Homeoffice steigert Produktivität Boom dank Zoom?

Nicht alle empfinden das Homeoffice als Fortschritt. Ökonomen sehen jedoch einen messbaren Schub für die Produktivität. Das könnte dauerhaft den Wohlstand steigern.
Zeit gespart: Videokonferenzen im Homeoffice setzen Ressourcen frei

Zeit gespart: Videokonferenzen im Homeoffice setzen Ressourcen frei

Foto: Xavier Lorenzo / imago images/Westend61

Der nächste Winter im Homeoffice beginnt. Noch wird die gesetzliche Pflicht nicht flächendeckend befolgt, doch die Büros in Deutschland leeren sich zusehends. Manche richten sich ruhig und behaglich zu Hause ein, andere fürchten die kommende Einsamkeit oder im Gegenteil den Trubel mit ihren Familien auf engem Raum.

Doch abgesehen von den Folgen für die einzelnen - was bringt das dezentrale Arbeiten für alle? Es "könnte potenziell die Tür zu erheblichen Gewinnen an Produktivität und Wohlergehen der Angestellten öffnen", schreiben die Ökonomen Paloma Lopez-Garcia und Bela Szörfi von der Europäischen Zentralbank (EZB) in einer neuen Studie . Denn die Corona-Pandemie habe bei all dem angerichteten Schaden auch den "lange vor der Krise begonnenen Trend zur Digitalisierung beschleunigt". Die Arbeitsproduktivität, also die Wirtschaftsleistung pro Arbeitszeit, sei messbar gestiegen, nach jüngstem Stand in der Eurozone um etwa 2 Prozent gegenüber der Vor-Corona-Zeit.

Mehr Produktivität ist auf Dauer der Schlüssel zu mehr Wachstum, wenn sich der Einsatz an Ressourcen nicht weiter erhöhen lässt. Mehr Produktivität bedeutet, dass höhere Einkommen möglich sind, ohne die Inflation zu treiben oder die Unternehmensgewinne und damit die Mittel für weitere Investitionen zu schmälern. Deshalb achten Ökonomen genau auf diese Kennziffer. Und deshalb haben sie sich immer wieder enttäuscht gezeigt, wenn der technologische Fortschritt nicht den erhofften Schub an Produktivität brachte.

Doch keine Ära der Stagnation

"Das Computerzeitalter ist überall zu sehen, außer in der Produktivitätsstatistik", ätzte der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow (97) im Jahr 1987 - ohne zu ahnen, dass genau zu dieser Zeit doch noch der nächste Aufschwung begann, weil die Firmen sich neu organisierten. Der Boom, verlängert durch die Verbreitung des Internets, hielt bis etwa 2005. Seitdem herrschte wieder Flaute. Die neueren Innovationen wie Smartphones oder Tablets revolutionierten zwar den privaten Konsum, aber kaum die Abläufe in Unternehmen, folgerte 2016 Solows Schüler Robert Gordon (81) und rief eine neue Ära der Stagnation aus.

Diese düstere Prognose korrigiert Gordon  nun. In der Not habe die Wirtschaft gelernt, bereits vorhandene Technologie zu nutzen und sich effizienter zu organisieren. Videokonferenzen erlaubten, dass weniger Zeit in unproduktiven Büromeetings, beim Pendeln oder auf Geschäftsreisen verplempert werde. Onlineshopping ersetze arbeitsintensiven stationären Einzelhandel. Die dort wegfallenden Jobs würden durch die gesteigerte Wertschöpfung der digitalen Gewinner mehr als aufgewogen.

Gordon ist für dieses Jahrzehnt optimistisch, manche Kollegen aber regelrecht euphorisch. "Die Pandemie hat in Gebieten wie der Heimarbeit ein Jahrzehnt digitaler Innovation in einem Jahr zusammengepresst", frohlocken  Erik Brynjolfsson von der Standford University und Georgios Petropoulos vom Massachusetts Institute of Technology. Endlich, nach einem halben Jahrhundert, erfülle die Computertechnologie ihr Fortschrittsversprechen, heißt es bei der Boston Consulting Group .

Dass die nach Hause geschickten Beschäftigten mehr leisten als im Büro, zeigt sich auch immer wieder in Firmenumfragen. Zugleich sind gerade Führungskräfte oft skeptisch gegenüber dem dezentralen Arbeiten. Daher dürfte zumindest ein Teil der im Lockdown gemachten Erfahrungen nach Corona - wann immer die Nach-Corona-Zeit beginnt - wieder zurückgedreht werden, so wie schon in den verschiedenen zwischenzeitlichen Öffnungsphasen. Was bleibt unterm Strich?

Was bisher messbar ist

Goldman-Sachs-Ökonom Spencer Hill rechnet  mit einer Verdopplung des Wachstumstrends der Produktivität gegenüber der Vor-Corona-Zeit auf 3 Prozent pro Jahr. Einer Studie des National Bureau of Economic Research  zufolge bekomme die Produktivität sogar einen Schub um 5 Prozent. Ein Großteil davon sei in der offiziellen Statistik nicht sichtbar, weil beispielsweise die Zeitgewinne beim Pendeln nicht erfasst würden.

Ob die Prognosen eintreffen, lässt sich nicht so schnell feststellen, auch wenn Produktivitätsdaten quartalsweise veröffentlicht werden. Die Statistik liefert ein wildes Auf und Ab, das stärker von Änderungen im Arbeitsinput als von der technologischen Basis getrieben wird.

Im zweiten Quartal 2020 mit dem ersten Corona-Lockdown machte die Arbeitsproduktivität der US-Privatwirtschaft  (ohne Landwirtschaft) einen gewaltigen Sprung von 11,2 Prozent. Die Wirtschaftsleistung brach zwar um fast 37 Prozent ein, aber die Zahl der Arbeitsstunden noch dramatischer mit minus 43 Prozent - ein Zeichen, dass Unproduktives weggefallen ist, aber kein Signal für Bahn brechenden Fortschritt. Seitdem gab es mehrfach hohe Wachstumsraten als Beleg für die Digitaloptimisten, aber auch Rückschläge wie zuletzt im dritten Quartal 2021 mit minus 5 Prozent. Im bisherigen Durchschnitt der Corona-Zeit wuchs die Produktivität mit einer Jahresrate von 2,35 Prozent; nicht wenig, aber auch nicht überragend.

So ähnlich, aber noch etwas schwächer fällt die Bilanz für die Eurozone laut EZB aus. Wirtschaftshilfen wie Kurzarbeit oder Staatsgarantien hätten den Prozess der "kreativen Zerstörung" gebremst, heißt es in deren Studie. So blieb die allseits befürchtete Pleitewelle aus - was aber auch bedeutet, dass die weniger digitalen und weniger produktiven Firmen noch immer im Geschäft sind.

ak
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