Radikale Kehrtwende Internationale Energieagentur fordert Stopp aller neuen Öl- und Gasprojekte

Die Klimazusagen der Regierungen reichen nicht: Will die Welt die CO2-Emissionen bis 2050 auf Null senken, braucht es einen radikalen Wechsel in der Energiepolitik - mit enormen Konsequenzen für die Energiekonzerne und den Ölpreis, rechnet die Internationale Energieagentur vor.
Ölförderung in Saudi-Arabien: Geht es nach der Internationalen Energieagentur, sollten die Ölkonzerne keinen weiteren Dollar mehr in neue Förderprojekte stecken

Ölförderung in Saudi-Arabien: Geht es nach der Internationalen Energieagentur, sollten die Ölkonzerne keinen weiteren Dollar mehr in neue Förderprojekte stecken

Foto: MARWAN NAAMANI/ AFP

Dieser Bericht muss die Politik in hohem Maße beunruhigen - und die Energiekonzerne ebenso: Wenn sie nicht ab sofort alle neuen Projekte zur Öl- und Gasförderung stoppen, ließe sich die globale Erwärmung nicht mehr in Schach halten, ist das Netto-Nullemissionsziel bis 2050 nicht mehr zu erreichen, schreibt die Internationale Energieagentur (IEA). Wolle die Welt die klimaschädlichen CO2-Emissionen bis zur Jahrhundertmitte auf Null senken, sei eine beispiellose Transformation im Energiesektor notwendig, fordert die IEA.

Die bisherigen Klimazusagen der Regierungen reichten nicht aus, heißt es in einem am Dienstag veröffentlichtem Bericht. Die Art und Weise, wie Energie weltweit produziert, transportiert und genutzt wird, müsse sich radikal ändern.

Es dürfe etwa ab heute keine Investitionen in neue Projekte zur Versorgung mit fossilen Brennstoffen mehr geben. Es dürften keine weiteren endgültigen Investitionsentscheidungen für neue Kohlekraftwerke getroffen werden. Der Bericht sieht vor, dass die am wenigsten effizienten Kohlekraftwerke bis 2030 abgeschaltet, und die verbleibenden Kohlekraftwerke, die bis 2040 noch in Betrieb sind, nachgerüstet werden. Dave Jones, Analyst beim Klima-Thinktank Ember, zeigt sich von der Forderung, neue Öl- und Gasexplorationen zu stoppen, überrascht. "Ich glaube nicht, dass jemand dies von der IEA erwartet hat. Das ist eine riesige Kehrtwende", zitiert ihn die "Financial Times" .

Obwohl der Bericht weder eine Prognose noch eine Empfehlung darstellt, werden die Szenarien der IEA von vielen Regierungen als maßgeblich angesehen und bilden oft die Grundlage für die Energiepolitik.

Keine neuen Autos mehr mit Verbrennungsmotor ab 2035

In ihrem Bericht fordern die Fachleute zugleich, den Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotor ab 2035 zu stoppen. Die Politik müsse auf einen massiven Einsatz aller verfügbaren sauberen und effizienten Energietechnologien setzen und gleichzeitig Innovation global beschleunigen. Es handele sich bei dieser Transformation um die vielleicht größte Herausforderung, der sich die Menschheit jemals gestellt habe, erklärte Fatih Birol (63), der Direktor der IEA.

Neben der drastischen Senkung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe müssten die Regierungen zugleich ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung sauberer Energietechnologien drastisch erhöhen - etwa fünf Milliarden Dollar an Investitionen pro Jahr seien bis 2030 nötig, aktuell seien es lediglich zwei Milliarden Dollar, rechnet die Agentur laut "Financial Times"  vor. "Wir brauchen einen historischen Investitionsschub", so Birol, und fügte hinzu, dass dies das BIP-Wachstum jährlich um 0,4 Prozent steigen würde. "Der größte Teil davon muss in saubere Energie fließen."

Denn im Jahr 2050 müsse der Energiesektor weitgehend auf erneuerbaren Energien statt fossilen Brennstoffen beruhen. Zwei Drittel der gesamten Energieversorgung im Jahr 2050 würden aus Wind, Sonne, Bioenergie, Geothermie und Wasserkraft stammen, schreiben die Expertinnen und Experten. Autos würden hauptsächlich mit Strom betrieben, die Luftfahrt setze weitgehend auf Biokraftstoffe und synthetische Kraftstoffe.

Preis für Rohöl könnte sich bis 2030 halbieren

Mit anderen Worten beschreibt der Bericht eine Neuordnung der Energieversorgung und -nachfrage, bei der die Kohlenachfrage um 90 Prozent, die Gasnachfrage um die Hälfte und die Ölnachfrage um fast 75 Prozent bis 2050 zurückgehen müsste, um das erklärte Ziel 2050 zu erreichen.

Dies hätte auch drastische Konsequenzen für den Ölpreis: So gehen die Experten angesichts der fallenden Nachfrage davon aus, dass der Preis für ein Fass Rohöl (159 Liter) bis 2030 auf etwa 35 Dollar fallen werde. Derzeit beläuft sich der Preis für einen Barrel Rohöl der Nordseesorte Brent auf rund 70 Dollar.

Viele große Ölkonzerne und Förderländer, etwa innerhalb der Opec, argumentieren hingegen, dass die Investitionen in neue fossile Brennstoffprojekte fortgesetzt werden müssten, um den Bedarf der aufstrebenden Volkswirtschaften in Asien und Afrika zu decken.

rei/dpa-afx
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