Internationale Energieagentur Energiepreise bedrohen globalen Aufschwung

Eine globale Energiekrise könnte die Inflation anheizen und nach Ansicht der Internationalen Energieagentur die weltweite Erholung von der Corona-Pandemie verlangsamen. Denn die Gaskrise springt auf den Ölmarkt über.
Gaspipeline in Großbritannien: "Der Stromsektor wendet sich dem Öl zu, um Lichter brennen zu lassen und den Betrieb am Laufen zu halten", schreibt die IEA in ihrem jüngsten Monatsbericht

Gaspipeline in Großbritannien: "Der Stromsektor wendet sich dem Öl zu, um Lichter brennen zu lassen und den Betrieb am Laufen zu halten", schreibt die IEA in ihrem jüngsten Monatsbericht

Foto: PHIL NOBLE / REUTERS

"Rekordpreise für Kohle und Gas sowie wiederkehrende Ausfälle veranlassen den Stromsektor und energieintensive Industrien, sich dem Öl zuzuwenden, um Lichter brennen zu lassen und den Betrieb am Laufen zu halten", teilte die Internationale Energieagentur IEA in ihrem monatlichen Ölbericht mit. Infolgedessen werde sich die weltweite Ölnachfrage im nächsten Jahr voraussichtlich auf das Niveau vor der Pandemie erholen.

Der Mangel an Erdgas in Europa und Asien hat laut IEA auf den Markt für Rohöl übergegriffen und das knappe Angebot weiter verschärft. In den kommenden sechs Monaten könnte die Erdgas-Krise die weltweite Nachfrage nach Erdöl um etwa 500.000 Barrel (159 Liter) pro Tag erhöhen, wie aus dem Monatsbericht der IEA hervorgeht, der am Donnerstag in Paris veröffentlicht wurde.

Der Interessenverband, der führende Industriestaaten in Energiefragen berät, geht davon aus, dass ein bereits vorherrschendes Angebotsdefizit verstärkt wird. "Eine akute Verknappung von Erdgas, LNG und Kohle aufgrund der zunehmenden globalen Wirtschaftserholung hat einen steilen Anstieg der Preise für Energielieferungen und eine massive Umstellung auf Ölprodukte ausgelöst", schreiben die IEA-Experten.

Die Energiepreise hatten zuletzt Rekordniveaus erreicht. Der Gaspreis im internationalen Großhandel etwa schwankt im langjährigen Mittel eigentlich zwischen 15 und 20 Euro pro Megawattstunde, derzeit sind es 65 Euro. Strom an der Börse ist in Deutschland seit Jahresbeginn rund 140 Prozent teurer geworden, in Spanien gar um 425 Prozent. Die Ölpreise haben teilweise die höchsten Stände seit drei Jahren erreicht. Gegen Mittag kostete am Donnerstag ein Barrel der Nordseesorte Brent 84,23 US-Dollar. Das waren 1,05 Dollar mehr als am Vortag. Der Preis für ein Fass der Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg um 90 Cent auf 81,34 Dollar.

Jüngste Entwicklung könnte Opec-Förderpolitik durchkreuzen

Die IEA verweist auf Daten aus dem August. Diese hätten bereits eine ungewöhnlich hohe Nachfrage nach Rohöl und Heizöl für Kraftwerke gezeigt. Diese Entwicklung habe demnach in einer Reihe von Ländern stattgefunden, darunter auch China.

Die jüngste Entwicklung könnte die Förderpolitik der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) möglicherweise durchkreuzen, hieß es. Die in der Opec+ zusammengefassten Ölstaaten, darunter auch Russland, wollen ihre in der Corona-Krise gekürzte Förderung nur moderat und schrittweise erhöhen.

Die IEA geht davon aus, dass die globale Energiekrise die Ölnachfrage um eine halbe Million Barrel pro Tag (bpd) ankurbeln werde. Die steigenden Energiepreise erhöhten auch den Inflationsdruck, der zusammen mit Stromausfällen zu einer Verlangsamung der wirtschaftlichen Erholung führen könnte. Die Agentur schätzt, dass die großen Ölförderländer der Opec+ mit der Rohöl-Förderung im vierten Quartal etwa 700.000 Barrel pro Tag unter der erwarteten Nachfrage bleiben werde.

wed/dpa-afx/Reuters