Fall Khashoggi bedroht das Verhältnis der USA zu Saudi-Arabien Schlimmer Verdacht - US-Investoren schneiden saudischen Kronprinzen

Laut CNN ist der Journalist Jamal Khashoggi vermutlich im saudiarabischen Konsulat in Istanbul ermordet worden. Für diesen Fall muss der mächtige Kronprinz bin Salman glaubhaft nachweisen, dass das Königshaus nichts damit zu tun hat. Namhafte US-Investoren ziehen sich schon jetzt zurück. Macht Trump seine Drohungen wahr, könnte die aufgeheizte Stimmung eskalieren.
Mohammed bin Salman: Der mächtige Kronprinz will Saudi Arabien modernisieren. Dazu braucht er ausländische Investoren, die sich vorerst lieber nicht mit dem arabischen Herrscher zeigen wollen

Mohammed bin Salman: Der mächtige Kronprinz will Saudi Arabien modernisieren. Dazu braucht er ausländische Investoren, die sich vorerst lieber nicht mit dem arabischen Herrscher zeigen wollen

Foto: FAYEZ NURELDINE/ AFP

Beim "Wüsten-Davos" genannten Wirtschaftsgipfel in Riad in gut einer Woche wollte Mohammed bin Salman eigentlich ein Zeichen setzen, ehrgeizige Pläne vorstellen. Schließlich soll das Königreich binnen einer Dekade zu einem weltweiten Zentrum für Technologie und Innovation werden. Dafür braucht es Geld, viele Milliarden harte US-amerikanische Dollar vor allem. Doch genau darum muss der mächtige, saudische Kronprinz jetzt bangen.

Denn der Verdacht, dass der Thronfolger den prominenten Journalisten Jamal Khashoggi im eigenen Konsulat womöglich ermorden ließ, hat viele Unternehmen und Investoren aufgeschreckt. Die Chefs zum Beispiel von Blackrock, Blackstone, Bain Capital oder der weltgrößten Bank JP Morgan haben dem Prinzen bereits einen Korb gegeben, meldeten sich kommentarlos ab. Die Liste namhafter Unternehmen, die sich vorerst nicht mit dem Prinzen auf einer Bühne zeigen wollen, wird immer länger .

Besonders pikant: Auch Uber-Chef Dara Khosrowshahi will nicht mehr zu der hochkarätigen Konferenz kommen. Dabei hat Saudi Arabien Milliarden in den Mitfahrkonzern gesteckt. Wütende Boykottaufrufe in der ganzen arabischen Region sind die Folge, die sich mit Saudi Arabien mit an den Pranger gestellt sieht.

"Testet nicht unsere Geduld" - Stimmung in Saudi-Arabien aufgeheizt

Die Stimmung in der saudischen Presse ist aufgeheizt: "Testet nicht unsere Geduld", titelt eine Zeitung. Die Arab News veröffentlichte ein Leitartikel des in Dubai ansässigen Immobilien-Tycoons Khalaf al-Habtoor. Darin forderte er arabische Golfstaaten dazu auf, internationale Firmen zu boykottieren, die sich von der Investorenkonferenz zurückziehen. Zusammen müsse man beweisen, dass sich Araber nicht erniedrigen ließen. "Sobald sie mit dem Treten des Königreichs fertig sind, werden wir die nächsten sein", heizte der Milliardär die Stimmung an.

In diesem aufgeheizten Klima könnte Saudi Arabien gewillt sein, wieder eine Karte zu ziehen, die es seit 45 Jahren nicht mehr benutzt hat: Erdöl.

Öl als scharfe politische Waffe gilt seit dem arabischen Embargo und der damit ausgelösten Öl-Krise im Jahr 1973/74 eigentlich als Tabu in Riad. In der Vergangenheit konterte Saudi Arabien immer wieder Bestrebungen Erdöl und Erdgas exportierender Länder, ihren Reichtum an Bodenschätzen politisch zu instrumentalisieren, mit einer erhöhten Förderung. Jetzt aber droht Saudi Arabien damit, dieses Tabu zu brechen und seine Rolle als verlässlicher Partner im Nahen Osten in Frage zu stellen. So jedenfalls interpretieren es politische Analysten von Bloomberg .

Am Wochenende hatte sich der Streit um die mutmaßliche Ermordung des Journalisten Khashoggi zugespitzt. Donald Trump, der im Kongress wegen des Falls Khashoggi unter Druck steht, äußerte die Vermutung, dass Saudi-Arabien für den Tod Khashoggis verantwortlich sein könnte und drohte für diesen Fall mit einer "schweren Bestrafung". Riad dementierte und drohte postwendend, dass jede Sanktion gegen das Königreich "mit einer stärkeren Vergeltung" beantwortet werde. Saudi Arabien wisse seine "einflussreiche und lebenswichtige Rolle in der Weltwirtschaft" zu nutzen.

Ölpreis schnellt hoch - CNN: Khashoggi vermutlich durch Folter ermordet

Allein diese implizite Drohung reichte am Montag aus, um die Preise für Erdöl um bis zu 2 Prozent in die Höhe zu treiben. Analysten halten es zwar generell für wenig wahrscheinlich, dass Saudi-Arabien die Ölversorgung als Antwort auf mögliche Sanktionen drosseln könnte. Doch sieht der langjährige Opec-Experte Roger Diwan vom Berater IHS Markit allein schon in der Wortwahl einen Tabubruch.

Die Sorgen am Ölmarkt wurden auch durch Äußerungen von Turki Al Dakhil geschürt. Der Chef des Nachrichtensenders Al Arabiya stehe dem saudischen Königshaus nahe und hatte sich offen über die Verwendung von Öl als Waffe ausgelassen. Niemand sollte Ölpreise von 100 oder gar 200 Dollar ausschließen, warnte er.

Jamal Khashoggi betrat am 2. Oktober das saudiarabische Konsulat - und ist seitdem verschwunden. Ein schlimmer Verdacht erhärtet sich

Jamal Khashoggi betrat am 2. Oktober das saudiarabische Konsulat - und ist seitdem verschwunden. Ein schlimmer Verdacht erhärtet sich

Foto: HANDOUT/ REUTERS

Die saudische Botschaft in Washington bemühte sich flugs mitzuteilen, dass Al Dakhil nicht die offizielle Position des Königreichs vertrete. Und Saudi Arabiens Energieminister Khalid Al-Falih versicherte am Montag, sein Land werde weiterhin ein verantwortungsvoller Akteur bleiben und die Ölmärkte stabil halten.

Das lässt zwei Interpretation zu. Bei der Drohung Saudi Arabiens handelte es sich um eine außerhalb der diplomatischen Kanäle verbreitete und nicht abgestimmte Botschaft. Oder Riad testete mit diesem "Versuchsballon" womöglich nur seinen Spielraum in dem Konflikt.

Softbank-Aktionäre zittern, US-Rüstungsfirmen auch

So oder so: Das Vertrauen ist angeschlagen, die Angst vor einer Eskalation des Konflikts real. Riads Börse ist kräftig in die Knie gegangen und der Funke springt über: Aktien des japanischen Konzerns Softbank  brachen am Montag in der Spitze um 8 Prozent ein. Gut die Hälfte des fast 100 Milliarden Dollar schweren Vision Fund von Softbank wird mit Geld aus Saudi-Arabien finanziert.

Wie ernst wiederum Donald Trump die jüngste Entwicklung einschätzt, zeigt, dass er am Montag seinen Außenminister Mike Pompeo zur Aufklärung nach Saudi-Arabien geschickt hat. Für die USA steht viel auf dem Spiel, ein Zerwürfnis mit Saudi Arabien kann sich Donald Trump eigentlich nicht leisten. Das Königreich ist der weltweit größte Käufer von US-Rüstungsgütern - die jüngsten Deals im Wert von 110 Milliarden Dollar könnten bei einer Eskalation im US-Kongress noch kippen. Zudem braucht Trump Saudi Arabien in der Region, um den Einfluss Irans zurückzudrängen.

Der saudische Regierungskritiker und Journalist Khashoggi, der als Kolumnist auch für die "Washington Post" gearbeitet hat, hatte am 2. Oktober das saudische Konsulat in Istanbul aufgesucht, um Papiere für seine Hochzeit mit einer Türkin abzuholen. Seitdem ist er verschwunden. Türkische Zeitungen berichteten, Ton- und Videoaufnahmen aus dem Konsulat könnten beweisen, dass der 59-Jährige im Konsulat verhört, gefoltert und ermordet wurde.

Der Verdacht schien sich am späten Montagabend (MEZ) zu verhärten: Laut CNN   stehe Saudi-Arabien kurz vor dem Eingeständnis, dass der verschwundene Journalist bei einem "schlief gelaufenen" Verhör ums Leben gekommen sei. Ein entsprechender Bericht sei in Arbeit. Der Einsatz sei nicht genehmigt gewesen.

Das klingt wenig überzeugend. Sollte es aber für diesen Skandalfall Kronprinz bin Salman nicht gelingen, glaubhaft nachzuweisen, dass er und das saudische Herrscherhaus nichts damit zu tun haben, steht das saudisch-amerikanische Verhältnis vor einer harten Belastungsprobe.

Jenseits geostrategischer Ziele könnten schnell steigende Ölpreise die florierende US-Konjunktur abwürgen, im Eskalationsfall müsste Trump zudem große Rüstungsdeals mit Saudi Arabien stoppen. Umgekehrt würden ohne ausländisches Kapital dann auch die revolutionären Modernisierungspläne des Prinzen schnell wie Wüstensand zerrinnen.

mit Nachrichtenagenturen