine Hackerattacke zurück. "Diese Kampagne der Aufwiegelung fußt auf Lügen, die das Niveau vollständiger Erfindungen erreicht haben", teilte das Außenministerium mit.

Beobachter überrascht vor allem die Härte, mit der der Konflikt geführt wird. Die von Saudi-Arabien gebildete Koalition hat drastische Schritte gegen das Nachbarland Katar angekündigt. Diplomatisches Personal wird abgezogen, Bürger Katars müssen die anderen Länder innerhalb von 14 Tagen verlassen. Der Schiffs- und Flugverkehr wird eingestellt - ein schwerer Schlag vor allem für Qatar Airways, eine der größten Fluglinien der Welt. Die Notierungen an Katars Börse in Doha stürzten um fast acht Prozent ab.

Was ist der Auslöser für die diplomatische Krise?

Die aktuellen Spannungen haben ihren Ausgang in einem politischen Affront genommen - oder einer Hackerattacke, je nach Sichtweise. Die staatliche Nachrichtenagentur Katars hatte am 24. Mai Meldungen veröffentlicht, in denen Katars Emir Positionen vertrat, die Saudi-Arabiens Interessen diametral entgegenstehen. In dem Text hieß es, das Staatsoberhaupt habe Iran als "islamische Macht" gepriesen.

Die von Iran unterstützte Palästinenserorganisation Hamas wiederum sei "der legitime Repräsentant des palästinensischen Volks", wurde der Emir zitiert. Im Übrigen unterhalte Katar "starke Beziehungen" zu Iran, einem Land, das zur "Stabilisierung der Region" beitrage. Ein Affront für die Saudis: Iran ist ihr Erzfeind und langjähriger Widersacher im Ringen um die Vorherrschaft in der Region.

Das Problem: Katar dementierte die Aussagen umgehend. Die Staatsmedien des Emirats seien Opfer einer Hackerattacke gewesen. Tatsächlich war die Website der staatlichen Nachrichtenagentur stundenlang nicht zu erreichen. Katars Herrscherfamilie setzte sogar eine Gegendarstellung in der englischen Tageszeitung "Guardian" durch. Das Land sei Opfer von "Fake News" geworden, stand da. Ungeachtet des Dementis setzten saudische Medien ihre Angriffe fort. "Katar sprengt die Reihen und stellt sich auf die Seite des Feinds", schrieb die Tageszeitung "Okaz daily" aus Dschidda.

Darum geht's wirklich

Saudi-Arabien will Katar auf Linie bringen. Das Emirat ist zwar nur ungefähr doppelt so groß wie Zypern und hat etwas mehr als zwei Millionen Einwohner. Seine Herrscherfamilie hegt allerdings große politische Ambitionen - und verfügt zudem über Mittel, diese auch zu verfolgen. Katar hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt (130.000 Dollar). Das Land ist der größte Exporteur von verflüssigtem Erdgas (LNG) weltweit und hat nach Russland und Iran die größten Gasreserven.

Katars Herrscherfamilie Al-Thani hat den Gasreichtum eingesetzt, um globalen Einfluss zu gewinnen, etwa durch Investitionen in den TV-Sender Al Jazeera oder mit der Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft 2022.

Und: Die Al-Thanis leisten sich den Luxus einer eigenen Außenpolitik, die der regionalen Vormacht Saudi-Arabien regelmäßig in die Quere kommt. So hatte Katar die Aufstände des "Arabischen Frühlings" nach 2011 über den Sender Al Jazeera unterstützt. Das Land gab auch der islamistischen Muslimbruderschaft Rückendeckung, insbesondere dem zwischenzeitlichen Präsidenten Ägyptens Mohamed Morsi. Saudi-Arabien stuft die Muslimbrüder als Terrororganisation ein.

Katar ist darüber hinaus ein wichtiger Verbündeter der Palästinenserorganisation Hamas, die auch von Iran unterstützt wird: So lebt Hamas-Chef Khalid Meshal seit 2012 im Exil in Doha - obwohl ihm Israels Geheimdienst nach dem Leben trachtet.

Darum ist der Konflikt so brisant

Die Region ist ein Pulverfass. Der schiitische Iran und das sunnitische Saudi-Arabien ringen um die Vorherrschaft über den Golf. Eine saudisch geführte Militärallianz kämpft derzeit im Jemen-Krieg gegen die schiitischen Huthi-Rebellen. Katar war bislang Mitglied des Bündnisses, soll es aber verlassen.

Das sunnitische Herrscherhaus von Bahrein, ein Verbündeter Saudi-Arabiens, sieht sich mit Protesten der schiitischen Bevölkerungsmehrheit konfrontiert. Am Wochenende übernahmen Hacker den Twitter-Account des Außenministers von Bahrain und warnten die Königsfamilie, man werde "Burgen aus euren Schädeln" bauen.

Sowohl Saudi-Arabien als auch Katar sind Verbündete der USA in der Region. In Katar liegt die Al Udeid Air Base, dort sind 10.000 US-Soldaten stationiert und das Regionalkommando der US-Streitkräfte beheimatet.

Sollte die Wirtschaft des Emirats unter der Blockade leiden, könnte das Auswirkungen bis nach Europa senden. Katars Staatsfonds hält etwa Anteile am Volkswagen-Konzern (17 Prozent) und der Deutschen Bank (sechs Prozent).

Wie geht es weiter?

Bemerkenswert ist das Timing der Auseinandersetzung: Der Konflikt brach aus, kurz nachdem US-Präsident Donald Trump in Saudi-Arabien mit großem Pomp empfangen worden war - und den Saudis Waffenverkäufe in Höhe von 110 Milliarden Dollar zusicherte. Saudi-Arabien war der große Gewinner von Trumps erster Nahost-Reise. Der US-Präsident habe sich der saudischen Lesart angeschlossen und das Land "zum Nervenzentrum der arabischen und islamischen Welt gekrönt", sagt Fawaz Gerges, Professor der London School of Economics.

Die US-Regierung in Washington ist nun bemüht, die Wogen zu glätten. Außenminister Rex Tillerson ließ mitteilen, er gehe nicht davon aus, dass der Abbruch der Beziehungen zu Katar Auswirkungen auf den gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus haben werde. Die Golfstaaten sollten sich an einen Tisch setzen "und die Differenzen ansprechen", sagte Tillerson. Ermittler der US-Bundespolizei FBI unterstützen Katar bereits bei der Untersuchung des mutmaßlichen Hackerangriffs.

In Iran löste die Auseinandersetzung Schadenfreude aus. "Das war wohl der erste Riss in der (Anti-Iran)-Koalition und auch das erste Ergebnis des Schwerttanzes (von US-Präsident Trump - d. Red.) in Riad", twitterte Hamid Aboutalebi, Vizestabschef im Präsidialamt.

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