Handelskrieg Die Wie-du-mir-so-ich-dir-Falle

Handelskriege folgen ihrer eigenen Logik. Was Donald Trump angefangen hat, kann leicht zu einer Spirale der Eskalation führen. Lässt sie sich noch stoppen?
Deutsche Export-Autos in Bremerhaven: Ein Handelskrieg wäre das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen

Deutsche Export-Autos in Bremerhaven: Ein Handelskrieg wäre das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen

Foto: Fabian Bimmer/ REUTERS

Die Logik des Handelskriegs nimmt ihren Lauf. Donald Trumps derzeitiger Hauptgegner ist China. Aber das kann sich rasch ändern. Wie sehr ihm Deutschland gegen den Strich geht, hat der US-Präsident in der abgelaufenen Woche mehr als deutlich gemacht.

Zugegeben, es ist leicht, sich über Trump aufzuregen. Seine Tweets, seine Entgleisungen, seine Bewunderung für Autokraten - Montag trifft er den russischen Präsidenten Wladimir Putin in Helsinki. Weitere Eruptionen sind zu erwarten. Trump braucht Drama, schließlich ist Wahlkampf in Amerika.

Aber Handelskriege folgen ihrer eigenen Mechanik. Nicht nur der US-Präsident, auch andere Akteure haben Interessen. Ihre Motive können sich wiederum im Laufe der Auseinandersetzung ändern. Sie wenden Strategien an, die sich womöglich im Nachhinein als fatal herausstellen. Auf diese Weise können sich Handelsbeschränkungen immer weiter verfestigen - es wäre das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen.

Im Kern folgt die Auseinandersetzung einem Wie-du-mir-so-ich-dir-Ansatz. Die Trump-Administration hat Zölle gegen einige Importgüter aus China erhoben. Peking reagiert mit Gegenzöllen in gleicher Größenordnung. Ähnlich ist die Lage im Konflikt der USA mit den Nachbarländern Kanada und Mexiko. Schlag folgt auf Gegenschlag. So nimmt die Spirale der Eskalation ihren Lauf.

Handelskonflikt mit der EU steht noch am Anfang

Mit der Europäischen Union steht der Handelskonflikt noch am Anfang. Bislang geht es vor allem um Stahl und Aluminium. Sollten die USA aber, wie angedroht, auch Zölle auf Autos - das wichtigste europäische Exportgut im Amerikahandel - erheben, kann sich die Sache schnell zuspitzen.

Die EU habe keine andere Möglichkeit, als in "kräftiger, aber angemessener Weise zu antworten", hat Cecilia Malmström, die EU-Handelskommissarin, angekündigt. Bis die Welthandelsorganisation (WTO) ein Urteil über die US-Zölle fällt, dürften Jahre vergehen. Solange werde Europa "unmittelbare Ausgleichsmaßnahmen gegen US-Importe" verhängen, und zwar in "proportionaler" Größenordnung.

Wohin führt uns das? Hier ist eine Überschlagsrechnung.

Handelsstreit zwischen USA und EU: Ein Worst-Case-Szenario

Nehmen wir an, die USA verhängten, wie von Trump in den Raum gestellt, einen Zoll von 20 Prozent auf importierte europäische Autos. Der Wert dieser Wagen beträgt rund 38 Milliarden Euro jährlich. Macht Sonderabgaben von 7,6 Milliarden Euro für den US-Fiskus.

Wenn die EU "unmittelbar" und "proportional" antwortet, werden Zölle auf weitere US-Produkte in gleicher Größenordnung fällig. Diese 7,6 Milliarden Euro fließen zu Dreivierteln in den EU-Haushalt. Also kommen 5,7 Milliarden direkt als Extraeinnahmen in Brüssel an. Den Rest behalten die importierenden Mitgliedstaaten. Nicht gerade ein großer Brocken, fiskalisch gesehen.

Das ändert sich jedoch, wenn der Handelskrieg in weitere Runden geht. Analog zum US-China-Konflikt könnte rasch der gesamte EU-USA-Warenaustausch betroffen sein. Würde also der Zoll von 20 Prozent auf sämtliche Im- und Exporte beiderseits des Atlantiks erhoben, könnte die EU gut 50 Milliarden an Extraeinnahmen verbuchen. 38 Milliarden davon flössen in den EU-Haushalt. Ein stattlicher Betrag, immerhin knapp ein Viertel des gegenwärtigen Brüsseler Budgets.

Einnahmen von 255 Milliarden Euro

Im Worst-Case-Szenario eines globalen Handelskriegs wären die Summen noch weit größer. Sollten sich Handelsblöcke herausbilden, die im Innern Freihandel betreiben, sich aber nach außen gegenseitig mit Zöllen überziehen, wären EU-Importe von gegenwärtig rund 1,7 Billionen Euro betroffen.

Andere europäische Länder wie die Schweiz, Norwegen und Großbritannien (achten Sie auf die Fortsetzung der Brexit-Verhandlungen ab Montag) sind in dieser Rechnung bereits ausgenommen. Ein allgemeiner 20-Prozent-Zoll könnte somit dem EU-Haushalt Einnahmen von 255 Milliarden Euro bescheren - 60 Prozent mehr als die Union gegenwärtig zur Verfügung hat.

Und da wird die Sache interessant. Die Aussicht auf einen so großen Betrag dürfte manche Phantasie und Begehrlichkeit wecken. Plötzlich ließen sich Projekte finanzieren, die bislang außerhalb des Möglichen liegen: ein Investitionsbudget für ärmere Regionen, Schutz der Außengrenzen, soziale Mindestsicherung, Rüstungsprojekte und dergleichen mehr.

Auch die Verhandlungen über den nächsten EU-Haushaltsrahmen ab 2021 könnten entspannter verlaufen. Wer künftig die britischen Beiträge zum Gemeinschaftsbudget übernehmen soll, wäre dann wohl kein Streitpunkt mehr.

Jede Menge Kohle - wenn Zollerträge eine Eigendynamik entfachen

Jede Menge Kohle

Die Zahlen zeigen: Wenn Zollerträge nur groß genug sind, können sie eine Eigendynamik entfachen. Eine einmal eingeführte Steuerart wieder abzuschaffen, ist erfahrungsgemäß schwierig. (Die Bundesbürger zahlen immer noch die "Schaumweinsteuer", einst eingeführt von Kaiser Wilhelm II. zur Finanzierung seiner Flottenaufrüstung.)

Sobald die Einnahmen aus Zöllen erst fest eingeplant sind, lassen sich die Sätze nicht so leicht wieder senken. In populistischer Rhetorik wird es dann heißen: Kassieren wir doch lieber von Ausländern Zölle als von Inländern Steuern!

Das ist keineswegs abwegig: Früher gehörten Grenzabgaben zu den wichtigsten Einnahmequellen der Staaten. Angesichts des Rückfalls in den Nationalismus, den wir an vielen Stellen erleben, wäre die Rückkehr zur Staatsfinanzierung durch Zölle nur folgerichtig. Sehr hohe Schuldenstände in vielen Ländern dürften die Suche nach neuen Einnahmequellen zusätzlich befördern, gerade im Falle eines Konjunktureinbruchs.

Ökonomisch würde es für alle Beteiligten sehr teuer

Um nicht missverstanden zu werden: Dies ist ein extrem schlechtes Szenario. Ökonomisch würde es für alle Beteiligten sehr teuer. Zölle verzerren die Wirtschaftsstrukturen. Sie verhindern grenzüberschreitende Arbeitsteilung, dämpfen die Produktivität und erhöhen die Preise. Sie schaden den Verbrauchern und Unternehmen an späten Stufen der Wertschöpfungskette, deren importierte Vorprodukte teurer werden.

Und wenn wegen der Zölle weniger Handel getrieben wird, schrumpfen auch die daraus resultierenden Einnahmen - es sei denn, die Zollsätze steigen weiter. Es gibt zweifellos bessere Möglichkeiten, Staatseinnahmen zu erzielen.

Globalisierung ohne die USA?

Noch ist Zeit, den beginnenden Handelskrieg zu stoppen. Aus der Wie-du-mir-so-ich-dir-Logik auszusteigen, ist allerdings schwierig. Jede Regierung, die Trumps donnernde Rhetorik einfach über sich ergehen lässt, bekommt innenpolitisch Probleme. Sogar Kanadas milder Premier Justin Trudeau sah sich deshalb gezwungen, Gegenzölle mit dem Hinweis zu begründen, sein Land lasse sich von den USA "nicht herumstoßen". Handelspolitische Vergeltung wird so eine Frage der nationalen Selbstachtung.

Immerhin: Der Rest der Welt bemüht sich derzeit hektisch, die von den USA ausgehenden Handelskonflikte einzuhegen. Montag sind die Spitzen der EU zum EU-China-Gipfel in Peking; unter anderem geht es um ein neues Abkommen zwischen beiden Wirtschaftsräumen. Parallel dazu verhandeln Minister karibischer und lateinamerikanischer Staaten in Brüssel.

Dienstag unterzeichnen die EU-Präsidenten Jean-Claude Juncker (Kommission) und Donald Tusk (Rat) in Tokio ein neues Freihandelsabkommen. Ab Samstag beraten die Finanzminister der G20-Staaten über die Protektionismusspirale, während sich in Mexiko die Regierungschefs der lateinamerikanischen Wirtschaftsverbünde Pazifik-Allianz und Mercosur versuchen anzunähern.

Denkbar, dass sich die Globalisierung ohne die USA fortsetzt - dass der Rest der Welt sich nicht auf die Wie-du-mir-so-ich-dir-Logik einlässt. Gerade Deutschland sollte dafür streiten.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

MONTAG

Helsinki - Donald und die starken Männer - Trumps Bewunderung für autokratische Führungsfiguren ist bekannt. Nun trifft er Russlands Wladimir Putin auf neutralem finnischem Grund.

Peking - West-östliche Annäherung - EU-China-Gipfel: Ratspräsident Tusk und Kommissionspräsident Juncker beraten mit Premier Li Keqiang. Im Zentrum geht es darum, den Austausch zwischen beiden Wirtschaftsräumen auf ein solideres vertragliches Fundament zu stellen.

Brüssel - Zwischen den Blöcken - Neue Verhandlungsrunde zwischen der EU und Großbritannien über den Brexit.

Brüssel - Partner gesucht - Auf der Suche nach Alternativen zum US-Markt: Minister der Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten sind zu Gast bei der EU (bis Dienstag).

Peking - Auf Kurs? - Chinas Statistikamt veröffentlicht Zahlen zum Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal.

Berichtssaison I - Geschäftszahlen von Bank of America, Blackrock, Netflix.

DIENSTAG Tokio - Free Trade! - EU-Japan-Gipfel mit Unterzeichnung des Freihandelsabkommen.

Berichtssaison II - Geschäftszahlen von Johnson& Johnson und Goldman Sachs.

MITTWOCH

Berichtssaison III - Geschäftszahlen von Novartis, Easyjet, Software AG, Danske Bank, Electrolux, Ericsson, Morgan Stanley, IBM, American Express, Alcoa, Ebay.

Ludwigsburg - Angst vor Trump - Mitgliederversammlung des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall. Diskutiert wird zum Thema "America first - Germany last?"

DONNERSTAG Berichtssaison IV - Geschäftszahlen von SAP, Unilever, Volvo, Dassault Aviation, Kuehne& Nagel, ABB, Microsoft, Bank of New York Mellon, Blackstone, Philip Morris.

FREITAG Berichtssaison V - Geschäftszahlen von Vodafone, Thales, Hermès, Schlumberger, Vattenfall, General Electric, Honeywell International.

SAMSTAG Buenos Aires - Globaler Alarm - Treffen der G20-Finanzminister (bis Sonntag). Hauptthema: die weltweiten Handelskonflikte.

Puerto Vallarta - Süd-Süd-Allianz - Gipfeltreffen der beiden lateinamerikanischen Wirtschaftsverbünde Pazifik-Allianz und Mercosur in dem mexikanischen Badeort.