Referendum Wie Gordon Brown das "no" der Schotten verhindern soll

Die Schotten flirten immer offensiver mit dem Ausstieg aus der britischen Union. London entsendet nun Gordon Brown zu einer Charmeoffensive. Eine Mischung aus Pathos und praktischen Zugeständnissen soll die Schotten bei der Stange halten.
Von Arne Gottschalck
"Mission nearly impossible": Die Schotten bei Laune und der Stange halten soll Gordon Brown

"Mission nearly impossible": Die Schotten bei Laune und der Stange halten soll Gordon Brown

Foto: Oli Scarff/ Getty Images

Hamburg - Die Argumente sind getauscht, nun regiert das Gefühl. Das dürfte erklären, warum inzwischen 51 Prozent der Schotten dafür stimmen wollen, sich aus der Union mit England zu lösen. An der Börse ließ das die Alarmglocken schrillen, Pfund und FTSE 100  fielen gleichermaßen. Auch in London ist man alarmiert. Denn eigentlich ging man davon aus, dass die Schotten der Union die Treue halten würden. Auch die britische Königin soll besorgt sein. In aller Eile wird nun Gordon Brown aktiviert, um die Schotten zur Einkehr zu bewegen, berichtet "The Guardian". 

Brown ist nicht nur ehemaliger britischer Premierminister, sondern auch Schotte. Als solcher traut man ihm in London offenbar eine höhere Glaubwürdigkeit bei seinen Landsleuten zu als einem englischen Unterhändler. Bei einem ersten Auftritt in Edinburgh in einem ehemaligen Club der Minenarbeiter erklärte Brown, die Schotten würden es verdienen, dass ihr Wille nach mehr Unabhängigkeit schnellstmöglich von der britischen Regierung gewürdigt wird. Premierminister David Cameron, sein Stellvertreter Nick Clegg und Oppositionsführer Ed Milliband billigten den Vorschlag.

Brown seinerseits stellte klar: "Wonach die Menschen suchen, ist ein Fahrplan, ein Mechanismus und eine klare Idee dafür, was nach einem 'no' im Referendum geschehen soll." Und weiter: "Die Wahl ist nun offen zwischen irreversibler Trennung oder der Wahl für ein stärkeres schottisches Parlament. Wir reden über einen großen Wechsel in der Verfassung. (…) Eine Veränderung liegt in der Luft und eine Veränderung wird kommen."

Konzessionen zu mehr Unabhängigkeit auf der einen Seite, auf der anderen Seite der gefühlige Appell an das Verantwortungsgefühl, so will Brown die Schotten offenbar bei der Stange halten. "Wir machen diese Abstimmung nicht für uns. Wir machen sie für die Kinder Schottlands." Ob der Pathos verfängt, bleibt abzuwarten. Das Fernsehen fing die Stimme eines Schotten ein. "Der Kopf sagt 'nein' zur Unabhängigkeit, doch das Herz 'ja'", sagte ein alter schottischer Bauer gegenüber dem deutschen Fernsehen. Und dürfte damit die Stimmung seiner Landsleute treffend in Worte gefasst haben.

Der Börse bleibt derzeit nur die Beobachtung der weiteren Entwicklung. "Die Geschwindigkeit, mit der die Stimmung umgeschlagen ist, hat viele Leute schockiert", sagt Adam Myers, Chef der europäischen Devisen-Anlagestrategie bei der Credit Agricole. Einen Schotten-Schock bedeutete der Austritt indes nicht. "Das ist nicht zu erwarten, da auch die Wahrscheinlichkeit eines 'yes' bereits vorhanden und zum Teil eingepreist ist", sagt Thomas Lange von der Vermögensverwaltung Lange Assets & Consulting. "Der Anteil von Schottland am UK-BIP liegt deutlich unter 8 Prozent. Da die wichtigsten Punkte ungeklärt sind, wie zum Beispiel Währungsfragen, Schuldenübernahme und so weiter, ist eher ein Anhalten der Konsolidierung insbesondere in UK zu erwarten. Relativ wird der UK-Aktienmarkt ein Underperformer sein und das britische Pfund zur Schwäche neigen. Bei den Aktien und Anleihen von Lloyds Bank und Royal Bank of Scotland wäre ich weiterhin vorsichtig, aber auch da hat der Markt bereits viel eingepreist."

got/rtr

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