Biden unter Druck Gerüchte um Freigabe von US-Reserven drücken Ölpreis deutlich

Die steigenden Energie- und Spritpreise schicken Joe Bidens Umfragewerte in den Keller. Der US-Präsident will nun die Öl-Notreserven des Landes so stark anzapfen wie noch nie. Das zeigt Wirkung auf den Ölpreis.
Sinkende Umfragewerte: Die US-Regierung um Präsident Joe Biden will offenbar weitere 180 Millionen Barrel Öl aus den nationalen Notreserven freigeben

Sinkende Umfragewerte: Die US-Regierung um Präsident Joe Biden will offenbar weitere 180 Millionen Barrel Öl aus den nationalen Notreserven freigeben

Foto: Jim Watson / AFP

Die Aussicht auf mehr Rohöl auf den Weltmärkten durch das Anzapfen strategischer Reserven der USA und weiterer Länder hat am Donnerstag für sinkende Ölpreise gesorgt. Die Nordseesorte Brent  verbilligte sich um bis zu 5,3 Prozent auf 107,39 Dollar je Barrel. US-Leichtöl West Texas Intermediate  (WTI) sank um 6,8 Prozent auf 100,53 Dollar je Fass.

Brent

Die US-Regierung um Präsident Joe Biden (79) erwägt laut Berichten des "Wall Street Journal"  (WSJ) und der "Financial Times"  die Freigabe von bis zu 180 Millionen Barrel Öl aus den nationalen Notreserven, um sich dem sprunghaften Anstieg der Ölpreise seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine entgegenzustemmen. Das wäre der größte Abfluss in der 50-jährigen Geschichte der amerikanischen Vorräte.

Die USA verbrauchen laut "FT" rund 20 Millionen Barrel pro Tag, was etwa einem Fünftel der weltweiten Nachfrage entspricht. Dabei hat die US-Regierung laut "Wall Street Journal" in den letzten Monaten bereits zweimal die strategische Erdölreserve angezapft. Zunächst gab sie im November 50 Millionen Barrel Öl aus der Reserve frei, im März dann weitere 30 Millionen Barrel. Den Berichten zufolge wolle Biden noch am Donnerstag über die weitere Freigabe eines Teils der Ölreserven informieren.

Energiepreise steigen, Bidens Umfragewerte sinken

Biden hatte Anfang des Monats die Einfuhr von Öl und anderen Energieträgern aus Russland verboten und gleichzeitig eingeräumt, dass dies zu höheren Benzinpreisen für die Amerikaner führen könnte. Spekulationen auf ein mögliches Ölembargo auch durch die EU hatten die Rohölpreise und damit auch die Preise für Sprit zusätzlich in die Höhe getrieben.

Die hohen Energiekosten setzen Biden im Vorfeld der Zwischenwahlen in den USA unter Druck, weil die Republikaner die regierenden Demokraten dafür kritisieren und mit verantwortlich machen. Bidens Umfragewerte sind in den letzten Monaten deutlich gesunken, da die Amerikaner die Inflation, die sich auf einem 40-Jahres-Hoch befindet, und den Benzinpreis als Hauptthemen anführen.

"Verzweifelte Zeiten erfordern eindeutig verzweifelte Maßnahmen"

Analystein Susannah Streeter

"Verzweifelte Zeiten erfordern eindeutig verzweifelte Maßnahmen, und die Biden-Regierung ist eindeutig der Ansicht, dass der Anstieg der Ölpreise diesen Schritt rechtfertigt, um die Notreserven des Landes anzutasten", sagte Susannah Streeter, Marktanalystin bei Hargreaves Lansdown.

Die Internationale Energieagentur, die die westlichen Verbraucherländer überwacht, hatte unlängst erklärt, dass die Sanktionen gegen Russland und das Zögern der Händler, russisches Rohöl zu vertreiben, die Produktion des Landes bis April um bis zu drei Millionen Barrel pro Tag oder etwa drei Prozent der weltweiten Gesamtmenge verringern könnten.

Spekulationen um die Freigabe weiterer Ölreserven

Zudem machten Spekulationen auf eine Freigabe von Rohölreserven durch die Mitglieder der Internationalen Energieagentur (IEA) die Runde. "Es ist nicht klar, ob die im Raum stehende Freigabe der US-Reserven Teil dieser Aktion wäre", hieß es bei der Commerzbank. Für Freitag wurde ein außerordentliches IEA-Treffen einberufen, von Biden könnte bereits am Donnerstag eine Ankündigung zu den Ölreserven kommen.

Die im Raum stehenden US-Mengen könnten nach Einschätzung der Analysten von Goldman Sachs den Ölmarkt in diesem Jahr stabilisieren, indem für sechs Monate pro Tag eine Million Barrel Öl mehr fließen würde. "Dies würde jedoch eine Freigabe von Ölvorräten bleiben, keine dauerhafte Versorgungsquelle für die kommenden Jahre. Eine solche Freigabe würde daher das seit Jahren bestehende strukturelle Versorgungsdefizit nicht lösen." Die USA könnten damit allenfalls die starke Volatilität begrenzen und große Aufwärtsbewegungen abschwächen, sagte auch Avtar Sandu, Rohstoffmanager bei Phillip Futures.

Opec lässt sich nicht von den USA drängen

Die USA hatten in der Vergangenheit Saudi-Arabien und andere große Opec-Ölproduzenten dazu gedrängt, schneller mehr Öl anzubieten, stießen damit aber auf Widerstand der Erzeugerländer. Die Erzeugergemeinschaft Opec+, zu der neben den Mitgliedern des Exportkartells weitere Förderländer wie Russland gehören, wollten am Donnerstag zusammentreffen, um über ihre Förderpolitik zu entscheiden. Experten rechnen damit, dass die Gruppe an ihrer Politik einer maßvollen Ausweitung der Fördermengen festhält.

rei mit Reuters