Fünf Jahre nach Lehman Islands Tanz auf dem Vulkan

Island war eines der ersten Opfer der Lehman-Pleite. Davon, dass das Land damals nur um Haaresbreite dem Kollaps entging, ist heute kaum etwas zu spüren. Doch unter der so ruhigen Fassade brodelt es.
Trügerisches Idyll: Islands Lage bleibt fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise fragil.

Trügerisches Idyll: Islands Lage bleibt fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise fragil.

Foto: Brynjar Gauti/ AP

Reykjavik - Davon, dass hier das Ground Zero der Finanzkrise lag ist in der Reykjaviker Innenstadt wenig zu bemerken. In der Haupteinkaufsstraße Laugavegur im Zentrum flanieren mit Tüten beladenen Touristen. Auf dem Austurvöllur-Platz, auf dem die Reykjaviker vor fünf Jahren mit Töpfen und Pfannen ihrem Ärger über verfehlte Finanzpolitik Luft machten, spielen Kinder. Und in den Cafes und Kneipen tummeln sich Gäste auf der Flucht vor dem zugigen Wind, der durch die kleinstädtisch anmutenden Straßen weht.

Und dennoch scheint die Stadt, in deren Einzugsbereich mit 220.000 Menschen fast zwei Drittel der isländischen Bevölkerung wohnen, weit weg von anderen europäischen Städten. Und das nicht nur, weil weit und breit kein McDonalds , kein Starbucks um Kundschaft wirbt.

Island liegt weit weg - knapp unter dem Polarkreis - aber auch im Bewusstsein der Europäer. Und das nicht erst, seit die neu gewählte Regierung sämtliche Ambitionen auf einen EU-Beitritt aufgegeben hat.

Nur wenn wie 2008 das Finanzsystem nur knapp dem Totalzusammenbruch entgeht oder wie 2010 die Asche des Eyjafjallajökull tagelang dem den Flugverkehr über Europa lahmlegt, tritt die Insel mit einem Staatsgebiet von der Größe der ehemaligen DDR ins kollektive Bewusstsein der Europäer - sieht man von Touristen ab, die die Insel vor allem wegen ihrer unberührten Natur besuchen.

Tickende Zeitbome?

Das könnte sich ändern. Denn auch wenn in Island fünf Jahre nach dem Beinahe-Crash Normalität eingekehrt zu sein scheint, und der Weltwährungsfonds IWF die Insel einst als Musterbeispiel der Krisenüberwindung feierte, sind die Probleme noch längst nicht überwunden, wie der ehemalige Chefökonom der Kaupthing Bank Ageir Jonsson, der jetzt an der University of Iceland Wirtschaftswissenschaften unterrichtet, einräumt.

Auch der Reyjaviker Wirtschaftswissenschaftler Fridrik Mar Baldursson sieht Warnsignale. "Wir sind noch nicht über den Berg.", sagt er. Das US-Wirtschaftsmagazin Fortune schrieb im August sogar von einer "tickenden Zeitbombe" Island, die ganz Europa in Mitleidenschaft ziehen könnte.

Dabei scheint Island - anders als Griechenland, Spanien - bislang ziemlich glimpflich aus dem Strudel der Finanz- und Schuldenkrise davongekommen zu sein - und ist dabei einen völlig anderen Weg gegangen als viele andere Staaten.

Eine wirkliche Alternative hatte das Land allerdings nicht. Als im Herbst 2008 die Finanzkrise mit der Lehman-Insolvenz ihren Höhepunkt erreicht, knicken nacheinander alle drei großen isländischen Banken ein. An einen Bail-out war anders als in anderen Ländern in Island nicht zu denken. Angesichts von Lasten in der achtfachen Höhe des Bruttoinlandsprodukt - im Vergleich zur Größe des Landes weltgrößter Bankenkollaps - blieb Premier Geir Haarde nichts übrig, als in seiner Katstrophenrede am 6. Oktober an die Nation um Gottes Segen zu bitten.

Ein Land als Hedgefonds

Dass es zu so haarsträubenden Summen kommen konnte, war Folge einer bis dato unbekannten Liberalisierung, in deren die drei größten Banken, Kaupthing, Glitnir und Landsbanki/Icesafe in die Hände der sogannnten "Viking Raiders", Jon Asgeir Johanesson, Björgolfur Thor Björgolfsson und Sigurdur Einarsson gelangten. Die nutzen das kleine Land als Basis für ihre internationalen Finanzwetten - und sorgten dank günstiger Fremdwährungskredite für einen Bauboom auf der Insel.

Das lange Zeit ärmste Land Europas erlebte eine Blütezeit: Der Wohlstand wuchs explosionsartig. Schicke Restaurants eröffneten, die Leute kauften sich teure Geländewagen, Wohnungen - oft auf Pump. Island sei nichts anderes als ein einziger großer Hedgefunds geworden, schrieb damals CNN.

Der Lehman Crash setzte dem Treiben ein Jähes Ende. Dem Zusammenbruch des Bankensystems folgte der Absturz des Wechselkurses sowie des Bruttoinlandsproduktes, die Inflation kletterte auf fast 20 Prozent und die Arbeitslosigkeit erreichte mit mehr als 9 Prozent für Island ungekannte Höhen. "Es war ein große Party, aber dann war es Zeit aufzuräumen", zog jüngst die Reykjaviker Zeitung "Grapevine" Bilanz.

Um ein völliges Ausbluten der Wirtschaft zu verhindern, verhängte die Regierung Kapitalkontrollen. Milliarden des IWF halfen dem Land allmählich wieder auf die Beine. Die Wirtschaft zog an - 2011 um fast 3 Prozent. Angesichts des günstigeren Wechselkurses kamen deutlich mehr Touristen ins Land. Den Banken gelang es, den Umfang fauler Kredite zurückzufahren.

Privathaushalte kämpfen, Regierung hinter Plan

Island galt als Musterschüler des IWF. Doch nun schwächelt der Aufschwung. 2012 halbierte sich das Wachstum fast auf nur noch 1,6 Prozent. Angesichts der Krise in Europa schrumpfen die Preise für isländische Exporte. Gleichzeitig ist angesichts teurer Importe und drückender Kredite die Kauflust der Isländer gesunken. Viele Privathaushalte zahlen lieber Schulden zurück, statt sich etwas zu gönnen.

Der Verschuldungstand in der Bevölkerung ist enorm. Fast die Hälfte der Bevölkerung hat angesichts der Schuldenlast nach Angaben des Statistikamtes Schwierigkeiten über die Runden zu kommen.

Und auch der Staat hängt mittlerweile deutlich hinter den selbst gesetzten Zielen hinterher. Erst im August warnte der IWF, dass es mit dem geplanten ausgeglichenen Haushalt wohl nichts werden würde. Angesichts von Steuererleichterungen der neuen Regierung für die Fischereibetriebe klafft im Haushalt ein großes Loch, weshalb die neue Regierung jetzt bei allen Ministerien den Rotstift ansetzte.

Ratingagenturen sind alarmiert

Erleichterung vor allem für die privaten Hauhalte soll nun ein Schuldenschnitt bringen. Geierfonds, die die Forderungen der zusammengebrochenen Banken günstig aufgekauft haben, sollen nach dem Willen der neu gewählten konservativen Regierung auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten und damit die schuldengeplagten Isländer entlastet werden. Im Gegenzug sollen die Kapitalkontrollen aufgehoben werden.

Doch die Idee, mit der die neue konservative Regierung aus Unabhängigkeits- und Fortschrittspartei im Frühjahr die Wahlen gewannen, lassen bei den Ratingagenturen die Alarmglocken schellen. Standard & Poor's senkte Ende Juni den Ausblick für Island auf BBB- - womit das Land nun knapp über Junk-Status rangiert. Der geplante Schuldenschnitt könnte 10 Prozent der Wirtschaftsleistung kosten "möglicherweise aber viel mehr", warnte die Agentur.

Die Regierung sitzt in der Zwickmühle. Sollte die bei der geplanten Aufhebung der Kapitalkontrollen ungeordnet verlaufen, könnten Investoren noch im Land verblieben Gelder schlagartig abziehen, was die isländische Krone unter Druck setzen und die ohnehin problematische Inflation weiter anziehen lassen würde. Für die verschuldeten Hausbesitzer ein erhebliches Problem. Schließlich ist der große Teil der isländischen Kredite inflationsgebunden.

Regierung unter Druck

Dazu wie der Deal mit den Hedgefunds laufen soll, die nach dem Platzen des isländischen Immobilienblase einen Großteil der Forderungen aufgekauft haben, und wie groß er konkret ausfallen soll, dazu hält sich die Isländische Regierung bedeckt. Schätzungen reichen von 20 bis 75 Prozent. Doch auch von einer langfristigen Beibehaltung der Kapitalkontrollen gehen nicht nur nach Ansicht des IWF erhebliche Gefahren für die isländische Wirtschaft aus.

Zu lange darf die Regierung mit konkreten Ankündigungen aber auch nicht warten. Von der Unsicherheit haben nicht nur die Märkte, sondern auch die Isländer fünf Jahre nach der Krise mittlerweile genug. "Wir Isländer sind Fischer und gewohnt, auch im dicken Nebel auf dem Schiff zu funktionieren", sagt Zimmerwirtin Vala, die mit ihrer Familie im Zentrum Reykjavik ein Hotel betreibt. "Aber wenn es nie aufklart wird, werden auch wir müde."

Illusionen, dass es für die Isländer leicht werden wird, macht sie sich nicht. "Die Probleme sind nicht gelöst, nur aufgeschoben", sagt sie. "Und irgendwann muss irgendjemand die Rechnung bezahlen."

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.