Dienstag, 23. Juli 2019

Trotz Annäherung von USA und China Warum uns weiterhin ein Handelskrieg droht

Protektionismus: Eine destruktive Dynamik ist im Gange

Die Gefahr eines ausgewachsenen globalen Wirtschaftskonflikts ist längst nicht vom Tisch, trotz neuer Gespräche zwischen den USA und China. Eine destruktive Dynamik ist im Gange.

Die Eskalation scheint abgewendet, für den Moment jedenfalls. Die USA und China wollen wieder verhandeln. Darauf immerhin haben sich die Präsidenten Donald Trump und Xi Jinping am Rande des G20-Treffens einigen können. Dass der weltweite Handelskonflikt rückabgewickelt wird, ist allerdings nicht sonderlich wahrscheinlich, so wünschenswert ein solches Befriedungsszenario wäre.

Eine unheilvolle Dynamik ist im Gange. In den vergangenen zwölf Monaten habe es "einen dramatischen Anstieg" bei Zöllen und anderen Importbeschränkungen gegeben, warnte kurz vor dem Gipfel die Welthandelsorganisation (WTO). Schon jetzt lahmt der internationale Handel. Es kann leicht noch schlimmer werden.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Denn der Konflikt beschränkt sich nicht nur auf den sino-amerikanischen Güteraustausch, er erstreckt sich auch auf sensible Gebiete wie den Schutz geistigen Eigentums und die Subventionskontrolle in China . Komplizierte Themen, die tief in die nationale Souveränität hineinreichen und sich nicht so einfach bei einem Gespräch am Rande eines Gipfels abräumen lassen.

Und Trump hat bereits die nächsten handelspolitischen Gegner benannt, darunter die EU (zumal Deutschland), Japan und Indien. Beim G20-Treffen hat er dann zwar Kanzlerin Angela Merkel öffentlich geschmeichelt. Aber das heißt nicht viel: Die Inszenierung des Unerwarteten gehört zur politischen Performance des US-Präsidenten.

Ein destruktives Dominospiel

Handelskonflikte können sich leicht ausweiten. Wenn ein Land die Zollschranken herunterlässt, weichen die betroffenen Exporteure typischerweise auf andere Absatzmärkte aus. Die dortigen Regierungen wiederum versuchen, ihre heimischen Produzenten vor dem plötzlichen Anstieg der Einfuhren abzuschirmen - und verhängen ebenfalls Zölle, obwohl sie das eigentlich gar nicht vorhatten.

Entsprechend dieser Logik erschwert inzwischen auch die EU Stahlimporte. Sie reagiert damit auf die Folgewirkungen der US-Einfuhrbeschränkungen gegen China. China wiederum erhebt nun beispielsweise hohe Zölle auf europäische Stahlröhren.

Ein Dominoeffekt setzt ein. Ein Zoll folgt auf den anderen, immer mehr Akteure werden in den Konflikt hineingezogen - eine destruktive Dynamik.

Das große Konfliktszenario

Die Gefahr eines ausgewachsenen globalen Handelskriegs ist längst nicht vom Tisch. Wie er ablaufen könnte, haben die WTO-Ökonomen Eddy Bekkers und Robert Teh kürzlich auf Basis eines empirisch fundierten Modells durchgespielt. Die Ergebnisse sind ebenso bedrohlich wie einleuchtend.

Die Einfuhrzölle würden danach im weltweiten Schnitt um das Siebenfache steigen. Der Welthandel würde über die kommenden vier Jahre um 18 Prozent schwächer ausfallen als ohne Handelskrieg; Einkommen und Wirtschaftsleistung wären um zwei Prozent geringer. 69 Millionen Menschen würden weltweit ihren Job verlieren.

Im Szenario des großen Wirtschaftskonflikts ist die internationale Handelsordnung zusammengebrochen. WTO-Regeln gelten nicht mehr. Stattdessen herrscht das Recht des Stärkeren - das Powerplay der großen Mächte.

Und die Stärksten, das sind die großen, reichen Volkswirtschaften: die USA und die Europäische Union. Wegen ihrer schieren ökonomischen Macht werden sie am Ende deutlich höhere Zölle erheben als andere Länder von ihnen verlangen. China wird der Modellrechnung zufolge ein in etwa ausgeglichenes Verhältnis von Im- und Exportabgaben erreichen.

Einzelne Volkswirtschaften würden höchst unterschiedlich getroffen. Faustregel: Je kleiner und je offener ein Land, desto heftiger bekämen sie die Eskalation zu spüren. Während große Länder damit drohen können, ihren voluminösen Binnenmarkt für Einfuhren weitgehend dichtzumachen, verfügen kleine Länder über keine vergleichbaren Hebel. Entsprechend werden sich deren Regierungen vernünftiger Weise hüten, die Großen übermäßig durch eigene hohe Importzölle zu provozieren.

Ungemütlich würden die Zeiten insbesondere für kleinere Volkswirtschaft im Orbit der großen Drei: Kanada und Mexiko wären ebenso hart getroffen wie Taiwan, die Türkei oder die EFTA-Länder Norwegen, Schweiz, Island und Liechtenstein. Sie alle würden kaum höhere Zölle erheben können, müssten aber für ihre Exporte anderswo deutlich höhere Abgaben zahlen. (Unterstellt ist, dass das nordamerikanische Freihandelsabkommen USMCA, ehedem NAFTA, und der Europäische Wirtschaftsraum zwischen der EU und den EFTA-Ländern auseinanderbrechen.)

Und der Gewinner ist… Europa?

Die EU insgesamt wäre im Szenario der WTO-Ökonomen vom Handelskrieg vergleichsweise wenig betroffen. Der Handel zwischen den EU-Ländern würde sogar ansteigen: Weil der Austausch mit Partnern außerhalb der EU schwieriger wird, könnte der Binnenmarkt noch enger zusammenwachsen.

Innerhalb Europas würden allerdings deutliche Verschiebungen auftreten. Profitieren würden der Studie zufolge Branchen, die durch die Globalisierung besonders gelitten haben: die Textil- und Lederwarenproduktion sowie Teile der Landwirtschaft; durch die Zölle würden sie wieder wettbewerbsfähiger.

In Mitleidenschaft gezogen würden hingegen der Auto- sowie der Maschinen- und Anlagenbau - Deutschlands wichtigste Industrien. Bereits heute leiden beide Branchen unter den steigenden weltwirtschaftlichen Spannungen. (Achten Sie Dienstag auf die Lageeinschätzungen der beiden Verbände.)

Wie gesagt, es handelt sich nicht um eine exakte Vorhersage, sondern um ein plausibles Szenario. Es legt drei Schlussfolgerungen nahe.

Hürden gegen die Eskalation

Erstens, es kann noch schlimmer kommen. Die Studie unterstellt, dass sich die Akteure weiterhin vernünftig verhalten. Die internationale Handelsordnung ist zusammengebrochen; nun versucht jeder Staat unter den veränderten Bedingungen für sich, das meiste herauszuholen. Dabei kalkuliert er mögliche Gegenreaktionen anderer Staaten mit ein - was die Eskalation im Rahmen hält. Die Zölle steigen, aber sie würgen den weltweiten Austausch nicht völlig ab.

In der Realität jedoch erleben wir seit einiger Zeit, wie ein bedrohlich irrationales Moment in die Politik einzieht - siehe das britische Brexit-Debakel. Deutlich höhere Zölle und ein weitgehender Zusammenbruch des Welthandels sind somit nicht auszuschließen.

Zweitens, ein Handelskrieg kann die EU sprengen. Die Ergebnisse der WTO-Studie deuten darauf hin, dass innerhalb Europas neue Konflikte aufbrechen können. Im Handelskriegsszenario würden einige Länder mit großer Autoindustrie - Deutschland, Ungarn oder die Slowakei - auf der Verliererseite stehen. Andere mit traditionell starken Textil- und Bekleidungsbranchen, wie Italien, könnten sich sogar auf der Gewinnerseite wähnen. Erstere werden sich eher für eine vorsichtige Zollpolitik stark machen, letztere eher für ein forscheres Vorgehen. Ein Zerwürfnis über die Handelsstrategie könnte die Folge sein - zum Schaden der EU insgesamt.

Drittens, es ist im Interesse aller Staaten, eine weitere Eskalation zu verhindern. Parallel zum Trumpschen Konfrontationskurs schließen andere Verträge miteinander: Die Pazifikanrainer haben voriges Jahr das Handels- und Wirtschaftsabkommen CPTPP unterzeichnet (ohne die USA).

Die EU hat mit Kanada, Japan und jetzt mit Südamerika (Mercosur) weitreichende Wirtschaftsabkommen geschlossen. Ob solche Verträge im Falle eines ausgewachsenen Handelskriegs Bestand hätten, ist keineswegs sicher. Aber immerhin stellen sie einer Eskalation ein paar Hürden in den Weg.

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