US-Notenbank lässt Leitzins unverändert Yellen will "Verbesserungen am Arbeitsmarkt" sehen

Von mm-newsdesk
Fed-Chefin Yellen: Zinswende verschoben

Fed-Chefin Yellen: Zinswende verschoben

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Die US-Notenbank will weitere wirtschaftliche Fortschritte sehen, bevor sie die Geldpolitik strafft. "Die Zinsanhebung erfordert weitere Verbesserungen am Arbeitsmarkt und eine Annäherung der Inflation an den Zielwert von 2,0 Prozent", sagte Fed-Chefin Janet Yellen am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Washington. Zuvor hatte die Fed ihren Leitzins auf dem Rekordtief zwischen 0 und 0,25 Prozent bestätigt.

Yellen verwies nach der verschobenen Zinswende auf außenwirtschaftliche Risiken und Turbulenzen an den Finanzmärkten. "Globale wirtschaftliche und finanzielle Entwicklungen könnten die Konjunktur bremsen." Diese Risiken würden beobachtet, betonte Yellen.

Die oberste US-Währungshüterin nannten keinen konkreten Zeitpunkt, machte aber klar, dass die meisten Mitglieder des geldpolitischen Rates die Zinswende noch in diesem Jahr erwarten. Auch die nächste Fed-Sitzung im Oktober sei dafür nicht auszuschließen. Die Notenbankchefin bekräftigte damit frühere Aussagen. Mit Beginn der Zinswende dürfte die Erhöhung dann moderat ausfallen.

Die meisten Experten hatten damit gerechnet, dass die Währungshüter die Wende noch nicht wagen würden. An der Wall Street gewann der Leitindex Dow Jones  zuletzt 0,8 Prozent auf 16.876 Punkte. Der marktbreite S&P-500-Index gewann 0,4 Prozent auf 2003,79 Punkte und der technologielastige Auswahlindex Nasdaq 100 stand 0,6 Prozent höher bei 4408,15 Punkten.

Der Euro  legte deutlich zu und kletterte zeitweise über 1,14 Dollar.

Das Führungsgremium der Notenbank war sich weitgehend einig, dass die Zeit noch nicht reif für eine Erhöhung ist: Die Entscheidung fiel mit neun zu eins Stimmen. Nur der als Verfechter einer straffen geldpolitischen Linie bekannte Zentralbanker Jeffrey Lacker stimmte dagegen.

Leitzins soll langsamer steigen

Die Fed-Mitglieder erwarten ein geringeres Tempo bei der Leitzinserhöhung im kommenden Jahr. Auch die Erwartungen für das laufende Jahr wurde gesenkt. Dies geht aus den vorgestellten Projektionen hervor.

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Die Entscheider der Fed: Diese Zentralbanker drehen das größte Rad der Weltwirtschaft

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Für Ende 2015 erwarten die Notenbanker im Mittel (Median) einen Leitzins von 0,375 Prozent, nachdem sie im Juni noch im Mittel von 0,625 Prozent ausgegangen waren. Dies spricht für eine Zinsanhebungen in diesem Jahr. Ende 2016 dürfte der Leitzins (Fed Funds Rate) auf 1,375 Prozent (zuvor 1,625 Prozent) steigen. Längerfristig wird ein Zinsniveau von 3,500 Prozent prognostiziert (zuvor 3,750 Prozent). Bereits im Juni und im März hatten die Notenbanker ihre Erwartungen an das Tempo der geldpolitischen Straffung gesenkt.

Die Medianwerte bei der Zinsprognose ergeben sich aus den Erwartungen der einzelnen Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses der US-Notenbank FOMC. Alle Währungshüter geben ihre Prognose während der zweitägigen Zinssitzung ab. Fed-Chefin Janet Yellen hatte in der Vergangenheit allerdings mehrfach die Bedeutung der Zinsprognosen runter gespielt. An den Finanzmärkten werden die Prognosen allerdings stark beachtet.

Zur wirtschaftlichen Entwicklung äußerte sich die Notenbank für das laufende Jahr optimistischer als zuletzt. In den vergangenen Monaten hatte die amerikanische Konjunktur sich eher robust gezeigt und nach einem schwachen Jahresbeginn deutlich an Schwung gewonnen.

Für das laufende Jahr rechnet die Fed mit einem Wachstum von 2,1 Prozent, nachdem sie im Juni nur 1,9 Prozent erwartet hatte. Allerdings wurde die Erwartung für das kommende Jahr nach unten geschraubt. Die Inflationsrate wird erst im Jahr 2017 in die Nähe des Ziels der Fed von 2,0 Prozent kommen. Die Entwicklung am Arbeitsmarkt wird sich nach Einschätzung der Fed weiter verbessern.

"Enttäuschend und nicht konsequent" - das sagen Volkswirte

MARCEL FRATZSCHER, PRÄSIDENT DIW-INSTITUT:

"Die Entscheidung der US-Notenbank ist enttäuschend und nicht konsequent. Die Fed hat sich vom großen Druck der Finanzmärkte beeindrucken lassen. Eine Nullzinspolitik ist nicht mehr angebracht, da die US-Volkswirtschaft nicht mehr in der Krise ist. Wachstum, Beschäftigung und Inflationserwartungen deuten alle auf eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung in den USA hin.

Auch bei einer ersten Zinserhöhung wäre die Geldpolitik der USA noch immer extrem expansiv gewesen. Jede geldpolitische Entscheidung enthält Risiken. Die Risiken einer zu frühen Zinserhöhung und negativer Effekte für Schwellenländer steht das größere Risiko für die Finanzstabilität gegenüber. Die US-Notenbank muss in den kommenden zwei Jahren die Zinsen nachhaltig anheben, um nicht den gleichen Fehler der 2000er-Jahre, in der eine Zinserhöhung zu lange herausgezögert wurde, zu wiederholen.

Die größte Gefahr für die Finanzmärkte ist nicht eine Zinserhöhung der US-Notenbank, sondern eine anhaltende Unsicherheit über den geldpolitischen Kurs der USA. Die Entscheidung der US-Notenbank diese Woche hat die Unsicherheit über den künftigen geldpolitischen Kurs nicht reduziert, sondern weiter erhöht."

LIANA BUCHHOLZ, HAUPTGESCHÄFTSFÜHRERIN BUNDESVERBAND ÖFFENTLICHER BANKEN (VÖB):

"Die amerikanische Notenbank verzögert die Zinserhöhung und spielt mit ihrer Glaubwürdigkeit. Obwohl die Fed eines ihrer erklärten Ziele, die Vollbeschäftigung, nahezu erreicht hat, traut sie es der US-Konjunktur noch nicht zu, eine erste Zinserhöhung zu verkraften. An den Märkten verlängert die Fed durch ihr Zögern die Unsicherheit über die lang erwartete Zinswende in den USA.

Von einer Zinserhöhung für Europa ist auch die Europäische Zentralbank (EZB) noch weit entfernt. Vor einem ersten Zinsschritt - frühestens im Jahr 2017 - muss zunächst das Anleihen-Kaufprogramm enden. Ob dies bereits, wie zunächst angedeutet, im Herbst 2016 der Fall ist, erscheint heute unwahrscheinlich. Die extreme Niedrigzinsphase in Europa wird uns somit noch länger begleiten."

BOB MICHELE, JPMORGAN ASSET MANAGEMENT:

"Ich bin alles andere als überrascht. Es hätte mich schockiert, wenn die Fed ihre Zinsen angehoben hätte. Denn der Markt wäre darauf alles andere als vorbereitet gewesen."

VOLKER TREIER, DIHK-AUSSENWIRTSCHAFTSCHEF:

"Wir wünschen uns Zeiten, in der auch Zinserhöhungen möglich sind. Eine US-Zinserhöhung zum jetzigen Zeitpunkt wäre aber gefährlich gewesen, weil wir vielen globalen Krisenherden ausgesetzt sind - von China bis Brasilien. Viele Schwellenländer befinden sich in einer Konjunkturkrise. Mit einer US-Zinserhöhung wäre der Kapitalabfluss aus diesen Schwellenländern noch größer als ohnehin schon.

Die robuste Konjunktur und der verbesserte Arbeitsmarkt in den USA legen nahe, dass die Zinswende nicht außer Reichweite ist. Nach wie vor ist der Preisdruck über Lohnerhöhungen aber recht gering, so dass Eile nicht geboten ist. Irgendwann wird und muss die Zeit des billigen Geldes auch enden."

OTMAR LANG, CHEFVOLKSWIRT TARGOBANK:

"Seit zwei Jahren prognostizieren Analysten weltweit den Beginn eines Zinsanhebungszyklus in den USA - und immer wieder wird dieser verschoben. Klar rechnen auch wir irgendwann mit einem Zinsschritt. Aber wir glauben nicht, dass damit auch tatsächlich langfristig eine Schubkraft für die Kapitalmärkte verbunden wäre. Denn eine Erhöhung würde ohnehin nur im minimalen Bereich erfolgen - das würde dann sicher auch für die weiteren Folgeschritte in den kommenden Monaten gelten.

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Eine andere Taktik kann sich die USA auch gar nicht erlauben. Sie ist im Prinzip gefangen in ihrer eigenen Zinsstarre - denn eine tatsächliche Wende in der Politik des billigen Geldes könnte die Erholung am US-Immobilienmarkt ins Wanken bringen. Außerdem würde bei steigenden US-Zinsen und gleichzeitig einem Null-Zins-Kurs in der restlichen Welt der US-Dollar sehr stark an Wert gewinnen. Zwei Konsequenzen wären dann naheliegend: Zum einen brächen die US-Exporte weg; zum anderen würden aus den Schwellenländern sehr hohe Geldbeträge abfließen und dort einen dramatischen konjunkturellen Einbruch herbeiführen. Und das könnte die gesamte Weltwirtschaft schwer in Mitleidenschaft ziehen. Wir sind der Überzeugung, dass die US-Notenbank nicht bereit ist, diese Risiken einzugehen."

ts/dpa/Reuters
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