Exportstopp für Corona-Medizin Indien - die Apotheke der Welt macht dicht

Indien zuerst: Weil sich die Corona-Infektionswelle im eigenen Land auftürmt, stellt die führende Pharmanation auf Selbstversorgung um. Der Export eines Corona-Medikaments ist nun verboten. Vor allem die indischen Impfstoffe werden der Welt fehlen.
Hotspot: Warteschlange für das Corona-Medikament Remdesivir vor dem Büro des Apothekerverbands in der westindischen Millinonenstadt Pune

Hotspot: Warteschlange für das Corona-Medikament Remdesivir vor dem Büro des Apothekerverbands in der westindischen Millinonenstadt Pune

Foto: - / AFP

In Indien kommt gerade alles zusammen: Zehntausende Pilger nahmen am Montag in der Provinzstadt Haridwar das traditionelle Bad im heiligen Fluss Ganges zum Hindufest Kumbh Mela, dem mit erwarteten 2,1 Millionen Teilnehmern weltgrößten religiösen Treffen - und wohl dem nächsten Superspreader-Event, gegen das Testpflicht und Abstandsregeln wenig ausrichten können. Ebenfalls am Montag empfahlen die Experten der indischen Arzneimittelaufsicht eine Zulassung des russischen Corona-Impfstoffs Sputnik-V, um die im Land verfügbaren Vakzine Covaxin und Covishield zu ergänzen. Das ist dringend nötig, um die Impfkampagne auf Touren zu bringen.

Zwar konnte sich das Gesundheitsministerium am Sonntag für den Rekord feiern, als "schnellstes Land der Welt" die ersten 100 Millionen Impfungen unters Volk gebracht zu haben: in 85 Tagen, wofür die USA 89 und China 102 Tage gebraucht hätten. Doch Indien ist erst Mitte Januar gestartet und hat fast 1,4 Milliarden Einwohner zu schützen. Da sind 100 Millionen Impfdosen nur der Anfang.

Vor allem jedoch markierte der Sonntag den bisherigen Höhepunkt der nächsten Infektionswelle: Fast 170.000 neue Corona-Fälle wurden binnen 24 Stunden offiziell registriert. Das Land, das immer noch wenig testet, überholte demnach Brasilien als neues Epizentrum der Pandemie. "Mein Gott, Indien", kommentierte der Epidemiologe Eric Feigl-Ding (38) von der Federation of American Scientists die steil ansteigende Kurve.

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Begehrte Ware auf dem Schwarzmarkt

Erste Reaktion: Am Sonntag verbot das Gesundheitsministerium den Export des gegen Corona zugelassenen Medikaments Remdesivir, von dem in Indien bis zu 3,88 Millionen Dosen monatlich hergestellt werden können. Das Ministerium nannte eine "plötzliche Steigerung der Nachfrage" im eigenen Land als Grund, warum man nicht mehr Apotheke der Welt sein wolle.

Der Pharmakonzern Gilead, der vom US-Staat 2340 Dollar für die fünftägige Behandlung eines Covid-Patienten nimmt, hatte im vergangenen Mai mehreren indischen, pakistanischen und ägyptischen Generikaherstellern eine kostenfreie Lizenz für Produktion und Vertrieb von Remdesivir in 127 ärmeren Länern erteilt; gültig, solange die medizinische Notlage nicht aufgehoben wird und keine alternativen Medikamente oder Impfstoffe existieren. Die gibt es zwar inzwischen, doch der Run in Indien ist ungebrochen. Zuletzt senkten die Hersteller den Preis einer Ampulle auf 899 Rupien (10 Euro), doch noch immer wird von Händlern berichtet, die das Produkt für den Schwarzmarkt horten. Mancherorts soll die Regierungspartei BJP das Mittel in ihren Büros gratis ausgeben, was das Chaos nur noch verstärkt. Solange die meisten nicht geimpft werden können, wollen sie im Infektionsfall wenigstens Medizin im Haus haben.

Die Exportsperre für Remdesivir könnte der Rest der Welt noch verschmerzen. Die Weltgesundheitsorganisation rät ohnehin seit November von dem Mittel ab, das bei hohen Kosten nur einen schwachen Nutzen bringe. Studien wiesen lediglich einen kürzeren Krankenhausaufenthalt für schwere Corona-Fälle dank der Arznei nach.

Impfstoff für Indien zuerst

Doch der steigende Impfdruck in Indien sorgt auch direkt dafür, dass in den meisten anderen Ländern weniger Vakzine ankommen. Das Serum Institute of India (SII), der weltgrößte Impfstoffhersteller, informierte die globale Covax-Initiative Ende März über eine Lieferpause. Offiziell wurde kein Exportstopp für Corona-Impfstoffe verhängt, doch offenbar auf Druck der Regierung lässt die Firma, die in Pune in diesem Jahr eine Milliarde Dosen des von Astrazeneca lizensierten Impfstoffs Covishielf produzieren will, nichts mehr außer Landes. "Wir müssen nach Indien liefern und nirgendwohin sonst", sagte SII-Chef Adar Poonawalla (40) der "Associated Press", "weil wir unsere Nation beschützen müssen".

In Kanada verzögert sich die Impfkampagne wegen des fehlenden Stoffs aus Indien bereits. Großbritannien und die EU, die sich gegenseitig kein Astrazeneca-Serum mehr gönnen, hatten beide vergeblich Emissäre nach Pune geschickt, um dort Ersatz zu finden. Am härtesten trifft der Lieferstopp jedoch 64 ärmere Länder, die auf Spenden der Covax-Initiative angewiesen sind - und deren Lieferplan bestand bislang fast ausschließlich aus Covishield. 90 Millionen Impfdosen entgehen ihnen durch die India-first-Politik bis Ende April.

In der Heimat muss die BJP-Regierung von Premier Narendra Modi sich kaum für den nationalistischen Schwenk rechtfertigen - im Gegenteil: Oppositionsführer Rahul Gandhi von der Kongresspartei kritisiert, dass die Exportsperre erst jetzt komme. Unter dem Slogan "Apotheke der Welt" habe man das indische Volk für PR-Glanz geopfert.

ak/AFP
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