Montag, 23. September 2019

Zinsentscheidungen der Notenbanken Was Fed und EZB wirklich vorhaben

Helikopter-Ben ist der Spitzname von Yanet Yellens Vorgänger Ben Bernanke. Seine Nachfolgerin kann dem Fluggerät auch Sympathie abgewinnen.

Die erste Reaktion auf den Entscheid der EZB das Gaspedal nur ein bisschen weiter durchzudrücken war Enttäuschung an den Finanzmärkten. Der DAX verliert, der Euro gewinnt.

Na und, kann man da aus dem Blickwinkel der Realwirtschaft nur sagen. Denn für die Realwirtschaft der Eurozone war der heutige Entscheid so wichtig, wie der sprichwörtliche Sack Reis, der irgendwo in China umfällt. Geld ist schon heute unschlagbar billig zu haben, doch wollen es die einen nicht haben, weil sie die wirtschaftlichen Aussichten zu schlecht einschätzen und können es die anderen nicht nehmen, weil sie schon zu viele Schulden haben. Denn die EZB kann nur sehr indirekt die Kreditvergabe in Europa beeinflussen. Ohne Banken, die Kredite geben wollen und können, und ohne potentielle Schuldner, die noch Verschuldungskapazität und -Bereitschaft haben, ist es nicht möglich die Kreditvergabe und damit die Realwirtschaft anzukurbeln.

Das liegt daran, dass die Probleme der Eurozone auch nach sechs Jahren Krise ungelöst sind. Da wären:

* Banken, die immer noch auf einem großen Berg fauler Schulden sitzen, immer noch zu wenig Eigenkapital haben und unter geringer Profitabilität leiden.

* Unternehmen, die gerade in den Krisenländern unter hohen Schulden leiden und angesichts der unsicheren Wirtschaftsaussichten nicht investieren wollen.

* Private Haushalte, die begonnen haben, die Schulden abzubauen, dennoch in den Krisenländern immer noch weiter Schulden abbauen müssen, während sie mit rückläufigen Löhnen - Stichwort interne Abwertung - und Arbeitslosigkeit leiden.

* Staaten, die zwar viel von Sparen reden, es aber nicht tun. Nirgendwo ist die Verschuldung relativ zum BIP rückläufig.

* Die Wettbewerbsfähigkeit der Krisenländer hat sich nur geringfügig verbessert. Lohnstückkosten und Innovationsfähigkeit sind immer noch nicht auf einem international wettbewerbsfähigen Niveau. Selbst der vermeintliche Musterschüler Spanien profitiert eher von einer anziehenden Konsumkonjunktur und anhaltend hohen Staatsdefiziten als von einer wirklichen Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit.

Daniel Stelter
Diese schwache Eurozone trifft auf eine Weltkonjunktur, die zumindest schwächelt. Ausgehend von China geht die wirtschaftliche Dynamik zurück. Die Rohstoffexporteure in Australien, Brasilien, Chile bis nach Südafrika bekommen das schon heftig zu spüren. Dies verstärkt den deflationären Druck in der Weltwirtschaft, was wiederum schlechte Nachrichten für die Schuldner sind. Deflation macht es noch unmöglicher, die Schulden zu bedienen.

Dabei haben wir es zugleich mit einer Trendwende zu tun. Seit Anfang des Jahrhunderts haben die Notenbanken der Welt nach einer Studie der Deutschen Bank 10 Billionen US-Dollar in die Märkte gepumpt. Neben den Notenbanken des Westens, allen voran die US-Fed, waren es die Schwellenländer und die ölexportierenden Länder, die ihre Überschüsse verlässlich an den Kapitalmärkten des Westens investiert haben.

Diese Geldströme könnten allmählich versiegen. China wird seine Wirtschaft stabilisieren, dazu aber Währungsreserven abbauen. Vom Gipfel, der im ersten Quartal 2014 bei Währungsreserven von 4 Billionen Dollar lag, sind bislang bereits 300 Mrd Dollar abgeschmolzen. Weitere 510 Milliarden Dollar, so schätzen die Analysten von Barclays, wird die People's Bank of China bis Jahresende auf den Markt bringen. Ölexporteure wie Saudi Arabien knabbern ihre Ersparnisse an, um die laufenden Ausgaben zu finanzieren. Schwellenländer wie die Türkei leiden unter hohen Auslandsschulden und einer beginnenden Kapitalflucht und Rohstoffexporteure durchlaufen eine schwere Rezession.

Die Deutsche Bank nennt die vor uns stehende Zeitenwende "Quantitative Tightening". Das wären schlechte Nachrichten für die Schuldner der Welt und für die Finanzmärkte, die mit dem Schmiermittel des billigen Geldes eine Party gefeiert haben, wie seit 1999 nicht mehr. Nur im Jahr 2000 waren US-Aktien teurer als heute in den letzten 100 Jahren. Das sollte zu denken geben.

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