Britische Regierungsprognose London rechnet mit stärkstem Wirtschaftseinbruch in 300 Jahren

Die Corona-Krise trifft Großbritannien so heftig wie kaum ein anderes Land. Finanzminister Rishi Sunak stimmt das Parlament auf die schwächste Wirtschaftsentwicklung in drei Jahrhunderten ein.
Historisches Debakel: Finanzminister Rishi Sunak verlässt seinen Amtssitz Downing Street 11 auf dem Weg zum Parlament

Historisches Debakel: Finanzminister Rishi Sunak verlässt seinen Amtssitz Downing Street 11 auf dem Weg zum Parlament

Foto: Kirsty Wigglesworth / AP

Großbritannien verzeichnet Regierungsprognosen zufolge in diesem Jahr den größten jährlichen Wirtschaftseinbruch in über drei Jahrhunderten. Der Wirtschaftsrückgang im Jahr 2020 werde auf 11,3 Prozent geschätzt, sagte Finanzminister Rishi Sunak (40) am Mittwoch während einer Parlamentssitzung. "Unser gesundheitlicher Notstand ist noch nicht vorbei und unser wirtschaftlicher Notstand hat gerade erst begonnen", fügte er hinzu.

Mit knapp 700 Todesfällen innerhalb eines Tages hat die Zahl der Corona-Toten in Großbritannien ihren höchsten Stand seit Anfang Mai erreicht. Die Statistikbehörde meldete am Mittwoch 696 Todesfälle, die in den vier Wochen zuvor positiv auf Corona getestet wurden. Die Zahl der Neuinfektionen lag landesweit bei 18.213.

Der britische Premier Boris Johnson (56) setzt nach einem einmonatigen Teil-Lockdown in England ab Dezember wieder auf regionale Corona-Beschränkungen. Er setzt große Hoffnungen in den Einsatz von Massentests und baldige Impfungen. Pro 100.000 Einwohnern gab es in den vergangenen sieben Tagen in Großbritannien rund 209 Corona-Fälle. Das Land zählt mit mehr als 65.000 offiziellen Corona-Toten die meisten Opfer in Europa.

Entwicklungshilfe wird gekürzt

Sunak prognostizierte zudem eine Erholung der britischen Wirtschaft von 5,5 Prozent im kommenden Jahr, sowie ein Wachstum von 6,6 Prozent im Jahr 2022. Demnach werde die britische Wirtschaft erst im Jahr 2022 zum Vorkrisenniveau zurückkehren. "Unsere erste Priorität ist es nun, Menschenleben und Lebensgrundlagen zu schützen", sagte Sunak weiter.

Gleichzeitig teilte der Finanzminister mit, Entwicklungshilfen zu kürzen. Statt des bisherigen Anteils von 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE), der gesetzlich verankert ist, werde Großbritannien nur noch 0,5 Prozent für internationale Hilfen ausgeben. Im vergangenen Jahr hatte Großbritannien umgerechnet knapp 17 Milliarden Euro bereitgestellt.

Fünf ehemalige Premierminister des Landes sowie zahlreiche Hilfsorganisationen protestierten gegen die Ankündigung. Sunaks und Johnsons konservativer Parteifreund David Cameron (54) sprach etwa von einem "moralischen, strategischen und politischen Fehler". Die beabsichtigten Kürzungen würden Kritikern zufolge Millionen Menschen auf der Welt betreffen und ihren Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung erschweren oder verhindern.

Brexit-Abkommen auch fünf Wochen vor der Frist ungewiss

In der vergangenen Woche hatte Premierminister Johnson das größte Investitionsprogramm in das britische Militär seit dem Ende des Kalten Krieges angekündigt. Umgerechnet 18,5 Milliarden Euro sollen demnach zusätzlich in die Verteidigung des Landes investiert werden. Außerdem will Johnson stark in den Klimaschutz investieren und vor allem auf die Offshore-Windkraft setzen.

Fünf Wochen vor dem Ausscheiden Großbritanniens aus dem Europäischen Binnenmarkt ist ein Brexit-Handelspakt aus Sicht von EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen (62) immer noch nicht sicher. "Ich kann Ihnen heute immer noch nicht sagen, ob es am Ende ein Abkommen geben wird", sagte von der Leyen am Mittwoch im Europaparlament. Die nächsten Tage seien entscheidend.

ak/afp/dpa-afx
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