Sonntag, 5. April 2020

EZB prüft ihre Strategie Sechs Gründe, warum die Inflation nicht vom Fleck kommt

EZB-Präsidentin Christine Lagarde

Wenn die Europäische Zentralbank unter Christine Lagardes Führung ihre Strategie überarbeitet, könnten Überraschungen in jede Richtung herauskommen. "Gründlich und unvoreingenommen" werde die EZB ihre erste Review seit 2003 angehen, kündigte Lagarde an. Ausdrücklich will die neue Präsidentin auch die damals beschlossene Definition des Hauptziels Preisstabilität mit einer mittelfristigen Inflationsrate von "unter, aber nahe 2 Prozent" infrage stellen.

Unter ihrem Vorgänger Mario Draghi hatte die EZB ihr wichtigstes Ziel klar verfehlt. Die Inflation in der Euro-Zone ist chronisch deutlich schwächer als gewünscht. Dasselbe Problem haben die Zentralbanken anderer reicher Länder, von den USA über Großbritannien und die Schweiz bis Australien und Südkorea. Japan findet schon seit 25 Jahren keinen Ausweg aus der Liquiditätsfalle, in der Bürger und Unternehmen lieber Geld horten, als es kreisen zu lassen. Dieses Szenario einer dauergelähmten Wirtschaft droht sich global auszubreiten.

Ein Ergebnis der unvoreingenommenen Review könnte die Botschaft sein: Wir geben auf. Die Zentralbank "sollte akzeptieren, dass sie ihr Inflationsziel nicht erreichen kann", fordert der niederländische Vertreter im EZB-Rat, Klaas Knot. Sie brauche mehr Zeit und Flexibilität, "um Kräften zu begegnen, die wir nicht beherrschen können".

Doch was sind diese ominösen Kräfte?

Digitalisierung

Vom "Amazon-Effekt" spricht Lagardes US-Kollege Jerome Powell. Der Online-Handel drückt systematisch die Preise für nahezu alle Waren abseits von Nahrung und Energie. Die Digitalisierung wirkt noch auf andere Weise dämpfend auf die Inflation. Manche Ökonomen sind gar der Ansicht, dass die offiziellen Inflationsdaten noch zu hoch ausfallen, weil die Warenkörbe der Statistiker neue digitale Produkte schlecht erfassen, ebenso wie die Sharing Economy oder Gratis-Dienste von sozialen Netzwerken über Suchmaschinen bis Online-Karten. In Wahrheit werde das Leben dank der neuen Technik viel billiger.

Allerdings gab es vor dem "Amazon-Effekt" auch schon den "Wal-Mart-" oder in Deutschland den "Aldi-Effekt"; so viel hat sich im Preiskampf des Einzelhandels bloß wegen neuer Technik nicht geändert. Außerdem ist von steigender Produktivität, über die Innovationen auf die Preise drücken müssten, wenig zu sehen. Die Zentralbanken von Kanada und Schweden kamen beide mit Untersuchungen zu dem Urteil, die Digitalisierung könne die schwache Inflation nicht erklären.

Globalisierung

Die Tatsache, dass die Inflationsschwäche synchron in mehreren Ländern auftritt, spricht für eine gemeinsame Ursache. Forscher von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich - die das Werk der Zentralbanken koordiniert - sehen vor allem in den global integrierten Lieferketten eine Preisbremse: Firmen können immer dort einkaufen, wo die benötigten Waren am günstigsten sind.

Es reicht also nicht, dass die Kapazitäten im eigenen Land ausgelastet sind, damit die Anbieter höhere Preise durchsetzen könnten. Erst wenn wirklich überall Vollbeschäftigung herrscht, gäbe es keinen Ausweg mehr vor höheren Kosten - und dann könnte die Inflation kommen.

Demografie

Japan führt nicht nur die Bewegung zur Null-Inflation an, es ist auch beim Altern der Gesellschaft den anderen Ländern voraus. Japanische Forscher haben ermittelt, dass der höhere Anteil alter Arbeitnehmer die Konkurrenz um einfache Jobs anheizt und die Löhne drückt. Und wo die Löhne nicht steigen, lassen sich auch kaum höhere Preise durchsetzen. Ein weiterer Effekt: Die jungen und mittleren Jahrgänge sorgen mehr fürs Alter vor und haben weniger Kaufkraft zum Konsumieren.

Sparschwemme

Das Phänomen der weltweit schwachen Inflation hat sich seit der Finanzkrise von 2008 ausgebreitet - ein Zeichen, dass es sich dabei hauptsächlich um eine Folge dieser Krise handeln könnte. US-Ökonom Larry Summers sieht in einem "chronischen Überhang von Ersparnissen über Investitionen die Essenz einer säkularen Stagnation", also einer dauerhaft schwachen Wirtschaft.

Es gebe einfach zu viel Kapital im Vergleich zu lukrativen Anlagemöglichkeiten, lautet die These. Daraus folge ein Wettlauf in die wenigen vergleichsweise sicheren Investments. Die Anleger sind so begierig darauf, Geld zur Seite zu legen, dass sie auch Minuszinsen in Kauf nehmen - unabhängig davon, welchen Leitzins die Zentralbanken setzen. Sie können gar nicht so deutlich unter Null gehen, dass Geldausgeben wieder attraktiv würde.

Austerität

Nicht nur private Haushalte und Unternehmen häufen Überschüsse an - auch die meisten Staaten entziehen dem Wirtschaftskreislauf Geld, seit sie als Krisenfolge Haushaltsdefizite fürchten. Ein Extremfall ist Deutschland, das seit Jahren mehr einnimmt als ausgibt und selbst im aktuellen Abschwung an der "schwarzen Null" festhält. So fehlt weitere Nachfrage, die preistreibend wirken könnte.

Gewöhnungseffekt

Die Zentralbanken haben sich in den vergangenen Jahren vor allem darauf verlegt, die Erwartungen zu managen, weil sie die Preise kaum noch direkt beeinflussen können - mit mäßigem Erfolg. Je länger die Inflation tief bleibt, desto weniger rechnen die Wirtschaftsakteure damit, dass sie noch einmal nennenswert steigt.

Draghi hinterließ Lagarde zum Ende seiner Amtszeit das Bekenntnis der EZB, ihre Anleihenkäufe und Nullzinsen so lange fortsetzt, bis das Inflationsziel sicher erreicht ist. Erst, wenn sich die Erwartung durchsetzt, dass die EZB zum Ausgleich für mehrere Jahre Inflation unter 2 Prozent auch noch eine ebenso lange Periode mit Werten über 2 Prozent erzeugen kann, dürften Löhne und Preise entsprechend angehoben werden.

Olivier Blanchard, der in Lagardes Zeit an der Spitze des Internationalen Währungsfonds als dessen Chefvolkswirt amtierte, empfiehlt einen Trick, um aus der Gewöhnung auszubrechen: Die Zentralbanken sollten ihr Inflationsziel plötzlich anheben, er votiert für 4 Prozent. Die Strategierevision der EZB könnte also auch in eine ganz andere Richtung gehen.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung