US-Wirtschaft Inflation sinkt merklich – wie reagiert die Fed?

Die Inflationsrate in den USA ist auf 8,5 Prozent stärker gesunken als von Experten erwartet. Wird die US-Notenbank Fed nun bei den Zinserhöhungen Tempo herausnehmen? Drei Argumente sprechen derzeit eher dagegen.
Mitarbeiter dringend gesucht: Die Beschäftigten in den USA haben derzeit gute Chancen, höhere Lohnforderungen durchzusetzen, das wird die Inflation weiter hochhalten

Mitarbeiter dringend gesucht: Die Beschäftigten in den USA haben derzeit gute Chancen, höhere Lohnforderungen durchzusetzen, das wird die Inflation weiter hochhalten

Foto: Jeff Chiu/ AP

Die Inflation in den USA ist im Juli "nur" noch um 8,5 Prozent zum Vorjahresmonat gestiegen - nach einem Zuwachs von 9,1 Prozent im Juni, teilte das Arbeitsministerium am Mittwoch mit. Von Reuters sowie vom "Wall Street Journal" befragte Experten hatten mit einem Rückgang auf 8,7 Prozent gerechnet. Zuletzt waren die Benzinpreise in den USA gesunken, was die Inflationsrate dämpfte.

Die US-Notenbank Fed hatte die ausufernde Inflation in den vergangenen Monaten mit ungewöhnlich großen Zinsschritten bekämpft. Wie stark sie nun im September die Zinsen weiter erhöhen wird, dürfte auch von der Entwicklung der Verbraucherpreise abhängen. Ihnen wird ein großer Einfluss auf die US-Konjunktur beigemessen. Denn immerhin stehen die Ausgaben der US-Verbraucher für zwei Drittel der Wirtschaftsleistung der weltgrößten Ökonomie. Reduzieren die US-Amerikaner ihren Konsum, weil vieles zu teuer wird, erhöht dies die Gefahr einer Rezession in den USA deutlich. Zuletzt verbuchte die US-Wirtschaft in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen ein Minuswachstum, was eine Diskussion darüber ausgelöst hat, ob sich die USA nun bereits in einer Rezession befinden oder nicht.

Die Frage ist nun, ob der aktuelle Inflationsrückgang für die US-Notenbank Fed Grund genug ist, das Tempo der Zinserhöhungen zu reduzieren. Die Notenbanker hatten sowohl im Juni als auch im Juli den Leitzins jeweils um 0,75 Prozent erhöht. Gründe für weitere Zinserhöhungen gibt es verschiedene.

  • Erstens ist die Teuerungsrate noch weit von jenen 2 Prozent entfernt, die die Federal Reserve als Ziel verfolgt.

  • Zweitens blieb die Kern-Inflationsrate, die die oft volatilen Energie- und Lebensmittelpreise ausschließt, im Juli stabil und stieg gegenüber dem Vorjahresmonat um 5,9 Prozent. Laut "Wall Street Journal"  ist dies ein Zeichen dafür, dass der Preisdruck in der Wirtschaft auf breiter Front anhält.

  • Drittens sind in den vergangenen Monaten die Löhne über alle Branchen hinweg im Schnitt um 5 Prozent und mehr gestiegen. Die Verdienste der Beschäftigten steigen damit zwar langsamer als die Teuerungsrate, doch tragen sie nicht unerheblich dazu bei, dass die Inflation hoch bleibt.

Sorgen um die Lohn-Preis-Spirale

Bleibe die Kern-Inflationsrate "hartnäckig hoch", werde die Fed "ihre straffere Ausrichtung beibehalten, da sie befürchtet, dass sich die hohe Inflation in den Preiserwartungen der Verbraucher verfestigt", zitiert das "Wall Street Journal"  Blerina Uruci, Volkswirtin bei T. Rowe Price Group. Wegen der hohen Kern-Inflationsrate erwartet Bastian Hepperle von Hauck Aufhäuser, dass die Fed im September den Leitzins um weitere 0,50 Prozent erhöhen wird. Dirk Chlench, Volkswirt bei LBBW, geht gar von 0,75 Prozent aus.

Zugleich gilt der rasche Verdienstanstieg zum einen als Beleg dafür, dass die Arbeitgeber weiterhin die Löhne erhöhen, um in einem angespannten Arbeitsmarkt Arbeitskräfte zu finden und zu halten. Zum anderen müssen die Unternehmen auch für Vorprodukte, Energie oder Dienstleistungen jetzt mehr ausgeben als noch vor der Pandemie und Energiekrise.

Das starke Lohnwachstum ist nach Ansicht von Ökonomen ein Grund zur Sorge für die US-Notenbank. "Sie betrachtet den Arbeitsmarkt als zu angespannt. Sie glaubt, dass das Lohnwachstum zu schnell ist", zitiert das "Wall Street Journal"  Nick Bunker, Wirtschaftswissenschaftler bei der Jobbörse Indeed.

Noch stellen die Unternehmen in den USA mehrheitlich ein, schaffen unter dem Strich mehr Jobs. Berichte über den Arbeitsmarkt und die Lohnentwicklung im Juli widersprachen auch der Erwartung einer deutlichen Konjunkturabschwächung, oder dass sich das Lohnwachstum verlangsamt: So kletterten die Gehälter der Beschäftigten in der Privatwirtschaft im zweiten Quartal um 5,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal und damit so schnell wie seit 2001 nicht mehr.

Laut "Wall Street Journal" erwarten die privaten Haushalte vorerst weiter steigende Preise. Das könnte höhere Lohnforderungen und damit auch zumindest kurzfristig eine steigende Inflation nach sich ziehen, zitiert die Zeitung aus einer neuen Analyse der Federal Reserve Bank von San Francisco.

Solange der Arbeitskräftemangel in den USA anhält, haben die Beschäftigten gute Aussichten, höhere Lohnforderungen durchzusetzen. Noch übersteigt die Zahl offener Stellen die der Arbeit suchenden Amerikaner deutlich. Auch wechseln derzeit noch mehr Amerikaner ihren Job als vor der Pandemie – und das in der berechtigten Erwartung, mit der neuen Stelle mehr Geld zu verdienen, wie Kathy Bostjancic, Ökonomin bei Oxford Economics, sagt.

rei
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