Warum über Stahl und Erdnussbutter gestritten wird Hier hat der Handel zwischen EU und USA Schieflage

Containerschiff vor der Skyline von San Francisco

Containerschiff vor der Skyline von San Francisco

Foto: Hapag-Lloyd

Am Streit um Handel ist der G7-Gipfel gescheitert. US-Präsident Donald Trump verschärft die Konfrontation besonders mit der EU. "Handelskriege sind gut und leicht zu gewinnen", hatte er sein Credo schon im März gefunden - und will jetzt den Beweis antreten. Die Eskalation mit gegenseitigen Strafzöllen ist in Gang.

Die aktuelle Handelsstatistik zeigt, wie groß die Herausforderung ist. Die USA haben 2017 im Warenhandel (ohne Dienstleistungen) ein Defizit von 566 Milliarden Dollar eingefahren - 2,9 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung. Der Großteil davon ging mit 375 Milliarden Dollar auf Chinas Konto. Gegenüber der Großmacht, gegen die Trump im Wahlkampf aggressive Reden schwang, übt er derzeit versöhnliche Töne - die Chinesen zeigen sich bemüht, mehr US-Waren einzukaufen.

Die Europäische Union, mit 151 Milliarden Dollar Überschuss gegenüber den USA die Nummer zwei und ihrerseits angetrieben von der deutschen Exportmacht, rückt dadurch umso mehr in den Fokus. Wir zeigen, wie es um den transatlantischen Handel in den wichtigsten Warengruppen steht:

Nahrung, Getränke, Tabak: Die Schaubühne für Symbolkämpfe

Marlboro-Zigarette: EU-Importe in den USA mit 350 Prozent verzollt

Marlboro-Zigarette: EU-Importe in den USA mit 350 Prozent verzollt

Foto: Daniel Karmann/ picture alliance / dpa

Mit ihren Vergeltungsdrohungen scheint sich die EU auf symbolträchtige, besonders typisch amerikanische Produkte zu kaprizieren. Neben Harley-Davidsons und Jeans stehen auch Bourbon, Kautabak, Orangensaft und Erdnussbutter auf der Liste. Ob das abschreckenden Eindruck macht?

Die Produktgruppe "Getränke und Tabak" zählt nicht zu den relevantesten Posten der Handelsstatistik - aber zu denen, wo die Unwucht besonders groß ist; und zwar zu Gunsten Europas, wenngleich die USA mit 350 Prozent auf Tabakimporte aus Europa den höchsten zwischen den beiden Wirtschaftsräumen noch existierenden Zoll verhängen.

Die EU exportierte im Jahr 2016 (laut der aktuellsten, im November 2017 veröffentlichten Statistik) Getränke und Tabak für 10,2 Milliarden Euro in Richtung USA - kaufte in umgekehrter Richtung aber nur für 1,6 Milliarden Euro ein.

Bei Nahrungsmitteln ist das Verhältnis mit 19,6 zu 11,1 Milliarden Euro nicht viel ausgewogener. Hier wirken andere Handelshemmnisse als Zölle. Die EU verbietet beispielsweise in Chlor gereinigte Hühnchen oder bestimmte Hormone im Rindfleisch - seit Jahren ein Streitpunkt vor der Welthandelsorganisation. Die US-Agrarindustrie hatte deshalb besonders auf das Handelsabkommen TTIP gehofft, das 2016 zuerst von Opposition in Europa und dann von Trumps Wahl gestoppt wurde.

Energie: Amerikas Fracking-Vorteil nimmt ab

Öl-Fracking in North Dakota

Öl-Fracking in North Dakota

Foto: Andrew Burton/ AFP

Ein wesentlicher Grund für Amerikas andauerndes Handelsdefizit ist der große Energiebedarf. Zugleich nähren die Erfolge der amerikanischen Fracking-Industrie den Nationalstolz: Sie hat nicht nur die Machtverhältnisse im Weltmarkt für Öl und Gas aufgemischt, sie bringt die Staaten sogar einem Status als Selbstversorger oder gar Nettoexporter nahe. Noch allerdings beziehen sie große Mengen Öl vor allem vom nordamerikanischen Partner Kanada.

Europa hat mit alldem eher indirekt zu tun. Treibstoffe zählen zu den wenigen Gütern in der EU-US-Handelsbilanz, wo die Amerikaner einen Überschuss aufweisen, wenn auch nur einen kleinen - 2016 waren es 343 Millionen Euro. In beide Richtungen wurden 2016 Waren für je gut 10 Milliarden Euro geliefert, Tendenz stark sinkend gegenüber den Vorjahren und damit negativ für Amerikas Handelsbilanz.

Stahl: Thyssenkrupp hat sich rechtzeitig aus der Affäre gezogen

US-Steel-Fabrik in Pennsylvania

US-Steel-Fabrik in Pennsylvania

Foto:

SPENCER PLATT/ AFP

Um Eisen und Stahl dreht sich ein Großteil der Debatte - nicht erst seit dem Amtsantritt Trumps, der die Metallindustrie zur Überlebensfrage erhebt: "Wer keinen Stahl hat, hat kein Land." Auch sein Vorgänger Barack Obama agierte mit hohen Strafzöllen gegen chinesischen Dumpingstahl, der damals den Weltmarkt überschwemmte (inzwischen aus Chinas Eigeninteresse deutlich gemindert), während Europas Industrie sich von der liberalen Kommission in Brüssel zu schwach geschützt wähnte.

Bevor Trump einzelne Stahlsorten und Hersteller wie Salzgitter  schon zu Beginn seiner Amtszeit angriff, konnten die Europäer 2016 noch fünfmal so viel Eisen und Stahl nach Amerika liefern, wie umgekehrt auf den europäischen Markt kam. Mit fünf Milliarden Euro fiel der Export jedoch nicht allzu sehr ins Gewicht. Noch viel weniger liefern übrigens die in der Stahlindustrie viel gescholtenen Chinesen nach Amerika, sie zählen nicht einmal zu den Top Ten der Lieferländer.

Gegen chinesische Metallimporte war die US-Industrie schon vor Trump recht gut geschützt - siehe die merkwürdige Weltreise von 500.000 Tonnen Aluminium, die jahrelang nicht den Weg auf den begehrten Markt fanden. Das Überangebot traf die Amerikaner nur indirekt über die Weltmarktpreise.

Hauptsächlich trifft der von Trump angekündigte Zoll von 25 Prozent auf alle Stahlimporte und 10 Prozent auf Aluminium den Nachbarn Kanada, wohin die US-Industrie in den vergangenen Jahren viel Produktion verlagert hat - falls die Nafta-Partner Kanada und Mexiko nicht ausgenommen werden.

Das größte Opfer des Trump-Zolls könnte das von Thyssenkrupp  in Rio de Janeiro gebaute Stahlwerk sein, das nun dem italienisch-argentinischen Ternium-Konzern gehört. Das Werk ist darauf ausgelegt, halbfertige Stahlbrammen an ein ebenfalls von Thyssenkrupp gebautes und in diesem Fall an ArcelorMittal  verkauftes Werk im US-Staat Alabama zu liefern. Den bisher schon als Milliardengräbern verrufenen Investments könnte der Zoll den Exitus bescheren. Und Thyssenkrupp hätte sich gerade noch rechtzeitig aus der Affäre gezogen.

Zu den Opfern zählen allerdings auch die Käufer von Stahl in den USA wie die Bau-, die Autoindustrie oder auch die Hersteller von Solarmodulen, denen Trump erst vor einem Monat einen eigenen Schutzzoll gönnte und nun den Effekt teilweise wieder zunichte macht.

Pharma: Die Null-Zoll-Branche, in der Europäer auch Amerikaner sind

Tabletten

Tabletten

Foto: Friso Gentsch/ dpa

Für einen der wirklich großen Handelsströme über den Nordatlantik sorgt die Chemieindustrie, vor allem mit Pharmazeutika. 2016 sandte die EU Arzneimittel für 48,3 Milliarden Euro an die USA und bekam welche für 31,7 Milliarden Euro zurück - ein satter Überschuss von 16,6 Milliarden Euro, mehr als dreimal so viel wie das gesamte Volumen des Metallhandels zwischen den beiden Wirtschaftsräumen.

Schon seit 1995 sind die Zölle auf eine Liste von inzwischen mehr als 10.000 Medikamente in beide Richtungen komplett abgeschafft. Bislang zeigt auch niemand eine Neigung, daran etwas zu ändern. Nach wie vor konsumieren die Amerikaner trotz des gewaltigen Handels die meisten Pharmaprodukte aus heimischer Herstellung. Was aus Europa zu ihnen kommt, stammt zu einem guten Teil ebenfalls von US-Konzernen wie Pfizer , Johnson & Johnson , Merck & Co. , Amgen  oder Abbvie, die sich in Irland niedergelassen haben.

Weitere 12,6 Milliarden Euro Überschuss erzielt die EU mit anderen Chemikalien. Vor allem für deutsche Konzerne wie Bayer  oder BASF  ist der US-Markt von vitalem Interesse - sie setzen aber eher auf Direktinvestitionen in amerikanische Produktion als auf Exporte, Bayer arbeitet gerade an seiner Rekordübernahme des US-Agrochemiekonzerns Monsanto .

Elektronik: Der Hauptgrund für Amerikas Defizit - aber ohne Europas Zutun

Apple-Chef Tim Cook besucht die Foxconn-Produktion in Zhengzhou

Apple-Chef Tim Cook besucht die Foxconn-Produktion in Zhengzhou

Foto: ? Handout . / Reuters/ REUTERS

Unter "Büro- und Telekommunikationsausrüstung" steht in der EU-US-Handelsbilanz ein unauffälliger Posten. Beinahe ausgeglichen läuft der Handel mit 14,6 Milliarden Euro Exporten gegenüber 13,7 Milliarden Euro Importen aus europäischer Sicht.

Für das US-Handelsdefizit insgesamt ist der Sektor jedoch einer der Hauptverantwortlichen neben Energie und Textilien (Letzteres trotz hoher Zölle von 32 bis 56 Prozent). Das in Chinas Sonderwirtschaftszone Shenzhen von Auftragsproduzenten wie Foxconn gefertigte iPhone, das vor allem in den USA gekauft wird, ist das Sinnbild für die modernen Ungleichgewichte im Handel.

Wenn Trump wirklich etwas gegen Amerikas Dauerdefizit tun und die Industrienation wieder aufbauen wollte, müsste er dafür sorgen, die Produktion von Smartphones und Computern über den Pazifik zu holen. Im Wahlkampf hatte er auch Apple  angedroht, dieses Geschäftsmodell zu zerstören. Aktuell aber sind sowohl die Silicon-Valley-Konzerne als auch China zu wichtig für den Präsidenten, um sich ernsthaft mit ihnen anzulegen.

Autos: Trump hat Europas Schmerzpunkt gefunden

Neuwagen von Mercedes-Benz am Autoterminal in Bremerhaven

Neuwagen von Mercedes-Benz am Autoterminal in Bremerhaven

Foto: Ingo Wagner/ picture alliance / Ingo Wagner/d

Richtig Alarm herrscht in der Autoindustrie - vor allem, seit Trump die EU-Drohungen mit (überwiegend symbolischen) Strafzöllen gegen Bourbon, Erdnussbutter und Co. mit einem ganz anderen Kaliber beantworten will: "Dann werden wir einfach ihre Autos besteuern, die frei in die USA strömen."

Damit hat der US-Präsident den Streit von Nischenprodukten gleich auf die Ebene eines der wichtigsten Wirtschaftszweige gehoben. Tatsächlich exportierten die Europäer, angeführt von den deutschen Herstellern, 2016 Automobilprodukte für 46,6 Milliarden Euro gen Amerika - und das, obwohl Daimler , BMW  und Volkswagen  längst eigene Werke in den USA haben. Europa kaufte aber nur Autos für 10,3 Milliarden Euro von dort - darunter auch Mercedes-SUVs, die in Alabama gebaut werden. Das macht 36,3 Milliarden Euro Überschuss - die mit Abstand größte Unwucht.

Recht hat Trump mit den von ihm beklagten Einfuhrbarrieren. Während die USA 2,5 Prozent Zoll für europäische Autos verlangen, werden amerikanische Wagen in Europa mit 10 Prozent belastet. "Very, very unfair", um es mit Trump zu sagen. Zu den TTIP-Vorschlägen gehörte es, diese Zölle ganz abzuschaffen - und auch noch andere Handelshemmnisse wie unterschiedliche Vorschriften zur Blinkerfarbe, die eigene Produktionslinien für die verschiedenen Märkte erfordern. Deshalb warb Daimler-Chef Dieter Zetsche besonders eifrig für das nun auf Eis liegende Abkommen.

Flugzeuge: Der Zweikampf Airbus-Boeing tobt auch in der Handelspolitik

Boeing 737 Max

Boeing 737 Max

Foto: JASON REDMOND/ REUTERS

Bei anderen Transportgeräten fällt die Bilanz ausnahmsweise zu Amerikas Gunsten aus. Den europäischen Exporten von 30,3 Milliarden Euro stehen Importe von 34 Milliarden Euro gegenüber.

Flugzeuge sind einer der traditionellen Hauptstreitpunkte im transatlantischen Handel. In keiner anderen Branche entscheidet sich der Wettbewerb so stark zwischen nur zwei großen Herstellern, einem amerikanischen mit Boeing  und einem europäischen mit Airbus  (der wiederum hofft, mit seinem Werk in Alabama ebenfalls als "Made in USA" punkten zu können).

In diesem Fall beschwert sich vor allem die EU regelmäßig bei der Welthandelsorganisation über unfairen Wettbewerb der USA, unter anderem wegen Subventionen des Boeing-Heimatstaats Washington. Aktuell hat vor der WTO eher Boeing gegen Airbus die Oberhand.

Maschinenbau: In einer Sparte hat auch Amerika einen Vorteil

Siemens-Gasturbine

Siemens-Gasturbine

Foto: Siemens

Einen richtig klaren Handelsüberschuss gegenüber der EU verbuchen die USA nur in einer Sparte der Statistik: Kraftmaschinen, wozu unter anderem Dampfturbinen, aber auch Kolbenverbrennungsmotoren zählen. In diesem Segment überwiegen die Importe von 26,9 Milliarden Euro die Exporte von 15,8 Milliarden auf europäischer Seite deutlich.

Im Licht der Entscheidung von Siemens , deutsche Turbinenwerke zu schließen und zugleich in die Produktion in den USA zu investieren, könnte die Bilanz politisch brisant sein. Allerdings zielt der Konzern mit der Standortwahl neben Schmeicheleinheiten von Trump auf den lokalen Markt, nicht den Export von Turbinen über den Atlantik - jedenfalls nicht, solange dafür in Europa kaum Nachfrage besteht.

Im übrigen Maschinenbau ist die Welt der Exportweltmeister in Ordnung. Einen Exportüberschuss von 6,2 Milliarden Euro für elektrische Maschinen und 22,1 Milliarden Euro für nichtelektrische Maschinen zählte die EU-Kommission 2016. Die 11,1 Milliarden Euro amerikanischer Überschuss bei den Kraftmaschinen fallen also für die Branche insgesamt kaum ins Gewicht.

Fazit: EU kein Paradies für Freihändler

Abschlussfoto vom G7-Gipfel

Abschlussfoto vom G7-Gipfel

Foto: GEOFF ROBINS/ AFP

Im Durchschnitt verlangt die EU nach WTO-Angaben 5 Prozent Zoll auf alle importierte Waren - die USA nur 3,4 Prozent. Gewichtet nach Handelsvolumen (was die tatsächlich gezahlten Zölle betont und unwichtige Waren ausschließt, aber auch eventuell durch Zölle verhinderten Handel als gegeben hinnimmt) sind es 3 beziehungsweise 2,4 Prozent.

Vor allem im Agrarsektor sind die Europäer spürbar protektionistischer - und eben in der Autoindustrie, der größten Quelle für die Zolleinnahmen (2016 insgesamt 144 Milliarden Euro), die nach wie vor eine der wichtigsten Einnahmen des EU-Haushalts darstellen. "Die EU ist keineswegs das Paradies für Freihändler, für das sie sich gerne hält", urteilt Gabriel Felbermayr vom Ifo-Institut.

Anders sieht es allerdings aus, wenn neben dem reinen Warenhandel auch auf die Dienstleistungsbilanz geschaut wird - dann weisen die USA einen großen Überschuss auf, und auch das größte Arsenal staatlicher Schutzmaßnahmen wie etwa Patent- und Copyright-Monopole.

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