Ökonomen messen erstmals den Kapitalstrom in Steueroasen Hier verschwinden 500 Milliarden Euro Konzerngewinne

Finanzdistrikt von Dublin: Eines der Hauptziele der globalen Steuervermeidungsindustrie

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Der Lockruf der Polder-Holding: Diese Konzerne sind jetzt niederländisch

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Über Steueroasen ist schon alles gesagt? Noch lange nicht. Die Enthüllungen der Panama und Paradise Papers haben die Welt aufgeschreckt. Erst allmählich aber wird das wahre Ausmaß der legalen Steuerflucht deutlich.

Berkeley-Ökonom Gabriel Zucman hat mit den Kopenhagener Kollegen Thomas Tørsløv und Ludvig Wier eine neue Studie vorgelegt ("The Missing Profits of Nations" ), die in der vergangenen Woche auf einer Konferenz über Steuerreform in Venedig vorgestellt wurde. Laut dem Münsteraner Kollegen Johannes Becker sorgte das Papier für einen "Big Splash" unter den Experten.

Das Neue besteht darin, dass die Autoren auch auf makroökonomische Daten aus vielen Steueroasen zugreifen konnten - eine Folge der von den OECD-Staaten neuerdings durchgesetzten etwas größeren Transparenz. Beispielsweise liegt jetzt offen, wie hoch die Gewinne von heimischen im Vergleich zu ausländischen Unternehmen im jeweiligen Land sind, und wie hohe Steuern darauf gezahlt werden.

So lässt sich erstmals schätzen, wie viel Gewinne multinationale Konzerne in solchen Länder verbuchen, um ihre Steuerlast zu senken: Zucman, Tørsløv und Wier beziffern den Anteil auf 40 Prozent der gesamten Profite. Im Jahr 2015 wurden demnach 543 Milliarden Dollar (460 Milliarden Euro) allein aus den OECD-Staaten und sieben großen Schwellenländern verschoben, zumeist in Richtung Irland, Karibik, Singapur, Schweiz oder Niederlande.

Besonders aktiv seien dabei US-Konzerne - aber zu den größten Verlierern zählt der deutsche Staat. 55 Milliarden Dollar der verschobenen Profite stammen aus Deutschland, und der hiesige Fiskus verlor 28 Prozent seiner potenziellen Einnahmen aus Unternehmenssteuern; ein höherer Anteil als in jedem anderen Land.

"Andere wirtschaftliche Akteure müssen mehr bezahlen, um die Steuerlast zu tragen", sagte Gabriel Zucman der "New York Times" . "Es ist bemerkenswert, weil die multinationalen Konzerne die großen Gewinner der Globalisierung sind."

In Irland gebuchte Profite sind achtmal so groß wie die örtlichen Löhne

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Die Zielländer der Kapitalströme können zwar ihre - meist sehr niedrigen - Steuereinnahmen deutlich steigern (mit Ausnahme von Ländern wie Bermuda, wo der Körperschaftssteuersatz null beträgt und beispielsweise der Google-Mutterkonzern Alphabet mehrere Milliarden Dollar parkt). Als Volkswirtschaften haben sie aber auch nicht allzu viel von den "Papierprofiten", die laut der Studie kaum produktive Investitionen und damit Jobs schaffen.

Die Ökonomen zeigen auch, wie hoch die ausgewiesenen Gewinne der globalen Konzerne im Vergleich zu den vor Ort gezahlten Löhnen (und zu den Gewinnen der lokalen Unternehmen) sind. Während tatsächlich im Land tätige Firmen meist nur einen Bruchteil der Lohnsumme als Profit erwirtschaften, fällt in den Steueroasen ein Vielfaches davon an - aber auch nur bei den Multis. In Irland sind die Gewinne ausländischer Unternehmen achtmal so hoch wie die Löhne der Iren. Im US-Karibikterritorium Puerto Rico ist es sogar fast der Faktor 17.

Laut der Studie wachsen die Kapitalströme in Steueroasen seit Jahren kontinuierlich an, das Problem wird also immer größer. Als Reaktion die Unternehmensteuern zu senken, wie es die USA zum Jahreswechsel getan haben, dürfte nur begrenzt Gewinne zurück ins Land führen. "Es gibt immer noch große Anreize und große Möglichkeiten für Unternehmen, Profite in Niedriglohnländer zu verschieben",zitiert das "Wall Street Journal"  Zucman.

Mit Anreizen beschäftigen sich die Forscher auch auf der Seite der Finanzbehörden. Denn für die sei es schwer, Geld aus den Steueroasen zurückzuholen: Das sei schwierig, teuer und langwierig - es gebe eine starke Gegenwehr der Konzerne. Dagegen falle es den Behörden leichter, um Steuereinnahmen mit den Kollegen aus anderen Nicht-Oasen zu kämpfen. Auch wenn das ein Nullsummenspiel ist.

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