Henrik Müller

Systemkritik Warum der Strukturwandel für Deutschland so wichtig ist

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Der Kapitalismus ist am Ende, und zwar schon lange. Gerade deshalb ist die große Mehrheit der Bürger ziemlich zufrieden mit unserem Wirtschaftssystem. Doch die Herausforderungen sind gigantisch. Deshalb brauchen wir viel mehr technologische Durchbrüche nach dem Vorbild von Biontech.
Erfolgreiches Unternehmerpaar: Özlem Türeci und Uğur Şahin bilden mit ihrem Pharmaunternehmen Biontech die erfolgreichste deutsche Firmengründung seit Jahrzehnten

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Foto: Christoph Hardt / imago images/Future Image

Ganz offenkundig gibt es ein gewisses Unbehagen mit unserem Wirtschaftssystem. Der SPIEGEL konstatierte kürzlich in einer Titelstory , dass der Kapitalismus nicht mehr funktioniere – und ließ einen grimmigen Karl Marx vom Cover schauen. Seit 19 Wochen steht das Buch "Das Ende des Kapitalismus" der taz-Journalistin Ulrike Herrmann auf der Bestsellerliste. Der französische Ökonom Thomas Piketty sieht einen "Sozialismus der Zukunft" heraufziehen und hofft auf einen "feministischen, diversen und partizipativen" Umbau des Wirtschaftssystems. Dass wir in einer Ära des zügellosen Neoliberalismus leben, gilt manchem Kommentator als derart evident, dass man diese Behauptung gar nicht mehr zu begründen braucht.

Bei der modernen Kapitalismuskritik geht es um alles Mögliche: materielle Ungleichheit, Umweltzerstörung, die Geschlechterverhältnisse, Machtmissbrauch, Alltagsstress… Die Liste der beklagenswerten realweltlichen Zustände ist lang.

Das klingt alles aufregend radikal. Wenn schon Marx als Kronzeuge herhalten muss, dann kommt, was kommen muss: die Revolution. Oder vielleicht doch nicht?

Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger ist zufrieden

Tatsächlich sind die Bundesbürger mit ihrem Wirtschaftssystem ziemlich zufrieden, wie eine Umfrage des Münchner Ifo-Instituts  vom vorigen Sommer zeigt. Dreiviertel der Befragten bewerteten das deutsche ökonomische System positiv, viele von ihnen sogar sehr positiv. Dazu fielen ihnen Begriffe ein wie "Soziale Absicherung", "Fairness" und "Effizienz". Nur ein Siebtel der Befragten assoziierte "Unzufriedenheit" mit den herrschenden Verhältnissen. Kaum jemandem fiel das Wort "Kapitalismus" ein, "Sozialismus" übrigens auch nicht. Bei aller Kritik im Detail ist die soziale Marktwirtschaft ein durchaus populäres Arrangement.

Die große Mehrheit der Bürger hat ganz und gar nicht den Eindruck, als würden die Kapitalinteressen ungezügelt wüten. Wir sind weit entfernt vom Endspiel des Kapitalismus, in der "die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtung, der Degradation, der Ausbeutung, aber auch die Empörung" immer weiter zunimmt, wie es im ersten Band von "Das Kapital", erschienen 1867, heißt – bis irgendwann das Proletariat aufbegehrt und alle Macht an sich reißt.

Was nach der Revolution kommt, hat Marx allerdings nicht großartig interessiert. Sein Fokus lag darauf, den marktwirtschaftlichen Prozess der Kapitalakkumulation zu verstehen. Die Welt danach blieb vage und diffus.

So erinnert denn auch die Kapitalismuskritik der Gegenwart ein bisschen an einen alten Song der Band "Ideal", in dem sich die schönen Zeilen finden: "Ich träum, dass alles anders wird/dass endlich was passiert." Das ist legitim und kann äußerst anregend sein. Ohne Unzufriedenheit mit den Verhältnissen gibt es keinen Fortschritt. Worin also bestehen die realen Probleme? Und worin mögliche Lösungen?

Kapitalismus stellt man sich eigentlich anders vor

Über Verteilungsfragen muss man immer streiten, aber die Gerechtigkeitslücken haben sich in der jüngeren Vergangenheit jedenfalls nicht vergrößert. Die Verteilung der verfügbaren Einkommen ist ziemlich gleichmäßig; nur wenige wohlhabende westliche Länder erreichen bessere Werte, wie aus OECD-Statistiken hervorgeht .

Rund die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts läuft durch staatliche Kassen . Ein Viertel wird in Form von Sozialleistungen umverteilt . Kapitalismus stellt man sich eigentlich anders vor. Die Pro-Kopf-Einkommen  sind über Jahre langsam, aber stetig gestiegen – bis vorletztes Jahr die Inflation aus dem Ruder zu laufen begann. (Achten Sie Dienstag auf den Beginn der Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst.)

Deutschland und andere (überwiegend europäische) Länder mit vergleichbaren Wirtschaftssystemen belegen im Weltbank-Ranking der menschlichen Entwicklung – ein Sammelindikator, in den nicht nur der materielle Lebensstandard eingeht – sämtlich Spitzenplätze. Die Lebenserwartung hierzulande ist seit 1991 um fünf Jahre gestiegen .

Das heißt nicht, dass alles super ist. Aber es zeigt, dass im Wettbewerb "Kapitalismus kontra Kapitalismus", den der französische Ökonom Michel Albert in seinem gleichnamigen Buch beschrieb, das kontinentaleuropäische Modell gegenüber dem angelsächsischen nicht so schlecht abschneidet. In Relation zu autokratischen staatskapitalistischen Schwellenländern können sich die Resultate erst recht sehen lassen.

Kriegswirtschaft – ernsthaft?

Doch es gibt zwei epochale Probleme: In den kommenden Jahrzehnten müssen wir den Übergang zur Klimaneutralität hinbekommen und zugleich eine beispiellose Alterung der Gesellschaft managen. Das wird alles andere als einfach. Ohne ein geschicktes Zusammenspiel von Staat und Privatwirtschaft wird es nicht gelingen.

Der Pro-Kopf-Ausstoß an klimaschädlichen Gasen in Deutschland ist seit 1991 um gut ein Drittel gesunken. Damit allerdings gehört Deutschland unter den Volkswirtschaften mit vergleichbarem Wohlstandsniveau zu den schmutzigsten . Wir wirtschaften viel zu dreckig, und das hat auch mit dem großen Anteil zu tun, den die industrielle Produktion nach wie vor in Deutschland hat.

Ulrike Herrmann sieht gerade deshalb einen grundlegenden Umschwung als unabdingbar: Weil der Kapitalismus stets wachsen müsse, so ihre Behauptung, sei nun eine staatliche Kommandowirtschaft erforderlich, um das kollektive Schrumpfen der Wirtschaftsleistung zu organisieren, ähnlich der britischen Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg. Das ist ein interessanter Gedanke – den ich allerdings für ganz und gar nicht stichhaltig halte.

Dass Kapitalismus nur funktioniert, wenn er immer mehr natürliche Ressourcen zerstört, ist keineswegs zwangsläufig. Tatsächlich hat sich der Ressourcenverbrauch in den vergangenen Jahrzehnten vom gemessenen Wirtschaftswachstum entkoppelt. Dieser allmähliche Wandel resultierte vor allem aus einer langen Kette von technologischen Fortschritten, wie der US-Ökonom Andrew McAfee in seinem beispielreichen Buch "More from less" darlegt.

Dazu kommt der Strukturwandel. Die Produktion von physischen Gütern spielt eine immer kleinere Rolle. Geistiges Eigentum (Patente, Know-how, Designs und ähnliches) macht hingegen einen immer größeren Teil der Wirtschaftsleistung aus. Allerdings nicht in Deutschland: Die Produktion und Vermarktung von Wissensgütern ist nicht gerade unsere Stärke. Der Anteil an den Investitionen liegt hierzulande nicht mal halb so hoch wie in der Schweiz, aber auch deutlich unter den Werten  von Schweden, Frankreich oder den USA. Auch im internationalen Handel rückt die entstofflichte Wertschöpfung in den Fokus und wirbelt die alten Regeln der Globalisierung durcheinander . Mit der verbreiteten Vorstellung, dass Wirtschaftswachstum notwendig mit der ressourcenschädigenden Fertigung physischer Güter einhergeht, wirkt Deutschland ziemlich gestrig.

Wir brauchen jede Menge Fortschritt

Wissenschaft und Unternehmertum sind gefordert, in einem intelligenten Zusammenspiel von Markt und Staat. Ein Beispiel dafür, wie es gehen kann, liefert die erfolgreichste deutsche Firmengründung seit Jahrzehnten: das Pharmaunternehmen Biontech, Hersteller des ersten mRNA-Impfstoffs weltweit. Basierend auf staatlich finanzierter Grundlagenforschung entwickelte die Mainzer Firma die Technologie bis zur Produktreife, wozu wiederum privates Kapital von risikofreudigen Investoren nötig war. Inzwischen ist die Firma an der New Yorker Börse Nasdaq notiert – und mehr wert als viele Dax-Konzerne. Der unterentwickelte deutsche Kapitalmarkt ist und bleibt ein Trauerspiel. (Achten Sie Montag auf den Neujahrsempfang der Deutschen Börse.)

Ähnlich tiefgreifende technologische Durchbrüche muss es in vielen Bereichen geben: bei Energie und Klimaschutz, Künstlicher Intelligenz , Mobilität. Wir brauchen jede Menge Fortschritt. Auf staatliches Kommando hin wird es den nicht geben, zumal in einem Land, das rapide zur Rentnerrepublik wird und auch deshalb Unternehmen verliert. (Wir haben kürzlich an dieser Stelle darüber diskutiert.) Der Staat sollte die Bedingungen schaffen, um die Mehrung des Wissens zu beschleunigen – durch ein solide finanziertes Bildungs- und Wissenschaftssystem, schnelle Digitalnetze, innovationsfreundliche Reformen des Finanzmarkts und pragmatische Regulierungen.

Ob wir das Resultat dann Kapitalismus, soziale Marktwirtschaft oder "partizipativen Sozialismus" (Piketty) nennen, ist mir offen gestanden egal.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Montag

Brüssel – Krieg in Europa – Treffen der EU-Außenminister. Topthema ist natürlich die Lage in der Ukraine.

Eschborn – Schwacher Auftritt – Neujahrsempfang der Deutschen Börse, mit EZB-Präsidentin Lagarde.

Frankfurt – Regulierungsfragen – Jahresauftakt-Pressekonferenz der Finanzaufsicht Bafin, mit Präsident Branson.

Dienstag

Potsdam – Mehr Kohle – Auftakt der Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen.

Berlin – Die Bundeskammer – Aus dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag wird die Deutschen Industrie- und Handelskammer. Zum Festakt kommt Olaf Scholz.

Berichtssaison I – Geschäftszahlen von Johnson & Johnson, Microsoft, Lockheed Martin, Halliburton, Logitech.

Mittwoch

München – Deutsche Konjunktur – Veröffentlichung des Ifo-Geschäftsklimaindex, des wichtigsten Konjunkturbarometers.

München – Wo sind die Milliarden? – Fortsetzung des Wirecard-Prozesses.

Berichtssaison II – Geschäftszahlen von Alstom, Easyjet, Tesla, Boeing, IBM, U.S. Bancorp, Whirlpool, Nasdaq.

Donnerstag

Washington – Bilanz 2022 – Die US-Regierung veröffentlicht eine erste Schätzung zum Wirtschaftswachstum im vorigen Jahr.

Berichtssaison III – Geschäftszahlen von SAP, STMicroelectronics, SGS, Sartorius, Dow, American Airlines, Mastercard, Visa, Intel, Southwest Airlines.

Berlin – Alt und langsam – Nationaler Produktivitätsdialog: Diskussionsveranstaltung zum Produktivitätsbericht des Sachverständigenrates.

Freitag

Berichtssaison IV – Geschäftszahlen von Hennes & Mauritz, Chevron, American Express, Colgate-Palmolive.

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