Clinton und Co. wettern gegen Trump US-Demokraten küren Biden zum Trump-Herausforderer

Die US-Demokraten haben Joe Biden nun auch offiziell zu ihrem Präsidentschaftskandidaten gewählt. Zuvor warnten noch einmal mehrere prominente Politiker eindringlich vor einer Wiederwahl Trumps, darunter Bill Clinton und John Kerry.
Joe Biden: Der 77-Jährige will das Land wieder einen und gegen systematischen Rassismus vorgehen

Joe Biden: Der 77-Jährige will das Land wieder einen und gegen systematischen Rassismus vorgehen

Foto: Carolyn Kaster / dpa

Die US-Demokraten haben Joe Biden (77) als ihren Kandidaten im Rennen um das Weiße Haus nominiert. Der ehemalige US-Vizepräsident erhielt am Dienstagabend (Ortszeit) bei dem weitgehend virtuell veranstalteten Parteitag wie erwartet die dafür notwendige Zahl an Delegiertenstimmen. Er tritt damit bei der Wahl am 3. November gegen US-Präsident Donald Trump (74) an.

"Es bedeutet die Welt für mich und meine Familie", sagte Biden. "Danke, danke, danke." Der 77-Jährige wird sich zum Abschluss des Parteitags am Donnerstag (Ortszeit) in Wilmington im US-Bundesstaat Delaware äußern und seine Nominierung formell annehmen.

Biden hatte bereits Anfang Juni nach einer Serie von Vorwahlen erklärt, dass er alle nötigen Stimmen zusammen habe, um sich die Kandidatur der Partei zu sichern. Amtsinhaber Trump soll kommende Woche bei dem Parteitag der Republikaner offiziell zum Kandidaten gekürt werden.

Die Corona-Pandemie hat die Planungen der Demokraten für den Parteitag auf den Kopf gestellt. Ursprünglich war das Treffen in einer großen Halle in Milwaukee (Wisconsin) geplant - in Anwesenheit von Zehntausenden Gästen. Das viertägige traditionelle Megaevent wurde auf täglich zwei Stunden Programm reduziert, das bei vielen Fernsehsendern und online übertragen wird. Nur wenige Vertreter der Demokraten befinden sich am ursprünglichen Veranstaltungsort.

Bill Clinton: "Trump verbringt täglich Stunden vor dem Fernseher"

Während der Abstimmung zur Nominierung verkünden Vertreter der Staaten und Gebiete der USA typischerweise die Verteilung der Delegiertenstimmen - und nutzen den Auftritt für politische Forderungen oder Preisungen ihrer Heimat. Dieses Jahr lief das Prozedere in komprimierter Form ab - Videos aus den einzelnen Teilen des Landes erinnerten an die Punktevergabe beim Eurovision Song Contest. Die Redebeiträge von Politikern, Aktivisten oder Arbeitern drehten sich um Bidens Pläne für die Wirtschaft und Erfahrungen während der Corona-Pandemie - Kritik an Trump gab es auch.

So warnte Ex-US-Präsident Bill Clinton (74): "Wenn Sie einen Präsidenten wollen, der seinen Job so definiert, dass er täglich Stunden vor dem Fernseher verbringt und Leute in sozialen Medien beharkt, dann ist er Ihr Mann", sagte der Demokrat in einer Videobotschaft. Zur Wahl stehe entweder Trumps "Wir-Gegen-Sie"-Amerika oder Joe Bidens Amerika, "wo wir alle zusammenleben und zusammenarbeiten. Es ist eine klare Wahl. Und die Zukunft unseres Landes hängt davon ab." Clinton sagte mit Blick auf die Corona-Krise und der infolge der Pandemie dramatisch angestiegenen Arbeitslosigkeit: "In einer Zeit wie dieser sollte das Oval Office eine Kommandozentrale sein. Stattdessen ist es ein Sturmzentrum", kritisierte Clinton. Unter Trump gebe es nur Chaos - nur eine Sache ändere sich nie: "Seine Entschlossenheit, Verantwortung zu bestreiten und die Schuld abzuwälzen." 

Der frühere US-Außenminister John Kerry (76) sieht die Amerikaner in Zeiten der Krise in größerer Gefahr. "Wir stehen auf globaler Ebene mehreren Krisen gegenüber, die sich alle ziemlich direkt auf die Sicherheit der Vereinigten Staaten auswirken", sagte Kerry und nannte als Beispiel den Klimawandel. Seit dem Zweiten Weltkrieg, als die USA die "entscheidende Rolle des Anführers der freien Welt" übernommen habe, habe jeder demokratische oder republikanische Präsident Respekt für das Amt, für die Wahrheit und sogar für die Institutionen gezeigt, sagte Kerry. Trump greife all das an und schwäche die USA damit. Trumps Mangel an Ehrlichkeit, an Beziehungen in der Welt, einer außenpolitischen Agenda und an Wissen führe dazu, dass die USA erstmals nicht mehr der Anführer der freien Welt seien.

Barack Obama gratuliert Joe Biden

Biden will nun das Land als Präsident wieder vereinen. Er will aus der Corona-Pandemie führen und die Wirtschaft wieder aufbauen, die durch die Krise erheblichen Schaden genommen hat. Zudem verspricht er, sich für mehr Gerechtigkeit einzusetzen und gegen systematischen Rassismus einzutreten.

Der 77-Jährige war acht Jahre lang Vizepräsident unter Barack Obama (59). In die Wahl ziehen will er mit der kalifornischen Senatorin Kamala Harris (55), die im Fall eines Sieges die erste schwarze Vizepräsidentin der USA wäre. Harris soll am Mittwoch (Ortszeit) nominiert werden und anschließend ihre Nominierungsrede halten. Biden hatte zahlreiche Frauen als "Running Mate" in Betracht gezogen. Während der landesweiten Debatte über Rassismus und Polizeigewalt war der Druck auf ihn gestiegen, sich für eine nicht-weiße Frau zu entscheiden.

Reuters

Obama reagierte erfreut auf die Nominierung Bidens. "Gratuliere, Joe. Ich bin stolz auf dich", schrieb der 59-Jährige am Dienstagabend (Ortszeit) auf Twitter. Er kommentierte damit einen Tweet Bidens, der geschrieben hatte, "es ist die Ehre meines Lebens", die Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokraten anzunehmen.

Biden liegt in landesweiten Umfragen vor Präsident Trump. Die Erhebungen haben allerdings wegen des komplizierten Wahlsystems nur begrenzte Aussagekraft. Biden ist bislang gut mit einem zurückhaltenden Wahlkampf gefahren, mit dem er der Pandemie Rechnung getragen hat. Die Demokraten unterstreichen damit ihre Botschaft, einen verantwortungsvollen Kandidaten ins Rennen ums Weiße Haus zu schicken. Wegen Trumps treuer Basis sind sie auf eine breite Koalition an Unterstützern angewiesen, von enttäuschten Trump-Wählern bis hin zu den Parteilinken. Die Hoffnung ist, dass der moderate Biden diese hinter sich vereinen kann.

Einem Medienbericht zufolge zog der Parteitag der US-Demokraten dieses Jahr zum Auftakt deutlich weniger TV-Zuschauer an als noch vor vier Jahren. Insgesamt seien am späten Montagabend 18,7 Millionen Menschen gezählt worden, zitierte Fox News aus ersten Einschaltquoten von Nielsen Media Research. Die ersten Veranstaltungen des Parteitags 2016 hatten dagegen 26 Millionen Zuschauer verfolgt. Damals trat die Demokratin Hillary Clinton (72) gegen den Republikaner und heutigen Amtsinhaber an.

mg/dpa-afx