Henrik Müller

Geldentwertung Inflation? Das Schlimmste kommt noch

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Die Preisdynamik läuft immer weiter aus dem Ruder, weil sie die Psychologie verändert: Indem sich die Inflation in den Köpfen festsetzt, verändert sie unser Wirtschaftssystem – zum Schlechteren.
Vertrauen verloren: Notenbankchefin Christine Lagarde und die EZB stehen im Zentrum der Anklage

Vertrauen verloren: Notenbankchefin Christine Lagarde und die EZB stehen im Zentrum der Anklage

Foto: IAN LANGSDON / EPA-EFE

Es gibt zwei Arten von Inflation: Der erste Typ kommt daher, dass einzelne Güter im Preis steigen. Der zweite Typ ist ein sich selbst verstärkender Prozess, im Verlaufe dessen die Preise vieler Güter und Produktionsfaktoren teurer werden. Unangenehm sind beide. Aber der zweite Typ ist der weitaus gefährlichere. In Europa stehen wir derzeit an der Schwelle, an der eine Typ-1- in eine Typ-2-Inflation umschlägt.

Die schlechten Nachrichten reißen nicht ab. Dienstag gibt es neue Zahlen vom Statistischen Bundesamt, Mittwoch folgen Daten für den gesamten Euroraum. Und es sieht keineswegs so aus, als ebbe die Phase rapider Preissteigerungen bald ab. Ganz im Gegenteil: Für den Herbst sagt die Bundesbank Inflationsraten von 10 Prozent voraus . Energie wird knapp, knapper und immer noch teurer. Das Entlastungspaket vom Sommer läuft aus. Es wird ungemütlich in Deutschland, gerade für ärmere Haushalte, die sich ihre Strom- und Gasrechnungen nicht mehr leisten können.

All dies sind zunächst Symptome einer Typ-1-Inflation. Durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die daraus folgenden Sanktionen und Embargos sind Energieträger massiv im Preis gestiegen. Das wiegt umso schwerer, als sie sich kurzfristig nur begrenzt durch andere Energieträger ersetzen oder in großem Umfang einsparen lassen. Man kann diesen Preissteigerungen schwerlich ausweichen. Umso schmerzhafter sind sie.

Ein historischer Fehler

Für sich genommen, bedeutet teurere Energie allerdings noch keine dauerhafte Inflation. Denn es gibt gegenläufige Effekte: Die Kaufkraft der Bürger sinkt. Deshalb versuchen sie, den Konsum nicht notwendiger Güter einzuschränken. Dadurch wiederum geraten deren Preise unter Druck. Wir erleben es gerade: Der GfK-Konsumklimaindex ist auf ein "historisches Tief" abgestürzt, während der Handel mit Rabattaktionen gegenzuhalten versucht.

Dazu kommt ein weiterer Effekt: Es ist unwahrscheinlich, dass die Energiepreise immer weiter steigen. Selbst wenn sie in einem Jahr noch auf ihrem aktuellen horrenden Niveau verharren sollten, werden sie dann nicht mehr die Inflationsraten treiben. Typ-1-Inflation ist ein Schock, der die Preisverhältnisse durcheinanderwirbelt und die Bürger belastet, der aber seinen Schrecken verliert, wenn die Inflation abebbt und sich das Wirtschaftssystem an die veränderten Knappheitsverhältnisse angepasst hat.

So ähnlich hatten sich viele Ökonomen übrigens auch die Phase nach den Covid-Beschränkungen ausgemalt: Der Neustart des öffentlichen Lebens, so dachten sie voriges Jahr, würde eine Zeit lang die Preise treiben. Aber die Teuerung würde sich nach einigen Monaten von allein verläppern. Danach sei alles wieder beim Alten. Die Post-Covid-Inflation sei nur "vorübergehend" ("transitory"), versicherten unisono Christine Lagarde (66), die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), und ihr US-Kollege Jerome Powell (69). Man könnte sich entspannt zurücklehnen, ohne hektisch die Zügel straffen zu müssen.

Das war schon damals eine gewagte These. Heute wissen wir, dass die Notenbanken einen historischen Fehler begangen haben. Es gab bereits voriges Jahr Anzeichen dafür, dass sich die Preisdynamik zu einer Typ-2-Inflation verselbstständigen könnte. Inzwischen bedarf es einer enormen Kraftanstrengung, um sie noch bremsen zu können.

Diagnose: Vertrauensverlust

Längst sind es nicht mehr nur Energie und Rohstoffe, die die Inflation treiben. Die Preise steigen in der Breite. Im Euroraum machen diese heimischen Faktoren immerhin die Hälfte des Preisanstiegs aus, in den USA sind sie die dominanten Preistreiber .

Entscheidend für den Übergang von einer Typ-1- zu einer Typ-2-Inflation ist, ob Bürger, Unternehmen und Finanzmärkte an weitere Preissteigerungen glauben. Beschäftigte, die damit rechnen, dass die Inflation sich verfestigt, verlangen deutlich höhere Löhne. Wohnungsbesitzer schrauben die Mieten nach oben. Unternehmen passen ihre Verkaufspreise regelmäßig nach oben an. Kneipenbesitzer drucken neue Speisekarten. Alle ringen darum, bei der erwarteten weiteren Teuerung nicht ins Hintertreffen zu geraten und auf der Verliererseite zu enden.

Bei der Typ-2-Inflation spielen deshalb Erwartungen eine zentrale Rolle. Es geht dabei letztlich ums Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Notenbanken und in die Verlässlichkeit des politischen Systems insgesamt. Doch die Glaubwürdigkeit der Institutionen ist inzwischen ernstlich angeknackst.

US-Fed-Chef Powell hat deshalb in der abgelaufenen Woche in einer für seine Verhältnisse markigen Rede  beim Notenbanker-Treffen in Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming die Vertrauensfrage in den Mittelpunkt gestellt. "Je länger die derzeitige Phase hoher Inflation andauert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Erwartung höherer Inflation festsetzt." Powell gab sich entschlossen: Die Fed werde mit "kraftvollen und schnellen Schritten” die Preisdynamik zurückdrängen, kündigte er an.

Immerhin liegt der Leitzins in den USA inzwischen bei knapp 2,5 Prozent. Und man sei längst nicht am Ende des Weges angelangt, sagte Powell. Weitere Zinserhöhungen stehen auf der Agenda. Und wenn die Fed damit eine Rezession auslöst? So be it. Bloß kein Rückfall in die Dauerinflation der 70er-Jahre, das ist die Botschaft.

Aus dem Ruder

Die EZB ist von derlei Entschlossenheit noch weit entfernt. Der Leitzins liegt immer noch bei null. Auch die Wortwahl ist verhaltener. Denn zum einen hat sich, wie gesagt, die Inflationsdynamik diesseits des Atlantiks noch nicht in einem Maße verselbständigt wie in den USA. Zum anderen nimmt die EZB Rücksicht auf Italien und andere hochverschuldete Länder, die sie nicht in eine Schuldenkrise treiben will. Ob dieser Balanceakt gelingt?

In Deutschland jedenfalls sind die Inflationserwartungen ziemlich weit aus dem Ruder gelaufen. Für die kommenden zwölf Monate rechnen die Bürger im Mittel mit Raten von 8 Prozent, wie die Bundesbank ermittelt hat. Auch auf Fünf-Jahres-Sicht sehen sie immer noch 5 Prozent Inflation voraus . Mit anderen Worten: Sie glauben an eine Typ-2-Inflation. Das Vertrauen in die Fähigkeiten und den Willen der Notenbanker, die Dynamik zu brechen, scheint nicht sonderlich groß zu sein. Professionelle Konjunkturbeobachter, regelmäßig von der EZB befragt, sind zwar weniger pessimistisch ; ihre Fünf-Jahres-Vorhersagen sind nach wie vor nur knapp über 2 Prozent. Aber die Profis lagen in der jüngeren Vergangenheit häufig weiter daneben als normale Bürger.

Die Bürger wiederum, da sind sich die Wirtschaftsforscher inzwischen weitgehend einig, beziehen ihre Einschätzungen aus der Lektüre journalistischer Medien. Allerdings tun sie das in unterschiedlicher Intensität. Wenn die Inflation niedrig und kaum spürbar ist, kümmern sie sich nicht großartig drum und interessieren sich für andere Dinge; Forscher sprechen von "rationaler Unaufmerksamkeit". Entsprechend berichten auch die Medien wenig über die Lage an der Preisfront. Das ändert sich jedoch komplett, wenn die Inflation steigt. Dann schauen alle hin, überdenken ihre Einschätzungen ständig aufs Neue und versuchen, ihr Verhalten und ihre Pläne anzupassen.

Derzeit, sagte Fed-Chef Powell in Jackson Hole, "steht Inflation im Zentrum der Aufmerksamkeit von ungefähr allen". Umso größer sei die Gefahr, dass sich die Preisdynamik in den Hirnen – und damit im Wirtschaftssystem insgesamt – festsetzt.

Über Wahrnehmungen und Erwartungen

Wie sich die öffentliche Wahrnehmung der Inflation in Deutschland entwickelt, misst seit einiger Zeit unser Dortmunder Forschungszentrum DoCMA. Mittels eines Big-Data-basierten Verfahrens berechnen wir einen Indikator ("Inflation Perception Indicator"), der Aussagen darüber erlaubt, wie intensiv sich die Öffentlichkeit mit Inflation befasst und welche Aspekte dabei im Vordergrund stehen.

Die aktuellen Resultate  sind ziemlich erschreckend: Noch nie in diesem Jahrtausend stand die Inflation derart im Zentrum der Aufmerksamkeit; die Diskussion über die Folgen berührt inzwischen das politische Themenspektrum in seiner Breite. Bei der Frage nach den Schuldigen steht die EZB im Zentrum der Anklage. Von der Regierung und den Tarifparteien wird eher erwartet, die Folgen zu lindern – wobei klar ist, dass höhere staatliche Unterstützungszahlungen und steigende Löhne die Inflation nicht dämpfen, sondern weiter antreiben. Ein Dilemma.

Wenn die Bürger Inflationserwartungen auf Basis ihrer Inflationswahrnehmung bilden, dann sind wir längst auf dem Weg von der Typ-1- zur Typ-2-Inflation. Aus einem einmaligen Schock entsteht eine Eigendynamik, die nicht so einfach zu stoppen ist. Es ist deshalb durchaus vernünftig, sich auf eine längere Phase rapider Geldentwertung einzustellen.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Montag

Prag – Bedingt wehrhaft – Informelles Treffen der EU-Verteidigungsminister (bis Dienstag). Es wäre höchste Zeit, Strukturen zu vereinheitlichen, damit Europa stärker und unabhängiger werden kann. Sind wir dazu bereit?

Dienstag

Prag – Strategisches Defizit – Informelles Treffen der EU-Außenminister (bis Mittwoch).

Wiesbaden – Rekordkurs – Das Statistische Bundesamt gibt eine erste Schätzung für die Inflationsrate im August bekannt.

Bonn – Kartellbrüder und andere Regelbrecher – Das Bundeskartellamt stellt seinen Jahresbericht vor.

Mittwoch

LuxemburgWas nun, Christine? – Die Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht eine Schnellschätzung zur Inflation Euroraum im August. Der Druck auf EZB-Chefin Christine Lagarde steigt.

London – On Strike – Die Mitarbeiter der Royal Mail legen die Arbeit nieder. Das inflationsgeschüttelte Brexit-Land steht vor enormen Herausforderungen.

Peking – Zero Covid, zero Umsatz? – Chinas Statistikamt legt neue Zahlen zur Stimmung bei den Einkaufsmanagern vor.

Donnerstag

Frankfurt – Abflauende Nachfrage? (1) – Der Maschinenbauverband VDMA veröffentlicht Zahlen zum Auftragseingang.

Luxemburg – Hoher Stand – Eurostat präsentiert Kennzahlen zu Beschäftigung und Arbeitslosigkeit in der EU. Trotz Rezessionssorgen zeigen sich die Arbeitsmärkte bislang noch erfreulich robust – vielleicht die neue Normalität in Zeiten demografisch bedingter Knappheiten.

Freitag

Wiesbaden – Abflauende Nachfrage? (2) – Statistisches Bundesamt zu deutschen Exporten im Juli 2022.

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