Unruhe an den Börsen Was jetzt die Inflation treibt

Plötzlich steigen die Preise wieder spürbar, nach Jahren der Stagnation. Die Rückkehr der Inflation bewegt bereits die Börsen, obwohl die Wirtschaft noch immer am Boden liegt. Hier sind zentrale Gründe für den neuen Preisauftrieb - und was von ihnen zu befürchten ist.
Einmaleffekt: EZB-Präsidentin Christine Lagarde will durch vorübergehend höhere Inflationszahlen "hindurchsehen"

Einmaleffekt: EZB-Präsidentin Christine Lagarde will durch vorübergehend höhere Inflationszahlen "hindurchsehen"

Foto: Olivier Matthys/POOL/EPA-EFE/Shutterstock

Für Christine Lagarde (65) heißt es jetzt "hindurchschauen". So werde sie mit "kurzfristigen Preisschwankungen" umgehen, kündigte die Präsidentin der Europäischen Zentralbank Mitte Februar dem "Economist" an. Volle Konzentration auf die Hilfe für Europas Wirtschaft, um aus der Corona-Krise zu kommen. "Bis sich die EZB um eine Reflation Sorgen machen muss", werde noch eine ganze Weile vergehen.

Doch die aktuellen Daten zur Inflation erschweren diese Botschaft. Abrupt hat sich das Bild laut den an diesem Dienstag veröffentlichten Zahlen von Eurostat  gewendet. Die Verbraucherpreise, die in der zweiten Jahreshälfte 2020 noch durchweg schrumpften, sind im Januar in der Euro-Zone mit einer Jahresrate von 0,9 Prozent gestiegen. Besonders deutlich fiel die Wende in Deutschland aus: von minus 0,7 auf plus 1,6 Prozent. Das ist schon ziemlich nah an der Zielmarke der EZB, die ihren Auftrag von Preisstabilität bei mittelfristiger Teuerung von knapp 2 Prozent als erfüllt sehen würde.

Bundesbankpräsident Jens Weidmann (52) sagt  für das Jahresende eine Inflationsrate von über 3 Prozent voraus - auch er sieht das als "nur vorübergehend", also nicht unbedingt Anlass zum Gegensteuern. Weidmanns Amtsvorgänger Axel Weber (63), heute Präsident der Schweizer Großbank UBS, dagegen warnt  vor einem "Comeback der Inflation". All jenen, die sich sicher wähnten, mit zu hoher Inflation auf absehbare Zeit nicht mehr rechnen zu müssen, drohe "ein böses Erwachen".

Da schwingt eine Portion Genugtuung mit, nachdem Weber und andere über ein Jahrzehnt mit ihrer Warnung vor Inflation als Folge lockerer Geldpolitik falsch lagen. Doch aktuell stellt sich ein Großteil des Kapitalmarkts darauf ein, die Geldanlage inflationssicher umzustellen. "Das Monster Inflation ist zurück", schreibt ING-Ökonom Carsten Brzeski. Gilt der Zusammenhang schwache Wirtschaft = schwache Preisdynamik nicht mehr? Oder was ist da los?

Die deutsche Mehrwertsteuer

Eine Erklärung für den schnellen Umschwung zum Jahreswechsel ist schnell gefunden: Die befristete Senkung der deutschen Mehrwertsteuer lief aus, die zuvor von Juli bis Dezember für sinkende Preise gesorgt hatte. Offenbar hatten die Händler tatsächlich einen Großteil des Steuerrabatts an ihre Kunden durchgereicht, und nun geht es in die umgekehrte Richtung. Auf diesen Effekt verwies auch Christine Lagarde, ebenso wie die zum 1. Januar eingeführte CO2-Abgabe. Zudem sei in Ländern wie Frankreich und Italien die Rabattsaison im Einzelhandel aus dem Vorweihnachtsgeschäft in den Januar verschoben worden, damit auch die dort wieder geöffneten stationären Läden etwas davon haben. "Eine Reihe von Einmaleffekten" sieht auch ING-Experte Brzeski am Werk. Ihn selbst schreckt das Inflationsmonster also gar nicht. Denn es gibt noch mehr dieser Einmaleffekte.

Der Basiseffekt

Axel Webers UBS begründet ihre Inflationsprognose von 3 Prozent in den USA und 2 Prozent im Euro-Raum für 2021 überwiegend mit dem Vorjahresvergleich. Der kann vor allem im Frühjahr fast nur nach oben weisen, schließlich steht als Vergleichswert der wirtschaftliche Kollaps im ersten Corona-Lockdown ab März 2020, als mit der Nachfrage auch die Preise für allerlei Güter einbrachen. Erst wenn die Inflationsraten deutlich über dieses Niveau stiegen, würde auch Weber darin ein Zeichen für Inflationsdruck sehen.

Teure Rohstoffe

Besonders stark wird der Preisindex von den Energiekosten bewegt, die zuletzt noch im Jahresvergleich sanken, aber deutlich langsamer als in den Vormonaten. Da Öl im April 2020 kurzzeitig sogar einen negativen Preis hatte, inzwischen aber mehr als 65 Dollar pro Fass kostet, ist allein dadurch ein spürbarer Anstieg der Inflationsstatistik im Frühjahr zu erwarten.

Allgemein verteuern sich Rohstoffe auf dem Weltmarkt von Seltenen Erden bis Plastikgranulat derzeit mit hohem Tempo, weil die Wirtschaft eben nicht global synchron lahmgelegt ist. Hohe Nachfrage aus manchen Ländern und manchen Branchen (beispielsweise der chinesischen Industrie) trifft auf ein verknapptes Angebot. Zentralbanker versuchen, sich in der Inflationskontrolle nicht von den Rohstoffpreisen lenken zu lassen, weil diese stark schwanken, wenig über die Preisdynamik in der jeweiligen Volkswirtschaft aussagen und sich ohnehin kaum von der Zinspolitik beeinflussen lassen. Doch die Kerninflationsrate ohne Energie- und Lebensmittelpreise lag im Januar in der Euro-Zone mit 1,4 Prozent sogar höher als der Gesamtindex. In den kommenden Monaten dürfte diese Kennziffer mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Engpässe im Handel

Preistreibend wirken könnte auch die Störung der globalen Lieferketten wegen dieser ungleichzeitigen Konjunktur. Ein Beispiel ist die Versorgungskrise mit Mikrochips, die noch bis zur Jahresmitte die Autoproduktion lähmen dürfte. Mangel an Waren führt zu steigenden Preisen. Noch breiter wirken die höheren Frachtraten wegen des Containermangels, weil sie alle Importwaren verteuern. Bisher trifft dieser Effekt vor allem die Produzenten. Die Erzeugerpreise für Vorleistungsgüter stiegen laut Statistischem Bundesamt  im Januar um 2,4 Prozent, darunter Sekundärrohstoffe um mehr als ein Drittel. Jetzt ist die Frage, ob die Firmen sich in der Lage sehen, diese Teuerung an ihre Kunden weiterzureichen – und ob sie es sich leisten können, das nicht zu tun. Ansonsten dürfte sich der Effekt später auch trotz schwacher Endnachfrage in den Verbraucherpreisen zeigen, der klassische Fall für das eher exotische Phänomen der Stagflation: die Wirtschaft lahmt, die Preise steigen aber trotzdem wie in der Ölkrise der 1970er-Jahre.

Reisen verlieren an Gewicht

Kompliziert wird die Interpretation der Inflationsdaten auch dadurch, dass im Zeitverlauf unterschiedliche Dinge gemessen werden. Die Statistiker passen nämlich immer zu Jahresbeginn den Warenkorb an, wie viel Gewicht die Preise einzelner Güter und Dienstleistungen bei der Berechnung des Preisindex bekommen. Damit gehen sie auf Änderungen des tatsächlichen Konsumverhaltens ein. Der Pandemieeffekt kommt jetzt erst verspätet in den Warenkorb, vor allem die Preise für Reisen und Tourismus spielen jetzt eine geringere Rolle. Nach der alten Methode wäre die deutsche Inflationsrate laut Schätzung der Bundesbank im Januar noch unter 1 Prozent geblieben. Allein dieser Effekt hat demnach den Januar-Wert um mehr als die Hälfte aufgebläht.

Aussicht auf den Nachholboom

Ab Sommer aber könnte der veränderte Warenkorb umgekehrt wirken: wenn Flüge und Hotels wieder gefragt und deshalb teurer werden, wegen ihres gesunkenen Gewichts aber nicht mehr so stark in den Inflationsdaten zählen. Trotzdem erwartet die Bundesbank, dass in der zweiten Jahreshälfte das Preisniveau deutlich stärker steigt als jetzt, getrieben von einem Boom des nachholenden Konsums für all das, was heute nicht möglich ist: Restaurantbesuche, Sportevents, büronahe Dienstleistungen, Offlineshopping – alles natürlich unter der Voraussetzung, dass die Corona-Krise bis dahin im Griff ist.

Schub vom Staat

All das wäre noch im Rahmen der Einmaleffekte. Was aber, wenn die Hilfe von Staat und Zentralbanken stärker ausfällt als nötig und die Wirtschaft überhitzt? Das ist bisher nur eine theoretische Diskussion, unter US-Ökonomen wird sie angesichts des von Präsident Joe Biden verfolgten und inzwischen realistischen Plans für Corona-Hilfen von 1,9 Billionen Dollar aber leidenschaftlich diskutiert. Ex-Finanzminister Larry Summers (66) spricht sich zwar für ein großes, schuldenfinanziertes Ausgabenprogramm aus; dieses aber sei im Vergleich zum Corona-Schaden einfach zu groß, und das werde "einen Inflationsdruck auslösen, wie wir ihn in einer Generation nicht gesehen haben".

Druck vom Anleihemarkt

Ob Summers' Warnung berechtigt ist, hängt vor allem davon ab, wie viel ungenutzte Kapazität die Wirtschaft noch hat. Die Schätzungen darüber gehen weit auseinander. Für Europa, dessen Wirtschaft von Corona deutlich härter getroffen wurde als die Amerikas und nur ein Bruchteil zusätzlicher Staatsausgaben in Sicht ist, ist eine Überhitzung ohnehin kein Thema. Der Kapitalmarkt preist aber auch hier steigende Inflation in den kommenden Jahren ein, was die zuletzt extrem niedrigen Finanzierungskosten für Unternehmen steigen lässt. Die Inflationsangst könnte auf diesem Umweg der EZB sogar Anlass geben, ihre Anleihekäufe noch einmal zu erhöhen.

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Lohn-Preis-Spirale

Gleiches gilt für die Löhne: Wenn sie nicht mit den Preisen Schritt halten, droht ein Kaufkraftverlust – und das würde den Aufschwung gefährden, also eher eine noch lockerere Geldpolitik ins Spiel bringen. Wenn aber die Inflation zu deutlich höheren Löhnen führt, könnte tatsächlich eine nachhaltige Inflationsdynamik entstehen. In den vergangenen Jahrzehnten wirkten dagegen die Digitalisierung und Globalisierung mit ihrer Kostensenkung als kräftige Gewichte. Inzwischen sehen manche Ökonomen Argumente, dass diese Kräfte ausgehebelt sein könnten. Doch auch dann gäbe es einfache Lösung. Wenn die Inflation "wirklich ein Thema würde, dann steigen die Zinsen früher und schneller, als die Leute erwarten", meint Mark Zandi, Chefökonom von Moody's. Das wäre für die Zentralbanken die einfachere Aufgabe als das nun schon lange vergebliche Mühen, die Inflation in die Nähe ihres Zielwerts zu heben.

ak
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