Mittwoch, 13. November 2019

Greta Thunbergs Wut- und Tränen-Rede in New York "Wie konntet ihr es wagen . . ."

US-Präsident Donald Trump erschien nur kurz zur Rede Thunbergs, war dann aber wieder schnell verschwunden
Andrew Hofstetter/ REUTERS
US-Präsident Donald Trump erschien nur kurz zur Rede Thunbergs, war dann aber wieder schnell verschwunden

Der Klimagipfel in New York hatte am Montagabend (MESZ) mit einer Wutrede begonnen, wie sie die UNO noch nie erlebt hat. Denn es war kein Staats- oder Regierungschef, der seinen Zorn entlud, sondern eine 16-Jährige. Greta Thunberg beschuldigte die am Montag in New York zu einem Klimagipfel versammelten Staatenlenker, die Bedrohung des Planeten nach wie vor kleinzureden und in ihrer Verantwortung für die junge Generation zu "versagen". Aber die jungen Leute hätten begonnen, "diesen Verrat zu verstehen", ruft Thunberg aus.

"Wie konntet Ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen mit Euren leeren Worten?", fragte die 16-jährige Schwedin mit Tränen in den Augen und fast erstickter Stimme. "Wir werden Euch das nicht durchgehen lassen. (...) Die Welt wacht auf, und es wird Veränderungen geben, ob Ihr es wollt oder nicht."

Zu den Zuhörern im Saal gehörte Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich durchaus direkt angesprochen fühlen darf. Denn das Maßnahmenpaket ihrer Regierung hält nicht nur die von Thunberg begründete Bewegung Fridays for Future für "desaströs", da es für keinen "echten Klimaschutz" sorge.

Parallel zum Klimagipfel hatten Thunberg und 15 andere junge Aktivisten eine Menschenrechtsbeschwerde bei der UNO eingereicht, die sich auch gegen Deutschland richtet. Das von ihnen angeprangerte Versagen der Regierungen in der Klimapolitik sehen die jungen Leute als Verstoß gegen die Kinderrechte.


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"Wie konntet Ihr es wagen!" - Diesen Satz schleuderte Thunberg gleich mehrfach den Staatenlenkern entgegen. "Menschen leiden, Menschen sterben, ganze Ökosysteme kollabieren. Wir sind am Anfang eine Massen-Aussterbens, und alles, worüber Ihr reden könnt, sind Geld und Märchen von ewigem wirtschaftlichen Wachstum. Wie konntet Ihr es wagen!" Mehrfach schien die zornige und zierliche Anklägerin auf der Bühne den Tränen nahe.


Im Video: Greta spricht Tacheles

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Bild: RTRS

Die Kanzlerin sprach kurz danach. Zwar antwortete sie nicht direkt auf Thunberg. Doch dass sie den Vorwurf der Tatenlosigkeit nicht auf sich sitzen ließ, wurde mehr als klar. Das gerade noch rechtzeitig vor dem Gipfel von ihrer Regierung auf den Weg gebrachte Klimaschutzpaket bezeichnete Merkel als Beginn eines "tiefgreifenden Wandels" in Deutschland.

Die Kanzlerin hatte Thunberg in den vergangenen Monaten immer wieder gelobt - und sogar zugegeben, dass sie durch die neue Jugendbewegung "zum Handeln getrieben" worden sei. Doch beschrieb Merkel in ihrer vierminütigen UN-Rede ihr Klimapaket auch als Kompromisslösung, wie sie von Regierungspolitikern nun mal gefunden werden müsse. Es gelte, möglichst viele gesellschaftliche Gruppen in den angestrebten Wandel einzubeziehen: "Aufgabe jeder Regierung ist es, möglichst alle Menschen mitzunehmen."

Gipfel sorgfältig inszeniert

UN-Generalsekretär António Guterres hat den Gipfel sorgfältig inszeniert. Auch er sieht die neue Jugendbewegung als wichtige Antriebskraft für die Politik. Deswegen ließ er Thunberg und andere junge Aktivisten gleich zu Beginn des Gipfels zu Wort kommen, deshalb hatte er bereits am Samstag einen eigenen Klimagipfel für die Jugend veranstaltet.

Guterres setzt darauf, dass die jungen Aktivisten den Regierungen Dampf machen, damit die im Pariser Abkommen von 2015 vereinbarten Ziele für die Kohlendioxid-Reduktion doch noch erreicht werden können. Und dennoch ist von vornherein klar, dass der Erfolg des Gipfels begrenzt sein wird. Denn das Engagement der Regierungen ist sehr ungleich verteilt.


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So straft US-Präsident Donald Trump, der den Ausstieg seines Landes aus dem Pariser Abkommen anstrebt und unbeeindruckt von allen Protesten weiter auf die fossilen Energieträger setzt, den Gipfel mit Missachtung. Zwar tauchte er am Montag überraschend bei der Versammlung auf und setzte sich als Zuhörer in die Reihen. Doch nach wenigen Minuten war er schon wieder weg.

Als Thunberg redete, war Trump noch nicht im Saal. Doch die 16-Jährige machte in ihrer Wutrede keine Unterschiede. Ihre Warnung richtete sie an alle Regierungen: "Die Augen aller künftigen Generationen ruhen auf Ihnen. Und wenn Sie uns im Stich lassen (...), werden wir Euch nie vergeben!"

Vielleicht waren die Warnungen nicht vergebens, wenn die Ankündigungen auch tatsächlich umgesetzt werden: So kamen zum Gipfel 70 Ankündigungen neuer Maßnahmen zusammen. Unter anderem verpflichteten sich 77 von 193 Mitgliedern der Vereinten Nationen, bis 2050 klimaneutral zu werden, also unter dem Strich keine Treibhausgase mehr zu produzieren. Auch Deutschland zählt zu diesen Ländern. 102 Städte, 10 Regionen und 93 Konzerne schlossen sich diesem Ziel an. 70 Länder versprachen, ihren nationalen Beitrag zum Kampf gegen die Klimakrise ab 2020 zu erhöhen.

Es passiert etwas, doch die Welt hinkt Zielen vom Pariser Gipfel hinterher

Andererseits: Die Welt hinkt weit hinter den Zielen des Pariser Abkommens von 2015 hinterher. Ziel ist es, die Erderhitzung auf deutlich unter 2 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, möglichst auf 1,5 Grad. Wenn man alles zusammennimmt, was die Staaten bisher zugesagt haben, steuert der Planet aber mit hoher Wahrscheinlichkeit auf rund 3 Grad zu. Das hat katastrophale Folgen, die jetzt schon in vielen Weltregionen sehr deutlich zu spüren sind, zum Beispiel durch den steigenden Meeresspiegel und die Zunahme extremer Wetterphänomene wie Wirbelstürme.

Klimaexperten zeigten sich auch unzufrieden mit den Gipfelergebnissen. "Es gab nicht die Art von Klarheit und die eindeutigen Aussagen, die wir von diesen Ländern sehen wollen würden", sagte der Direktor der International Climate Initiative vom World Resources Institute, David Waskow.

Deutsche Umweltorganisationen wiederum gingen mit Merkel hart ins Gericht. "Angela Merkel war in New York erneut mutlos - sie hat es versäumt, eine Erhöhung der ungenügenden deutschen sowie europäischen Klimaziele anzukündigen", erklärte der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger.

rei/afp/dpa

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