Machtspiele auf dem Weltkapitalmarkt Kapituliert Europa vor den US-Banken?

Gilt nicht gerade als diplomatisches Schwergewicht: Valdis Dombrovskis, Finanzmarktkommissar der EU.

Gilt nicht gerade als diplomatisches Schwergewicht: Valdis Dombrovskis, Finanzmarktkommissar der EU.

Foto: JOHN THYS/ AFP

Kennen Sie Valdis Dombrovskis? Nein? Grämen Sie sich nicht: So geht es den allermeisten Europäern. Und erst recht den Amerikanern. Hören die den Namen Dombrovskis, denken sie eher an einen russischen Eishockeyspieler als an den lettischen EU-Finanzmarktkommissar.

Dabei ist Dombrovskis Arbeit für Europas Zukunft überlebenswichtig. Schließlich ist eine seiner Aufgaben, dafür zu sorgen, dass durch die nächste Regulierungsrunde der Rückstand der europäischen Banken zur US-Konkurrenz nicht noch größer wird. Denn ohne eine im Kern gesunde Finanzbranche wird sich die Wirtschaft des Kontinents wohl nie von ihrer Sklerose erholen.

Während der Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington fiel der Name des Kommissars aus Osteuropa immer wieder, wenn nach einer Chiffre für die Macht- und Bedeutungslosigkeit der europäischen Geldhäuser im Vergleich zu ihren kraftstrotzenden Konkurrenten aus den USA gesucht wurde. Dombrovskis wer?

Das Dilemma wird nirgends deutlicher als beim Thema Regulierung. Basel IV nennt die Szene die neuesten Vorschläge des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht. Die fordern den Banken abermals höhere Kapitalauflagen ab. Das verringert ihre Renditeaussichten und damit auch ihre Fähigkeit, Kredite zu vergeben, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Riskante Bilanzwerte: Banken fürchten um Ermessensspielraum

Vor allem die Frage, ob Banken ihren Kapitalbedarf bis zu einem gewissen Grad selbst berechnen dürfen, ist heftig umstritten. Derzeit haben die Institute einen gewissen individuellen Spielraum, wenn es darum geht, ihre riskanten Bilanzwerte zu klassifizieren, wovon wiederum ihr Kapitalbedarf abhängt. Europäische, besonders deutsche Banken profitieren noch von diesem Ermessensspielraum. Umso größer ist ihre Angst, dass sich die Amerikaner durchsetzen. Denn die fordern einen globalen Einheitsstandard, der vor allem den US-Banken hülfe.

Wie üblich kämpfen die Amerikaner mit harten Bandagen. "Bullshit" seien die Vorstellungen der Europäer, bekomme er immer wieder von US-Gesprächspartnern zu hören, berichtete Michael Kemmer in Washington konsterniert. Für den sonst so beherrschten Geschäftsführer des privaten Bankenverbands BdB war das ein regelrechter Gefühlsausbruch. Kemmers zerknirschter Auftritt ist typisch für die Branche. Sie fühlt sich alleingelassen in ihrem Kampf gegen die Amerikaner um Basel IV.

Dabei scheint der Rückstand der Europäer schon jetzt uneinholbar.

Wie die USA ihre Banken protegieren

Mit der Finanzmarktliberalisierung in Großbritannien ("Big Bang") vor 30 Jahren und der Aufhebung des Trennbankensystems in den USA (Glass Steagal Act) Ende der 1990er begann der Siegeszug der amerikanischen Geldhäuser. Dank des gewaltigen heimischen Kapitalmarktes spielten sie knallhart ihre natürlichen Größenvorteile aus. Der Rückendeckung ihrer jeweiligen Regierung konnten sie dabei stets gewiss sein.

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Sanierung des wichtigsten deutschen Geldhauses: Wer die Deutsche Bank retten will

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Vor knapp zehn Jahren folgte die große Finanzkrise. Aus der gingen die US-Häuser abermals deutlich gestärkt hervor. Die Europäer dagegen haben ihre Bankenkrise bis heute nicht bewältigt. Im Gegenteil: Die Schieflagen der italienischen Institute und der Deutschen Bank gefährden die Stabilität des gesamten Kontinents. Der IWF zeichnet Europas Kreditwirtschaft in düsteren Farben: Der Kontinent sei "overbanked", zu viele Institute hätten kein funktionierendes Geschäftsmodell. Im US-Wirtschaftsfernsehen gilt die Aktie der Deutschen Bank  inzwischen als hochvolatile Zockerwährung.

Setzen sich die Amerikaner durch, drohen Bankenpleiten in Europa

Jetzt droht im Weltkrieg der Finanzideologien der nächste Rückschlag, sofern die Amerikaner den Standardansatz für die Berechnung von Bankrisiken durchsetzen. Den daraus resultierenden Kapitalbedarf würden Europas Banken nicht leisten können, Staatshilfen und die Abwicklung von Kreditinstituten würden wahrscheinlicher. Da bräuchte es eine gemeinsame Lobbyarbeit, um Europas Interessen wirksam zu vertreten.

"Eigentlich müssten Merkel, Hollande, May und Renzi gemeinsam nach Washington fliegen und der US-Regierung klarmachen, dass es so nicht geht. Aber wir schicken Dombrovskis ins Rennen, und den kennt hier niemand", zürnte ein deutscher Bankchef in Washington. Auch Spitzenleute der Deutschen Bank warnen inzwischen davor, dass die Schwäche der europäischen Institute - allen voran ihre eigene - erfolgreiche Lobbyarbeit nahezu unmöglich macht.

Wie die US-Banken bei Immobilienkrediten tricksen

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Gewinn, Eigenkapital, Bewertung: Wie US-Banken Europas Banken deklassieren

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Der Frust ist mit Händen zu greifen. Wie auch die Wut über die Amerikaner, die sich seit jeher als überzeugte Marktwirtschaftler geben - aber nur zu ihren Konditionen. Besonders deutlich wird die Doppelzüngigkeit bei einer Basel-IV-Schlüsselfrage: Mit wie viel Eigenkapital sollen Banken künftig Immobilienkredite unterlegen, die sie vergeben haben? Die Deutschen hoffen mit Verweis auf ihre traditionell niedrigen Ausfallraten auf ein Einsehen der Regulierer. Und sie verweisen darauf, dass die Amerikaner seit Jahrzehnten völlig ungeniert - und entgegen ihrer marktwirtschaftlichen Doktrin - die Vorteile ihrer staatlichen Agenturen Fannie Mae und Freddie Mac nutzen.

Die kaufen den Geschäftsbanken in Billionenhöhe Immobilienkredite ab, bündeln sie zu Wertpapieren und verkaufen sie an Investoren. Der Effekt: Bereinigt um Häuslebauerkredite sind die Bilanzen der US-Banken viel kleiner als die ihrer Wettbewerber in Europa. Entsprechend geringer fällt ihr Kapitalbedarf aus.

Diese Ungerechtigkeit ist seit langem bekannt, aber die Wahrscheinlichkeit dennoch gleich null, dass sich daran etwas ändert. Zu groß ist die Verhandlungsmacht der Amerikaner. Und zu unbekannt Valdis Dombrovskis.

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manager-magazin.de / Wochit
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