Henrik Müller

Kampf gegen Inflation Übertreiben die Notenbanken jetzt?

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Weltweit schrauben die Notenbanken rapide die Zinsen nach oben. Eine geldpolitische Straffung ohne historisches Vorbild – deren Folgen schmerzhaft sein werden.
"Synchronisierte monetäre Straffung": Um die Inflationsdynamik zu brechen, riskieren Notenbanken wie die EZB eine tiefe globale Rezession

"Synchronisierte monetäre Straffung": Um die Inflationsdynamik zu brechen, riskieren Notenbanken wie die EZB eine tiefe globale Rezession

Foto: Boris Roessler/ dpa

Eigentlich erfordert der Beruf des Notenbankers eine eigentümliche Eigenschaft: absolute Nüchternheit. Nur der reinen Vernunft verpflichtet, sollen die Manager des Geldes unabhängig von momentanen Stimmungen Entscheidungen treffen, die dem Ziel langfristiger Stabilität gerecht werden. Derzeit jedoch erwecken sie einen ganz anderen Eindruck: Ihre Taten lassen einen Anflug von Panik erkennen. Rund um den Globus schleusen sie rapide die Leitzinsen nach oben.

Die Inflation galoppiert davon, und die Notenbanken versuchen, die Zügel anzuziehen, um die Preisdynamik einzubremsen. In vielen Ländern sind seit Sommer 2021 die Zinsen stark angehoben worden – und zwar teils drastisch, wie aus Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ)  hervorgeht. In der abgelaufenen Woche hat die US-amerikanische Federal Reserve Bank die Sätze abermals um 0,75 Prozentpunkte heraufgesetzt, ein Anstieg um 2,25 Prozentpunkte seit März. Am Donnerstag ist die Bank of England dran, vermutlich mit einem Zinsschritt um 0,5 Punkte.

Noch schärfer treten viele Schwellenländer auf die Bremse. Dieser Tage hat die ungarische Nationalbank den Zins zum 15. Mal in Folge hochgesetzt. Binnen eines Jahres sind Notenbankkredite dort um mehr als zehn Prozentpunkte teurer geworden. Im Zuge der Umwälzungen der vergangenen Monate – Konflikte mit Russland, knappe Energie, stockende internationale Lieferketten – ist das staatspopulistische Wirtschaftsmodell Viktor Orbans (59) brüchig geworden: Die Währung verliert an Wert. Anleger ziehen allmählich die Zahlungsfähigkeit des Staates in Zweifel, was sich in steigenden Renditen für Budapester Staatsanleihen niederschlägt.

Ob in Osteuropa, Lateinamerika oder Asien – viele Notenbanken in den Schwellenländern sind derzeit hyperaktiv. Als Reaktion auf die anziehende Inflation und die Wechselkursturbulenzen haben sie in den letzten 13 Monaten die Zinsen drastisch erhöht. Argentinien: plus 14 Prozentpunkte. Chile: plus 9,25. Brasilien: plus 9. Tschechien: plus 6,5. Polen: plus 6,4. Kolumbien: plus 5,75. Südafrika und Philippinen: plus 1,25… und es ist noch kein Ende in Sicht.

Starke Dosis, schwache Wirkung

Je länger die Inflation anhält, desto heftiger werden die Reaktionen. Die Fed begann mit 0,25-Punkte-Schritten und hat nun die Gangart auf 0,75-Punkte-Schritte verschärft. Die ungarische Notenbank hat zuletzt die Zinsen um einen ganzen Prozentpunkte nach oben geschraubt. Die Dosis steigt – aber die unmittelbaren Wirkungen lassen noch zu wünschen übrig.

Das gab es noch nie: Die derzeitige weltweit "synchronisierte monetäre Straffung” sei "historisch ohne Vorbild", so der Internationale Währungsfonds (IWF) . Und die Folgen dieser unkoordinierten Vollbremsung werden schmerzhaft sein. Die Notenbanken riskieren eine tiefe globale Rezession, um die Inflationsdynamik zu brechen. Das sei im Zweifel nötig, meinen die IWF-Experten: "Straffere Geldpolitik wird unweigerlich reale wirtschaftliche Kosten haben, aber Verzögerungen würden die Probleme nur verlängern." Die Notenbanken müssten jetzt auf Kurs bleiben, "bis die Inflation gezähmt ist”.

Ich bin nicht restlos überzeugt. Dieselben Institutionen, die uns in den vergangenen zehn Jahren erzählt haben, dass die Notenbanken billiges Geld ohne Ende in die Märkte pumpen müssten, um eine Deflation zu verhindern, sind jetzt auf dem gegenteiligen Trip. Nun kann die geldpolitische Wende kaum hart genug vonstatten gehen.

Die Folgen der Geldflut

So verständlich die derzeitigen Aktionen sind, so unklar ist, ob sie sich letztlich als richtig erweisen werden. Wenn alle nach dem gleichen Muster handeln, kann das ungeahnte Nebeneffekte haben. Bis vor kurzem galt als ausgemacht, dass wir uns in einer Ära der extrem niedrigen Zinsen und Inflationsraten befinden. Entsprechend breitete sich "Quantitative Easing" – das Aufkaufen von Staatsanleihen im großen Stil – als Notenbank-Instrument aus.

Die Risiken und Nebenwirkungen dieser Geldflut sind einigermaßen abenteuerlich, und sie sind ein Teil der Ursache des derzeitigen Inflationsschocks: Wir haben es mit einer Liquiditätsschwemme sondergleichen zu tun, die nun – nach dem Abflauen der Pandemie, dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs und der zunehmenden Fragmentierung der Weltwirtschaft  – auf eine Wirtschaftsstruktur mit eingeschränkten Produktionsmöglichkeiten trifft. Inzwischen gehören die Notenbanken der Eurozone zu den größten Gläubigern der Mitgliedstaaten, wie die Bundesbank in ihrem aktuellen Monatsbericht vorrechnet : Von den ausstehenden deutschen Staatsschulden liegen 39 Prozent beim Euro-Zentralbankensystem, in Spanien ist es ein Drittel, in Frankreich und Italien ein Viertel der ausstehenden Verbindlichkeiten.

Dass die staatlichen Notenbanken dem jeweiligen Finanzminister Geld leihen, mag in Krisensituationen wie der Pandemie notwendig sein. Als Dauermaßnahme wirkt "Quantitative Easing" wie ein ökonomischer Taschenspielertrick. Marktwirtschaft stellt man sich eigentlich anders vor. Doch über Jahre war es internationaler Notenbanker-Konsens, dass genau dies nötig sei.

Das ist Vergangenheit. Auf "Quantitative Easing" folgt nun "Quantitative Tightening" – das Schrumpfen der mit Staatsanleihen vollgestopften Notenbankbilanzen.

Nur wenige Länder machen die große monetäre Wende bislang nicht mit, darunter die Bank von Japan und die türkische Notenbank, die von Präsident Recep Tayyip Erdoğan (68) auf einen schrägen pseudoreligiösen Trip gedrängt wird .

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat erst vorige Woche eine ganz vorsichtige Straffung in Gang gesetzt. Immerhin hat sie die Gebühren, die Geschäftsbanken für ihre Notenbankguthaben zahlen müssen, abgeschafft. Aber: Der Leitzins liegt immer noch nahe null. Die Anleihekäufe hat sie nicht vollständig eingestellt, sondern nun auf einzelne Euro-Mitgliedstaaten konzentriert, sollten deren langfristige Zinsen zu stark steigen. Die EZB ist in einer unmöglichen Situation, solange die Eurozone sich nicht finanzpolitisch stärker integriert (siehe meine Kolumne im akutellen manager magazin ) Ähnlich wie die Bank von Japan muss die Frankfurter Zentralbank Rücksicht nehmen auf hochverschuldete Staatshaushalte. Das schränkt ihre Handlungsfähigkeiten ein.

Alle rennen in die gleiche Richtung

Für die Notenbanken geht es um ihre Glaubwürdigkeit. Sie wollen beweisen, dass sie noch in der Lage sind, wirkungsvoll die Inflation zu bekämpfen. In den Schwellenländern kommt noch hinzu, dass sie den Abwertungsdruck auf ihre Währungen zu mildern versuchen, indem sie die Zinsen stärker anheben als die der Weltreservewährung Dollar. Schwächelnde Währungen bedeuten: Importe werden teurer, Anleger und Spekulanten werden unruhig und ziehen Gelder ab, Schuldenkrisen werden wahrscheinlicher. Entsprechend stemmen sich die Zentralbanken der Schwellenländer mit forschen Zinserhöhungen gegen den Abwertungsdruck.

Es ist nur so: Bis sich die Bremswirkungen von Zinserhöhungen auf die Realwirtschaft zeigen – und damit auch die Inflation gedämpft wird –, vergehen typischerweise ein bis zwei Jahre. Die Notenbanken wollen aber hier und jetzt sehen, dass sie die Inflation in den Griff bekommen. Sie warten auf Indikatoren, die anzeigen, dass sie trotz angekratztem Vertrauen noch von Bürgern, Unternehmen und Finanzmärkten ernstgenommen werden. Doch womöglich tun sie nun in der Summe zu viel (die EZB ausgenommen, die definitiv zu wenig zu spät tut). In der Folge würden sie eine weltweite Rezession produzieren, die härter ausfällt als nötig.

Auch in der Vergangenheit konnten einzelne Notenbanken scharfe geldpolitische Bremsungen hinlegen und damit die heimische Nachfrage allzu stark abwürgen. Aber ein diverses internationales Konjunkturumfeld federte solche Politikfehler ab und stabilisierte die Entwicklung. Wenn aber rund um den Globus die Notenbanken synchron die gleiche Strategie verfolgen, fehlen solche Puffer. Alle rennen in die gleiche Richtung – und irgendwann womöglich vor die Wand.

Was die richtige Strategie ist, kann derzeit niemand wissen. Die wirtschafts- und geopolitische Lage ist außergewöhnlich kompliziert. Krieg, Hunger, Energiemangel, dazu Lieferketten, die zum Zerreißen gespannt sind, sowie akute Arbeitskräfteknappheit, weil viele Menschen in Folge der Pandemie aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden sind und die Zuwanderung zurückgegangen ist – all das hat die Wirtschaftsstrukturen verschoben. Wie weit die Notenbanken die Nachfrage dämpfen müssen, um die Inflation in den Griff zu bekommen, ist unter diesen Bedingungen kaum exakt zu bestimmen.

Nichthandeln ist keine Option, klar. Aber auch die Methode Viel-hilft-viel birgt erhebliche Risiken.

Die wichtigsten Ereignisse der bevorstehenden Woche

Montag
Exeter – After Boris – Zweiter Wahlkampfauftritt im Rennen um die Nachfolge von Großbritanniens Johnson als Tory-Chef und Premier. Ex-Finanzminister Sunak und Außenministerin Truss bewerben sich um den Topjob des Königreichs.

Frankfurt – Deutsche Konjunktur – Der Maschinenbauverband VDMA veröffentlicht Zahlen zum Auftragseingang im Juni.

Luxemburg – Die Job-Lücke – Die EU-Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht Kennzahlen zur Arbeitslosigkeit.

Dienstag

Berichtssaison I – Geschäftszahlen von Fresenius, Fresenius Medical Care, Covestro, Symrise, Siemens Gamesa, Generali, BP, Ferrari, PayPal, Starbucks, AMD.


Mittwoch
Wiesbaden – Deutschlands Schwäche – Das Statistische Bundesamt legt neue Zahlen zum deutschen Export vor. In schwieriger weltpolitischer Lage zeigt sich, wie anfällig die deutsche Wirtschaft für außenwirtschaftliche Verwerfungen ist.

Frankfurt – Inflationsausgleich – Dritte Verhandlungsrunde zwischen Lufthansa und Verdi für rund 20.000 Bodenbeschäftigte. Die Gewerkschaft fordert 9,5 Prozent mehr Lohn.

Berichtssaison II – Geschäftszahlen von BMW, Commerzbank, Vonovia, Moderna, Evonik, ZF, A.P. Moller-Maersk, Hugo Boss, Veolia Environnement, Siemens Healthineers, Infineon, Société Générale.


Donnerstag
Wiesbaden – Statistisches Bundesamt zu Exporten im Juni 2022.

Dallas – Nationale Internationale – Beginn der "Conservative Political Action Conference". Im trüben Rechten fischen Ex-US-Präsident Trump, Senator Cruz und Ungarn-Premier Orban.

Berichtssaison III – Geschäftszahlen von Lufthansa, Bayer, Merck, Beiersdorf, Adidas, United Internet, Schaeffler, Hensoldt, Crédit Agricole, ING, Hannover Rück, Lanxess, Zalando, Banca Monte dei Paschi, Rolls-Royce, Glencore, Adecco, Conoco Phillips, Eli Lilly, Lyft, Amgen.

Freitag

Washington – Überhitzt – Die US-Regierung veröffentlicht Daten zur Arbeitslosenquote im Juli.

Berichtssaison IV – Geschäftszahlen von Allianz, Deutsche Wohnen, Deutsche Post, Aurubis, Rheinmetall, RTL.

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