Henrik Müller

Inflationsgefahren Die wilde Geschichte vom stabilen Geld

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Steigende Preise, teure Energie, Lieferengpässe: Die Weltwirtschaft geht durch eine heikle Phase. Aber bis zum Frühling sollen die Probleme ausgestanden sein, angeblich. Wenn nicht, droht die nächste Finanzkrise.
Der Zähler tickt: Gas wird derzeit immer teurer - andere Energiequellen und Rohstoffe ebenfalls

Der Zähler tickt: Gas wird derzeit immer teurer - andere Energiequellen und Rohstoffe ebenfalls

Foto: A3276 Martin Gerten/ dpa

Uns steht ein rauer Winter bevor. Energie ist so teuer wie lange nicht mehr, der Gaspreis ist auf Rekordniveau. In Großbritannien gehen bereits reihenweise Energieversorger pleite, die von den hohen Einkaufspreisen überrascht wurden. Produktionsengpässe behindern die Wirtschaft, Beschäftigte werden wegen Materialmangels nach Hause geschickt, obwohl die Auftragsbücher voll sind. Das Leben wird teurer, die Inflationsraten steigen.

Eine höchst ungemütliche ökonomische Großwetterlage hat sich zusammengebraut. Statt eines ausgelassenen Nach-Covid-Booms, der den verzögerten Beginn der goldenen 2020er-Jahre markiert hätte, scheint dem Aufschwung schon wieder die Puste auszugehen, bevor er richtig begonnen hat. Die Verspannungen waren zwar bereits vor mehr als einem Jahr absehbar. Doch die derzeitige Heftigkeit der Ausschläge ist doch überraschend.

Es stellen sich drei Fragen: Haben wir es mit vorübergehenden Problemen zu tun, die bald gelöst sein werden? Oder ist dies der Beginn einer neuen Ära der Knappheiten? Und: Falls Letzteres zutrifft, stehen uns dann größere Verwerfungen bevor, beispielsweise eine globale Finanzkrise?

Stillstand ist keine Lösung

Die aktuellen Wirtschaftsprognosen jedenfalls sind weit entfernt von Panikmache. Ob Internationaler Währungsfonds (IWF)  oder die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute  – die Grundmelodie der Analysen ist recht optimistisch. Kommendes Jahr werde in den wohlhabenden Ländern wieder so etwas wie Normalität einkehren. Die Weltwirtschaft wird die Lieferengpässe allmählich überwinden. Die Preise für Energie und andere Rohstoffe werden deutlich sinken. Die Inflation geht zurück, das Wachstum zieht an. Immer mehr Menschen gehen wieder arbeiten: Die Beschäftigungsraten, die derzeit noch unter Vor-Corona-Niveaus liegen, sollten sich endgültig normalisieren.

Wenn der Winter erst vorüber ist, dann fängt ein mildes Frühjahr an. Das ist die derzeit dominierende Konjunktur-Story.

Danach können wir uns dann endlich den großen Aufgaben zuwenden: dem Umbau in Richtung Klimaneutralität, eine konsequente Digitalisierung, dem Abbau des öffentlichen Investitionsstaus. Zu tun gibt es wahrlich genug. (Achten Sie diese Woche auf Wasserstandsmeldungen der Ampel-Koalitionäre in spe.) Ein fortgesetzter Aufschwung würde dabei helfen. Stillstand ist schließlich auch keine Lösung.

Die Geschichte von der Frühjahrserholung gilt derzeit auch als Richtschnur der Konjunkturpolitik. Notenbanker, zumal die führenden Köpfe der Europäischen Zentralbank (EZB), verwenden einige Mühen darauf, durch die aktuelle Lage "hindurchsehen" zu können. Da sie an kurzfristigen Verwerfungen der Märkte ohnehin nichts ändern können, versuchen sie, die mittelfristigen Aussichten abzuschätzen. Und die halten sie nach wie vor für prinzipiell rosig.

Unmittelbarer Handlungsdruck? Eher nicht. Während in Großbritannien und in den USA sich die Notenbanken bereit machen, die geldpolitischen Zügel allmählich zu straffen – und andere westliche Notenbanken erste Schritte bereits vollzogen haben –, gibt sich die EZB betont gelassen. Auch die noch amtierende Bundesregierung verhält sich angesichts der rapide steigenden Energiepreise eher passiv, während in Frankreich, Italien und Spanien die Regierungen versuchen, die Auswirkungen der Teuerung auf die Bürger abzufedern.

Von Unruhe keine Spur

Wichtigstes Indiz dafür, dass es sich bei den derzeitigen Verspannungen um ein vorübergehendes Phänomen handelt, sind die längerfristigen Inflationserwartungen. Die EZB beispielsweise befragt regelmäßig Volkswirte, wie sie die künftige Preisentwicklung in der Eurozone einschätzen . Die Werte sind zwar zuletzt etwas gestiegen, aber von Unruhe ist nichts zu sehen: Die meisten Befragten glauben, dass der Anstieg der Verbraucherpreise im kommenden und im übernächsten Jahr unter 2 Prozent liegen wird. Lediglich ein Fünftel der befragten Experten sieht Inflationsraten zwischen 2 und 3 Prozent heraufziehen.

Von einer davon galoppierenden Inflation ist in den Umfragen nichts zu erkennen. Auch auf Fünfjahressicht rechnen die Befragten im Mittel mit Raten von 1,8 Prozent. Das entspricht in etwa der Zielmarke der Notenbanken, die Raten von 2 Prozent anpeilen. Wetten an den Finanzmärkten auf künftige Inflationsraten bestätigen die Einschätzungen der Experten.

In den USA liegt der Vergleichswert inzwischen bei 2,3 Prozent, wie die Federal Reserve Bank von St. Louis  ermittelt hat. Auch das ist keineswegs ungewöhnlich: Die Zahlen entsprechen damit in etwa dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Die Inflationserwartungen sind nach wie vor "gut verankert", wie Notenbanker das nennen. Also alles unproblematisch?

Tatsächlich ist die aktuell gemessene Inflation deutlich höher: In den USA lag die jährliche Steigerungsrate zuletzt bei 5,4 Prozent, in der Eurozone bei 3,4 Prozent (achten Sie Mittwoch auf neue Zahlen), in Deutschland für sich genommen bei 4,1 Prozent. Es stimmt schon: Ein Großteil dieses rapiden Anstiegs lässt sich durch einen statischen Effekt erklären; im Vergleichszeitraum des vorigen Jahres waren die Preise pandemiebedingt außergewöhnlich niedrig. Die davoneilenden Energiekosten lassen sich teilweise damit begründen, dass die Stärke der Erholung Produzenten und Versorger überrascht hat. Ähnliches könnte für die derzeit akuten Lieferengpässe gelten, die das Ifo-Institut nun auch für den Einzelhandel ermittelt hat . All das könnte sich zurückbilden, wenn sich das weltweite Angebot an die gestiegene Nachfrage angepasst hat. Dann sollte sich auch die Preisdynamik beruhigen.

Aber was, wenn nicht? Dann drohen einige sehr hässliche Überraschungen.

Eine globale Trendwende

Die Börsen sind nicht sonderlich gut darin, kommende Krisen vorherzusagen. Auch Konjunkturforscher tun sich schwer damit, radikale Wendepunkte zu prognostizieren. Womöglich stehen wir aber derzeit an einer solchen Schwelle. Der beruhigenden Geschichte von der Frühjahrserholung widersprechen jedenfalls einige strukturelle Verschiebungen, mit denen wir auf absehbare Zeit zu tun haben werden:

  • Der demografische Wandel verknappt zusehends das Potenzial an Arbeitskräften, nicht nur in Europa. Dadurch haben Arbeitnehmer und Gewerkschaften mehr Verhandlungsmacht. Steigen die Lebenshaltungskosten, sollten sie rasch angemessene Lohnsteigerungen durchsetzen können.

  • Die Globalisierung ist auf dem Rückzug. Die ehedem nahezu grenzenlosen Märkte werden von neuen Handelsbeschränkungen durchzogen. Dass die Unternehmen nun über Zulieferengpässe klagen, die zunehmend die Produktion lahmlegen, ist eine Folge dieser Entwicklung.

  • Der Kampf gegen den Klimawandel dürfte eine grüne Inflation mit sich bringen. Wenn der Ausstoß klimaschädlicher Gase mit immer höheren Abgaben belegt wird, wenn immer weitere Bereiche des Wirtschaftens davon betroffen sind und wenn zusätzlich EU-Klimazölle die Importe aus Ländern verteuerten, die abgasintensiver produzierten, dann wird das Auswirkungen auf die Lebenshaltungskosten insgesamt haben.

Fundamentale Faktoren, die eine Kehrtwende gegenüber der Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte ankündigen. Wir haben uns an ein schier unerschöpfliches globalisiertes Güterangebot gewöhnt. Die Integration immer weiterer Beschäftigter in die Weltwirtschaft und in den heimischen Arbeitsmarkt dämpfte die Lohnentwicklung. Energie war vergleichsweise billig, obwohl wir wussten, dass die Erwärmung der Atmosphäre entschlossenes Handeln erfordern würde. All das hielt die Inflation niedrig. Aber das ist Geschichte. Wie gut die Notenbanken auch unter veränderten Bedingungen die Preisdynamik im Griff behalten können, ist eine offene Frage.

"Gefährliche Gelassenheit"

Aus diesem Blickwinkel betrachtet sind die bislang entspannten Inflationserwartungen ein Grund zur Beunruhigung. Ein ganzes Universum von Wertpapieren ist auf die Erwartung dauerhaft niedriger Inflationsraten und Zinsen gebaut. Entsprechend hoch sind die Schulden der Staaten, aber auch der Unternehmen und Privatpersonen in vielen Ländern.

Larry Summers (66), der frühere US-Finanzminister, sprach bereits im Mai von "gefährlicher Gelassenheit". Alle miteinander würden die inflationäre Dynamik unterschätzen. Doch irgendwann könnten die Notenbanken gar nicht mehr anders, als die Zügel zu straffen: Anleihekäufe herunterfahren, Zinsen anheben. Und dieses verspätete Umsteuern werde die Finanzmärkte auf dem falschen Fuß erwischen, so Summers. Mutmaßliche Folge: die nächste Finanzkrise.

Dieses Szenario scheint näher zu rücken. Je mehr sich die Hinweise verdichten, dass sich die Preisdynamik verfestigt, desto weniger überzeugend ist die Story von der baldigen Normalisierung – desto unrealistischer erscheinen die derzeit noch niedrigen Inflationserwartungen. Die Wirtschaftspolitik müsse nun einen "heiklen Balanceakt" hinbekommen, schrieb kürzlich der IWF in seinem Bericht zur weltweiten Finanzstabilität . Notenbanken und Regierungen müssten auf die Bremse treten, aber sie sollten es so sachte tun, dass ein Crash verhindert werde. Gelegentlich enden Balanceakte jedoch tragisch: mit einem Absturz.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Montag

Peking – Stotter-Wirtschaft – Chinas Statistikamt legt Zahlen zum Wirtschaftswachstum im dritten Quartal vor. Die harschen Eingriffe in immer weitere Branchen durch die kommunistische Führung, die Krise der Immobilienentwickler Immobilienkrise sowie eine zunehmende Energieknappheit könnte die Dynamik gebremst haben.

LuxemburgUnter den Erwartungen – Die EU-Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht Kennzahlen zur Wirtschaftsleistung.

Dienstag

Brüssel – Schon wieder neue Regeln – Die EU-Kommission will mitteilen, wie sie sich die anstehende Reform der Haushaltsregeln für die Mitgliedstaaten vorstellt. Es wäre bereits die dritte große Veränderung des Stabilitäts- und Wachstumspakts seit Beginn der Währungsunion 1999.

Berichtssaison I – Geschäftszahlen von Deutsche Börse, Danone, Ericsson, United Airlines, Procter & Gamble, Johnson & Johnson, Bank of New York Mellon, Netflix.

Mittwoch
Luxemburg – Inflation in Europa – Eurostat legt neue Zahlen zur Entwicklung der Verbraucherpreise vor.

Berichtssaison II – Geschäftszahlen von Satorius, Kühne & Nagel, Nestlé, Akzo Nobel, Roche, IBM, United Airlines, Verizon.

Donnerstag

Brüssel – Mit Macht – Nato-Verteidigungsministertreffen (bis Freitag). Auf der Agenda steht unter anderem die Aufarbeitung des Afghanistan-Einsatzes und die Überarbeitung des strategischen Konzeptes der Nato.

Berichtssaison III – Geschäftszahlen von SAP, L' Oréal, Hermes, Vivendi, Randstad, ABB, Unilever, Barclays, Anglo American, AT&T, Dow, Intel

Freitag

Berlin – Grün und Laut – Protestaktionen der Klimaschutzinitiative "Fridays for Future" mit dem Motto "Ihr lasst uns keine Wahl", während sich eine neue Regierungskoalition formiert, die den Klimaschutz ins Zentrum ihrer Arbeit rücken will.

Berichtssaison IV – Geschäftszahlen von Air Liquide, Renault, Whirlpool, London Stock Exchange, Schlumberger, American Express.

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