Preis verzehnfacht Was Sie über die neue Gaskrise wissen sollten

Teuer, teurer, Erdgas: Der Energiemarkt hat sich in kurzer Zeit radikal gedreht, die Folgen reichen von den Konten der Privathaushalte über die Fleischproduktion bis zur Klimabilanz. Die wichtigsten Faktoren im Überblick.
Winter is coming: Die Gasverflüssigungsanlage Snøhvit nahe dem nordnorwegischen Hammerfest liegt seit Oktober 2020 still

Winter is coming: Die Gasverflüssigungsanlage Snøhvit nahe dem nordnorwegischen Hammerfest liegt seit Oktober 2020 still

Foto: PR

So viel Bewegung hat der eher dröge Gasmarkt lange nicht gesehen. Die Kurve der Großhandelspreise für Erdgas sieht aus wie die nächste heiße Kryptowette: steil nach oben. Am größten kontinentaleuropäischen Handelsplatz TTF in den Niederlanden  kostete eine Megawattstunde Erdgas mit Liefertermin November an diesem Mittwoch bis zu 160 Euro - dreimal so viel wie einen Monat zuvor, fast zehnmal so viel wie vor einem Jahr.

Die Rallye drohe "den Aufschwung zurückzuwerfen, die verfügbaren Haushaltseinkommen zu treffen und die Produktion energieintensiver Güter zu beschädigen", warnt Unicredit-Ökonom Edoardo Campanella. Nebenbei könnte die Gaskrise auch die Bemühungen zum Klimaschutz konterkarieren. Was ist da los?

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Wer braucht Erdgas?

Für deutsche Privathaushalte ist Erdgas mit Abstand der wichtigste Energieträger vor Erdöl und Strom, vor allem weil etwa die Hälfte der Wohnungen damit beheizt wird - ebenso wie ein Großteil der Büros und anderer Gewerbeimmobilien. Noch mehr verbraucht die Industrie. Besonders die Chemieindustrie hängt von Erdgas für Dampfprozesse und als Feedstock ab. Außerdem wird in Gaskraftwerken Strom erzeugt, was in Ländern wie Großbritannien oder den USA den bislang größten Beitrag zum Klimaschutz leistete. Denn Erdgas ist zwar ein fossiler Brennstoff, aber deutlich CO2-ärmer als die damit direkt konkurrierende Kohle.

Warum ist Gas plötzlich knapp?

Mike Fulwood vom Oxford Institute for Energy Studies spricht von einem "ungewöhnlichen Zusammentreffen wirtschaftlicher Kräfte": Ein Faktor nach dem anderen sorge für steigende Nachfrage und sinkendes Angebot - in jeder Hinsicht ein Gegenteil zur Marktsituation von 2020, als es Gas im Überfluss gab und die Preise fielen.

  • an erster Stelle nennt das Oxford-Institut einen "starken Sog aus Asien". Vor allem in China boomt die Wirtschaft nach der Corona-Krise wieder. Verflüssigtes Erdgas (Liquefied Natural Gas, LNG), das als Ventil zwischen den verschiedenen regionalen Gasmärkten dient, strömt seit Jahren vor allem ostwärts, wo die Gaspreise traditionell höher sind. Jetzt noch mehr. Laut Nikos Tsafos  vom Institute for Strategic & International Studies hat China 80 Prozent des neuen LNG-Angebots in diesem Jahr aufgekauft

  • in Nordostasien ebenso wie in Europa und Nordamerika war der Winter 2020/21 ungewöhnlich kalt, was den Gasverbrauch in die Höhe trieb und die Speicher leerte. Zum Beginn der neuen Wintersaison sind sie immer noch nicht ganz gefüllt, in Deutschland  etwa zu 69 Prozent statt der Anfang Oktober üblichen mehr als 95 Prozent. Viele Versorger wie Sinopec in China stocken jetzt mit Panikkäufen ihre Vorräte auf, um für einen neuen kalten Winter gerüstet zu sein

  • flexibel einsetzbare Gaskraftwerke werden gebraucht, weil wetter- und klimaabhängige andere Stromquellen ausfallen. Eine schwere Dürre in Brasilien hat zur Jahresmitte die dort dominierenden Wasserkraftwerke gedrosselt, nun passiert ähnliches in China. Nicht ganz so dramatisch, aber auch am Gasmarkt spürbar ist der im Jahresverlauf schwache Wind in Europa - da bekommt Erdgas seine Rolle als Backup für die Energiewende

  • das LNG-Angebot wächst zwar, aber deutlich langsamer als in den Vorjahren - eine Folge gekürzter Investitionspläne nach dem Kollaps der Energiepreise 2014/15. Neue Anlagen, die mehrere Milliarden kosten, werden in der Regel nach gut fünf Jahren fertig. Für den heutigen Bedarf zu investieren, erschien den Konzernen damals zu riskant

  • zudem fallen viele bestehende Anlagen gleichzeitig aus, zum Teil durch planmäßige Wartungsarbeiten, die wegen der Corona-Pandemie 2020 verschoben wurden und jetzt nachgeholt werden. Der norwegische Equinor-Konzern muss seine LNG-Plattform Snøhvit im Nordmeer nach einem Brand im Oktober 2020 reparieren. Auch dort verzögert sich der Neustart coronabedingt bis ins kommende Jahr

  • und die Produktion aus vielen Gasfeldern sinkt entweder aus natürlichen Gründen, weil sich die erschlossenen Lager erschöpfen, oder mit Absicht - vor allem die Niederlande als größter Gasproduzent der EU haben sich nach Erdbeben in der Förderregion Groningen zu einer radikalen Wende entschlossen: Schon 2022 soll dort Schluss sein

  • der russische Staatskonzern Gazprom als Europas Hauptlieferant hat den Gasstrom durch die wichtigste Pipeline Jamal-Europa über Weißrussland und Polen nach Deutschland per Anfang Oktober schlagartig gedrosselt. Manche wittern Kalkül, um Druck für eine schnelle Eröffnung der umstrittenen Ostseepipeline Nord Stream 2 zu machen - zumal Westeuropas größter Erdgasspeicher im niedersächsischen Rehden, der Gazprom gehört, mit 9,5 Prozent Füllstand besonders leer ist. Netzbetreiber und Kunden wie Uniper melden aber, dass Gazprom alle Aufträge bediene. Dem Oxford-Institut zufolge  ist Russlands Gasexport nach Europa insgesamt so hoch wie nie. Gazprom "feuert aus allen Rohren", habe angesichts des hohen Bedarfs im eigenen Land wohl schlicht seine Leistungsgrenze erreicht

  • besonders zugespitzt ist die Lage in Großbritannien, das sich von einem Mix aus Windkraft und überwiegend importiertem Erdgas abhängig gemacht hat - und das in einem wilden Markt aus vielen Anbietern mit teils riskanten Geschäftsmodellen, ohne Langfristverträge und Reserven

Was sind die Folgen?

Bereits jetzt sind die Gaspreise ein wichtiger Treiber der Inflation. Dabei dürften die meisten Endverbraucher erst verzögert die Wucht der Marktrallye spüren, weil die Versorger ihre Verträge nur periodisch - oft jährlich - anpassen und zudem reguliert sind. Preisportale wie Verivox melden zweistellig teurere Tarife, aber nicht dreistellig wie im Großhandel. Unmittelbar bedrohlich ist die Lage für die Versorger selbst, insofern sie nicht mit langfristigen Lieferverträgen und Terminkontrakten abgesichert sind. Zwölf kleinere britische Anbieter mussten in diesem Jahr bereits aufgeben.

Wegen der höheren Preise ist auch manche Industrieproduktion unwirtschaftlich geworden. Großverbraucher wie BASF mit dem konzerneigenen Gasriesen Wintershall Dea sind relativ sicher, doch vor allem Ammoniakwerke für die Düngemittelproduktion stehen jetzt still. Das bedroht nicht nur die Versorgung der Landwirtschaft, sondern hat auch indirekte Folgen: Als Nebenprodukt gewonnenes CO2 wird knapp, und damit fehlt ein wichtiges Hilfsmittel der Lebensmittel-, Getränke- und Verpackungsindustrie. Um die Fleischproduktion in Gang zu halten, subventioniert die britische Regierung bereits Ammoniak.

Vor allem jedoch beeinflusst die Gaspreisrallye auch eine Reihe anderer Energiepreise, die quer durch die Wirtschaft spürbar sind. Dass der Ölpreis zuletzt über 80 Dollar je Fass sprang, führt Unicredit-Ökonom Campanella auf den Druck vom Gasmarkt zurück - auch wenn nur wenige Nutzer tatsächlich von Gas auf Öl umstellen können. Aktuell folgt der Strompreis  an den europäischen Börsen der Aufwärtsbewegung beim Gas, weil Gaskraftwerke plötzlich der entscheidende Faktor sind. Die Hackordnung am Strommarkt hat sich umgekehrt, und das führt auch zu einer Energiewende rückwärts. Der so genannte Clean Spark Spread, der das Verhältnis der Gewinnmargen zwischen vergleichsweise sauberen Gas- und schmutzigeren Kohlekraftwerken bestimmt, ist seit dem Sommer negativ. Das heißt, die Kohle gewinnt im Zweifel den Wettbewerb um jede neu nachgefragte Kilowattstunde. Entsprechend häufiger wird sie verfeuert - was die CO2-Emissionen nach oben treibt und auch den Börsenpreis für CO2-Zertifikate. Der ist in der EU über 60 Euro gestiegen, im separaten britischen Handelssystem noch deutlich darüber.

Der Anstieg der Gaspreise sei "so dramatisch, dass er die Sorgen vor einer Stagflation nährt", sagte der Allianz-Portfoliomanager Mike Riddell der "Financial Times" . Stagflation meint ein Szenario einer nicht wachsenden Wirtschaft, in der die Preise trotzdem steigen, wie in der Ölkrise der 1970er Jahre. Aus diesem Grund fielen nun die Kurse von Staats- und Unternehmensanleihen.

Welche Reaktionen sind möglich?

Die Politik reagiert bereits - indem sie die Symptome bekämpft. Die französische Regierung hat die Gaspreise nach der jüngsten Erhöhung um ein Achtel bis April 2022 eingefroren, auf Kosten der Versorger wie Engie (mit dem Staat als Großaktionär). Zudem bekommen Geringverdiener 100 Euro Energiegeld pro Haushalt, damit sie den Winter überstehen. Italien bezuschusst Gasverbraucher mit Milliarden aus der Staatskasse und hat die Mehrwertsteuer für Gas von 22 auf 5 Prozent gesenkt. Mehrere Staaten haben das Thema auf die Tagesordnung der Euro-Finanzminister gesetzt und fordern Eingriffe in den Markt. Die EU-Kommission spricht sich für eine strategische Gasreserve aus.

Doch kurzfristig lassen sich kaum größere Mengen Erdgas heranschaffen, der Mangel ließe sich nur über Jahre mit milliardenteuren Investitionen beheben. Noch höher sind die Hürden für einen Ersatz von Erdgas durch andere Brennstoffe wie Wasserstoff, der zudem heutzutage fast ausschließlich auf Erdgasbasis erzeugt wird, also ohne einen massiven Ausbau der Erneuerbaren nur einen ineffizienten Umweg bietet. Fast schon einfach wirkt die Entscheidung für Haus- und Wohnungsbesitzer, Gasheizungen durch Alternativen wie Wärmepumpen oder Öfen mit Holzpellets zu ersetzen - hier könnte die aktuelle Gaskrise einen Schub bringen, doch auch der braucht Jahre.

Zumindest ein bisschen entspannen könnte die Situation in Westeuropa die neue Pipeline Nord Stream 2, die von russischer Seite bereits mit Gas befüllt wird. Liefern darf Gazprom aber erst, wenn die Bundesnetzagentur das politisch heikle Projekt freigibt.

Oxford-Energieexperte Fulwood liefert eine andere Hoffnung: "Es bräuchte einen längeren und kälteren Winter als letztes Jahr, damit ein Preisanstieg über das heutige Niveau hinaus hält", schreibt er in der "Financial Times" . Jetzt seien schon so viele schlechte Nachrichten zusammengekommen und eingepreist. Deshalb halte er "eine scharfe Korrektur in der nahen Zukunft für wahrscheinlich". Nur wann und wie stark die Preise wieder fallen, darauf möchte Fulwood sich nicht festlegen. Der Markt regelt das, aber in unberechenbarer Weise.

ak
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