Henrik Müller

Industriestandort Deutschland Zeit für eine Kurskorrektur: Warum das Land neue Unternehmer braucht

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Krisen bieten auch Chancen, bislang kaum genutzte Technologien setzen sich durch. Es entsteht Platz für Neues. So gesehen, sollten wir die aktuelle Krise nicht ungenutzt verstreichen lassen.
Die ausfuhrstarke Industrie ist immer noch das produktive Herz der heimischen Wirtschaft - aber es braucht auch neue Impulse

Die ausfuhrstarke Industrie ist immer noch das produktive Herz der heimischen Wirtschaft - aber es braucht auch neue Impulse

Foto: Olaf Döring / IMAGO

Wenn nicht alles täuscht, dann steckt Deutschland in einer handfesten Strukturkrise. In keiner anderen Euro-Volkswirtschaft läuft die Konjunktur derzeit so schlecht . Deutschland ist wieder das Land mit der roten Laterne, wie vor 20 Jahren. Und es spricht vieles dafür, dass dies keine vorübergehende Delle sein wird, sondern der Beginn einer längeren Schwächephase. So sieht’s aus: Das bisherige deutsche Wirtschaftsmodell verliert an Schwung. Nach vielen guten Jahren ist es Zeit für eine Kurskorrektur. Das Land braucht neue Unternehmen – und neue Unternehmer.

Doch wie so häufig liegt der Fokus der öffentlichen Debatte auf Umverteilungsmaßnahmen wie dem Bürgergeld. Das ist notwendig, aber nicht genug. Denn der Staat kann weder Dynamik noch Innovation, Wachstum oder Wertschöpfung verordnen. Allenfalls schafft er die Bedingungen, unter denen sich unternehmerischer Drive wohlstandsmehrend entfalten kann – oder eben nicht.

Leider ist es mit der Gründungsdynamik in Deutschland  nicht weit her. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der Neueröffnungen in Relation zur Bevölkerung fast halbiert; zuletzt lag die Gründungsquote  bei 119 Unternehmen pro 10.000 Erwerbstätige. In den ersten drei Quartalen dieses Jahr ist die Zahl der Neugründungen abermals gesunken, wie das Statistische Bundesamt  vermeldet. Vor allem ambitioniertere Firmengründungen, die direkt einige Arbeitsplätze schaffen, sind rückläufig. Gegenüber Vorjahr sank ihre Zahl um mehr als sieben Prozent. Ein Alarmsignal.

Bislang war der Mangel an Entrepreneuren kein großes Problem, denn die etablierte Wirtschaft florierte ja. Nun aber droht eine Situation, in der es zu wenige junge Unternehmen gibt, um die wegbröckelnde hochproduktive Substanz ersetzen zu können.

Deutschland, wir haben ein Problem!

Schon zu Beginn der Corona-Krise zeichnete sich ab, dass die Pandemie mit einem tiefgreifenden Strukturwandel einhergehen würde. Seither haben der Ukraine-Krieg und die geopolitischen Verwerfungen diese Einschätzung mit einem dicken Stift unterstrichen.

Vor allem drei Faktoren setzen die deutsche Wirtschaft unter Handlungsdruck: Die hohen Energiekosten infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine machen der hiesigen Industrie zu schaffen und veranlassen manches Unternehmen, auf Standorte auszuweichen, an denen die Kosten für Strom und Gas niedriger sind. Dazu kommen Lieferengpässe: Angespannte internationale Wertschöpfungsketten behindern immer noch die Produktion. Vor allem aber: Die weltweite Nachfrage nach Maschinen, Anlagen, Fahrzeugen, Autoteilen und chemischen Vorprodukten, immer noch die Säulen des deutschen Geschäftsmodells, geht strukturell zurück, weil in wichtigen Abnehmerländern die Phase der raschen Industrialisierung vorbei ist. China und andere Volkswirtschaften haben inzwischen jede Menge neue Fabriken, Stadtviertel und Verkehrstrassen in die Landschaft gesetzt. Allmählich zeigen sich Sättigungstendenzen.

Längst sind in den Schwellenländern selbst fähige Wettbewerber herangewachsen. Was an höherwertiger Technik bisher importiert musste, können viele inzwischen selbst, und zwar billiger. Westliche Unternehmen wiederum produzieren verstärkt vor Ort. Für global aufgestellte Großkonzerne wie Volkswagen oder Daimler ist China inzwischen der mit Abstand wichtigste Markt, den sie zunehmend mit örtlicher Wertschöpfung bedienen. Deutschland, die Nation, die sich immer noch gern als Exportweltmeister sieht (obwohl das schon lange nicht mehr zutrifft), hat ein Problem. Und zwar ein ziemlich fundamentales.

Die erstaunliche Beharrlichkeit der Industrie

Die ausfuhrstarke Industrie – das ist immer noch das produktive Herz der heimischen Wirtschaft. Bis heute trägt das produzierende Gewerbe (ohne Bau) rund ein Fünftel zur Wirtschaftsleistung bei, deutlich mehr als in den meisten vergleichbaren Ländern. Das war lange ein Vorteil: Deutschland hatte im Angebot, was die Schwellen- und Transformationsländer für ihre nachholende Entwicklung brauchten.

Nicht nur Großkonzerne, auch viele Mittelständler begannen, Märkte rund um den Globus zu beliefern: zunächst in Südeuropa, dann im ex-sozialistischen Mittelosteuropa, schließlich in China und anderen asiatischen Ländern. Manch produzierender Mittelständler exportiert inzwischen 80 Prozent seiner Wertschöpfung, den größten Teil davon außerhalb der EU. Ausdruck dieser Erfolge ist der gigantische außenwirtschaftliche Überschuss, den Deutschland viele Jahre lang eingefahren hat.

Tatsächlich ist es erstaunlich, wie lange sich die deutsche Industrie gegen den Trend der bröckelnden Globalisierung stemmen konnte, der nach der Finanzkrise von 2008 einsetzte. In den 2010er-Jahren stieg die hiesige Industrieproduktion immer noch weiter an, während die weltweite Handelsintensität bereits wegbrach. 2018 jedoch erreichte der Output des deutschen verarbeitenden Gewerbes ein Maximum. Seitdem geht es abwärts. Was jetzt?

Neue Firmen, neue Impulse

Für Verzagtheit besteht kein Anlass. Deutschland verfügt über ein leistungsfähiges Wissenschaftssystem. Wirtschaft und Staat gaben zusammen zuletzt 3,1 Prozent der Wirtschaftsleistung für Forschung und Entwicklung (F&E) aus – ein hoher Wert verglichen mit anderen Ländern. Aber auch hier gilt: Die Position in der Spitzengruppe ist bedroht. Ob F&E-starke Industriekonzerne, die ihre Produktion im Inland herunterfahren, ihre Aktivitäten in gewohntem Umfang weiter steigern werden, ist alles andere als sicher.

Entsprechend sollte der Staat mehr Geld für die Forschung in die Hand nehmen, insbesondere für die Grundlagenforschung. Das ist relativ billig und verspricht enorm positive Ausstrahleffekte in die Gesamtwirtschaft. Wenige Milliarden Euro mehr oder weniger können einen spürbaren Unterschied machen.

Aus diesem Wissensrohstoff ökonomisch verwertbare Produkte zu formen, ist Sache der Privatwirtschaft. Und dabei kommt es gerade auf junge Unternehmen an. Die Stärke von etablierten Konzernen liegt darin, vorhandene Technologien weiterzuentwickeln und in großem Maßstab zu vermarkten. Schwerer tun sie sich damit, radikal neue Wege zu beschreiten. Siehe die Autoindustrie, wo das einstige Startup Tesla ein neues E-Auto-Geschäftsmodell etablierte hat, dem nun traditionsreiche Konzerne nacheifern. Oder die Pharmabranche, die von mRNA-Spezialisten wie Biontech (Deutschland) und Moderna (USA) neue Impulse bekommt.

Das Kapital im 21. Jahrhundert

Um den Strukturwandel zu meistern, bedarf es deshalb gerade junger Unternehmen, die in der Lage sind, die Brücke zwischen wissenschaftsbasierter Forschung und produktnaher Innovation zu schlagen. Bislang gibt es vor allem zwei hohe Hürden für technologieorientierte Startups: Kapital und kluge Köpfe.

Der Kapitalmarkt in Deutschland und im übrigen Europa ist vor allem auf etablierte Unternehmen ausgerichtet. Echte Innovationen jedoch lassen sich schwerlich durch Bankkredite finanzieren. Es braucht Beteiligungskapital, das unternehmerische Hilfestellung beim Wachsen leistet. Und: Talentierte und gutausgebildete junge Leute in neue Unternehmen zu locken, ist bislang schwierig, weil florierende Großkonzerne sicherere und scheinbar attraktivere Chancen bieten – hohe Einstiegsgehälter, absehbare Karriereperspektiven.

Die zweite Hürde dürfte im Zuge des Strukturwandels sinken. Wenn etablierte Firmen hierzulande schrumpfen, schaffen sie Raum für Neues. Junge und unsicherere Arbeitgeber wirken plötzlich relativ attraktiver. Daneben wäre es ein sinnvolles europäisches Projekt, einen zentralen Finanzplatz für Wachstumskapital zu schaffen, vermutlich in Paris, wo bereits eine Vielzahl von Börsengängen stattfindet.

Klar, die Zeiten sind unsicher. Die Zinsen steigen, die Unternehmensbewertungen sind unter Druck. Doch Krisen bieten auch Chancen. Der Strukturwandel beschleunigt sich. Bedürfnisse und Bedarfe verändern sich. Bislang kaum genutzte Technologien setzen sich durch. Es entsteht Platz für Neues. Der Raum der Möglichkeiten erweitert sich. So gesehen, sollten wir diese Krise nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Montag


Berlin – Heil und die Unternehmer – Arbeitsminister Heil (SPD) diskutiert mit Arbeitgeberpräsident Dulger und Ex-Ministerpräsident Koch (CDU) über "unternehmerische Freiheit in Zeiten von Multikrisen".

Dortmund – Schwarzgelb – Hauptversammlung von Borussia Dortmund.

Wiesbaden – Inflationsdynamik – Das Statistische Bundesamt legt Zahlen zur Entwicklung der Einkaufspreise der Unternehmen (Erzeugerpreise) vor – ein Frühindikator für die Entwicklung der Verbraucherpreise.

Berichtssaison I – Geschäftszahlen von Vallourec, Julius Bär, Dell.


Dienstag

Wolfsburg – Generation Golf – Fortsetzung der Tarifverhandlungen bei VW. Das Unternehmen will ein Angebot vorlegen. Da in Baden-Württemberg inzwischen ein Metallabschluss erzielt wurde, der Pilotcharakter hat, dürften die Leitplanken feststehen.

Berichtssaison II – Geschäftszahlen von TAG Immobilien, Warner Music, HP.

Mittwoch

Zürich – Auf der Suche nach Kapital – Die angeschlagene schweizer Bank Credit Suisse hat zur außerordentlichen Hauptversammlung geladen, um eine Kapitalerhöhung zu beschließen.

Berichtssaison III – Geschäftszahlen von United Utilities, Deere.

Donnerstag

Brüssel – Und jetzt alle zusammen – Treffen des EU-Rates für Energie. Die zuständigen Minister wollen sich auf Regeln einigen, wie sie künftig gemeinsam Gas einkaufen wollen.

Frankfurt – Wacklige Zeiten – Die Bundesbank stellt ihren Finanzstabilitätsbericht vor. In der abgelaufenen Woche hat bereits die EZB ihren Bericht für die Eurozone insgesamt veröffentlicht – und vor schweren Verwerfungen an den Börsen infolge von steigenden Zinsen und schwindender Liquidität gewarnt.

München – Die Stimmung der Wirtschaft – Veröffentlichung des Ifo-Geschäftsklimaindex

London – No Mail today – Der nächste Arbeitskampf in Großbritannien in Zeiten steigender Preise und Steuern: Streik bei der Royal Mail.

Freitag
Bonn – Vorteil Putin? – Die Bundesnetzagentur berichtet über den Gasverbrauch und die Speicherstände in Deutschland. Hält der Einsparwille dem Einbruch des kalten Wetters stand?

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