Janet Yellen Ehemalige Fed-Chefin soll US-Finanzministerin werden

Ex-Fed-Chefin Janet Yellen soll erste Finanzministerin der USA werden. Sie genießt hohes Ansehen in Politik, Wirtschaft und bei Investoren. Sie gilt als kompromissfähig und bestens vernetzt. So eine Frau wird Joe Biden brauchen.
Großartig für die Märkte und das Finanzsystem: Die ehemalige Fed-Chefin Janet Yellen

Großartig für die Märkte und das Finanzsystem: Die ehemalige Fed-Chefin Janet Yellen

Foto: Andrew Harnik / AP

Der designierte US-Präsident Joe Biden (78) will offenbar die ehemalige US-Notenbank-Chefin Janet Yellen (74) zur ersten Finanzministerin in der Geschichte der USA machen. Der Demokrat habe vor, die 74-Jährige für den Posten zu nominieren, sagten zwei seiner Parteifreunde am Montag. Auch das "Wall Street Journal"  berichtete unter Berufung auf Insider über die Personalie. Ein Sprecher von Bidens Wahlkampfstab lehnte eine Stellungnahme ab, ebenso Yellen selbst, als sie telefonisch um einen Kommentar gebeten wurde. Biden-Beraterin Jen Psaki schrieb auf Twitter, dass Anfang kommende Woche "einige Mitglieder des Wirtschaftsteams bekannt gegeben werden".

Biden hat den Wiederaufbau der US-Wirtschaft nach dem Einbruch im Zuge der Corona-Krise zu einem Schwerpunkt seiner Präsidentschaft erklärt. Yellen hat sich dafür ausgesprochen, mit höheren Staatsausgaben der US-Wirtschaft aus der Rezession zu verhelfen. Gleichzeitig hat sie wiederholt die wachsende ökonomische Ungleichheit als Bedrohung für amerikanische Werte kritisiert. Bidens Amtsübernahme ist für den 20. Januar vorgesehen. Er stellt derzeit die Kandidatenliste für sein Kabinett zusammen. Erste Namen für Spitzenposten im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik gab er am Montag bereits bekannt. Er setzt vor allem auf langjährige, erfahrene Weggefährten, die sich in ihren künftigen Aufgabenfeldern bereits einen Ruf als Experten erworben haben.

Yellen genießt ein hohes Ansehen

Auch Yellen genießt hohes Ansehen in Politik, Wirtschaft und auf dem internationalen Parkett. Sie gilt als kompromissfähig, unterhält weitreichende Beziehungen zu Außenministern und Zentralbankern und wird von diesen hochgeschätzt, was ein wichtiger Vorteil sein könnte, da Biden versucht, die Beziehungen zu Verbündeten wieder zu kitten. Als Finanzministerin wäre sie die erste Frau an der Spitze des Schlüsselressorts, sollte der Senat sie im kommenden Jahr bestätigen. Doch Yellen scheint die Rolle der Pionierin wie auf den Leib geschrieben:

Bei ihrer Promotion war sie die einzige Frau unter zwei Dutzend Männern, die bei den Nobelpreisträgern James Tobin (2002 verstorben) und Joseph Stiglitz (77) damals ihren Doktor gemacht haben. 2014 dann hatte die ehemalige Professorin an der Elite-Uni Berkeley und Arbeitsmarktexpertin ebenfalls als erste Frau den Posten als Chefin der US-Notenbank übernommen, nachdem der damalige Präsident Barack Obama (59) sie nominiert hatte. Bei dessen Nachfolger Donald Trump (74) stieß sie jedoch auf wenig Gegenliebe. 2018 folgte ihr Jerome Powell (67) nach, der auch jetzt noch Fed-Chef ist. Neben Yellen galten zuletzt auch Fed-Direktorin Lael Brainard, der Chef der Notenbank von Atlanta, Raphael Bostic, und die ehemalige Fed-Direktorin Sarah Bloom Raskin als Anwärter für den Chefposten im Finanzministerium.

Investoren würden es begrüßen, wenn Yellen US-Finanzministerin werde. Mit der Wahl sende Biden ein positives Zeichen an die Märkte, glaubt Mohamed El-Erian (62), ökonomischer Chefberater der Allianz. Das Weiße Haus und die Märkte hätten unter Trump eine "starke gegenseitige Abhängigkeit entwickelt", gibt El-Erian im Gespräch mit dem "Handelsblatt" zu bedenken. Diese könnte unter Yellen eher fortgeführt werden als unter Brainard. "Yellen neigt eher dazu, Finanzmärkte zu unterstützen. Brainard dagegen hätte eher die Tendenz, "sich auf die Mainstreet als auf die Wall Street zu konzentrieren."

Lob von Investoren und aus der Wirtschaft

"Sie ist großartig für die Märkte und das Finanzsystem. Sie ist eine Taube und versteht, dass es vielleicht nötig sein wird, die Inflation eine Weile heiß laufen zu lassen" kommentiert der Chief Investment Officer Stephen Weiss von Short Hills Capital die Wahl. Außerdem zeige Joe Biden Respekt vor der Fed, was "ein willkommener Wandel" wäre, so der Experte mit Blick auf das zuletzt problematische Verhältnis zwischen Trump und der Fed-Führung.

Yellen sei eine "ausgezeichnete Wahl als Finanzministerin", zitiert das "Wall Street Journal" Gary Cohn (60), Präsident Trumps ehemaligen Top-Wirtschaftsberater. "Ich habe keinen Zweifel, dass sie die ruhige Hand sein wird, die wir brauchen, um eine Wirtschaft zu fördern, die für alle arbeitet, besonders in diesen schwierigen Zeiten", so Cohn, der die ehemalige Fed-Chefin laut eigenen Angaben aus einer engen Zusammenarbeit kenne.

Bidens Schattenkabinett nimmt Gestalt an

Biden hatte am Montag eine Reihe von Nominierungen für Top-Posten in seiner Regierung bekannt gegeben. Darunter fanden sich eine Reihe auch im Ausland bekannter Namen, allen voran der einstige Präsidentschaftskandidat John Kerry (76) Er soll Klimabeauftragter werden. Biden kennt Kerry nicht nur aus seiner Zeit im Senat. Die beiden arbeiteten auch eng unter Obama zusammen, dessen Vizepräsident Biden war. Kerry, der die Präsidentenwahl 2004 gegen den Republikaner George W. Bush (74) verloren hatte, wiederum war vier Jahre lang Obamas Außenminister.

Künftiger Außenminister unter Biden soll dessen langjähriger Vertrauter und Weggefährte Antony Blinken (58) werden, wie der Mitarbeiterstab des designierten Präsidenten mitteilte. Als Nationaler Sicherheitsberater ist demnach Jake Sullivan (43) vorgesehen, ebenfalls ein langjähriger Gefährte Bidens und ein Außenpolitik-Fachmann. Zur Botschafterin bei den Vereinten Nationen will Biden Linda Thomas-Greenfield (68) ernennen. Alejandro Mayorkas (60) soll das Heimatschutzministerium leiten.

rei/Reuters