Exportstopp durch Ukraine-Krieg So wichtig ist der russische und ukrainische Weizen für die Welt

Die Kornkammern Russland und Ukraine exportieren vorerst keinen Weizen mehr. Welche Länder dies besonders trifft, wo nun Hunger droht und wie Deutschland und Indien helfen können – ein Überblick.
Wichtige Nahrungsgrundlage: Russland und die Ukraine gehören zu den größten Weizen-Anbietern der Welt

Wichtige Nahrungsgrundlage: Russland und die Ukraine gehören zu den größten Weizen-Anbietern der Welt

Foto: Daniel Bockwoldt/ dpa

Russland hat die Weizenexporte bis Ende Juni gestoppt – ausgerechnet der größte Weizenexporteur der Welt. Ausnahmen soll es nur für die von Russland dominierte Eurasische Wirtschaftsunion geben, zu der Belarus, Kasachstan und Armenien gehören.

Die benachbarte Ukraine ist weltweit der fünftgrößte Exporteur und damit ein weiterer wichtiger Produzent. Doch die Weizenausfuhren über das Schwarze Meer sind durch den Krieg ausgebremst worden. Fallen Russland und die Ukraine langfristig als Weizeinexporteure aus, kann dies zu massiven Problemen der Nahrungsmittelherstellung führen. Welche Bedeutung hat der russische und ukrainische Weizen für die Welt? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Wie viel Weizen kommt aus Russland und der Ukraine?

Der Schwarzmeermarkt mit Weizen aus Russland und der Ukraine deckt nach Angaben des größten deutschen Agrarhändlers Baywa rund 30 Prozent der weltweiten Nachfrage ab. Der größte Anteil kommt aus Russland. Der größte Weizenexporteur der Welt baut auf 29 Millionen Hektar Weizen an. Zum Vergleich: Die gesamte Europäische Union hat dafür rund 24 Millionen Hektar Fläche zur Verfügung. In den vergangenen Jahren schwankte die russische Weizenernte zwischen 75 und 85 Millionen Tonnen. Davon wurde fast die Hälfte exportiert. Demnach stammt rund ein Fünftel aller Exporte von Weizen und Weizenprodukten aus Russland, wie die US-Bundesbehörde USDA Foreign Agricultural Service berechnet hat. Auf die Ukraine entfallen weitere 8,5 Prozent.

Welche Folgen drohen für Deutschland und die EU?

Weltweit steigen mit dem Ukraine-Krieg die Lebens- und Futtermittelpreise drastisch. Es droht ein Anstieg von bis zu 20 Prozent, sagt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen voraus.

In Deutschland wird ein Großteil des importierten Weizens als Futtermittel in der Viehzucht eingesetzt. Im Futtermittelsektor bestehe daher die Gefahr weiter steigender Preise, die dann auf die Lebensmittelpreise durchschlagen. Der Lebensmittelsektor selbst ist von dem Exportstopp Russlands jedoch nicht betroffen. Die EU und Deutschland haben nach Angaben des Bundesministers für Ernährung und Landwirtschaft, Cem Özdemir (56), einen Selbstversorgungsgrad von mehr als 100 Prozent – das heißt, sie produzieren mehr, als die eigene Lebensmittelindustrie benötigt. Vor allem Deutschland, Frankreich und Rumänien gehören innerhalb der EU zu den Weizen-Exporteuren.

Welche Länder sind von Weizen-Importen abhängig?

Besonders in ärmeren Ländern und in Krisenregionen in Afrika und Asien könnte jedoch die Lebensmittelknappheit verschärft werden. Denn mehr als die Hälfte der Nahrungsmittel, die das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) in Krisenregionen verteilt, kommt eigenen Angaben zufolge aus Russland und der Ukraine. Ein Ausfall der Getreidelieferanten würde nach Einschätzung der Uno vor allem die Lebensmittelversorgung vieler Menschen in Afrika gefährden. 45 afrikanische Länder importierten vor dem Krieg das Getreide mehrheitlich aus der Ukraine und aus Russland, darunter Ägypten und Tunesien. Ägypten ist mit mehr als 100 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt.

Doch nicht nur in afrikanischen Gebieten droht eine Verschärfung der Lebensmittelknappheit. Die Türkei kauft rund 65 Prozent ihres Weizens aus Russland. Eine Verschlechterung der Beziehungen könnte hier die Importe verteuern. Libanon droht bereits der Kollaps. 90 Prozent seiner Weizenimporte hat das Land bisher aus der Ukraine bezogen. Für viele weitere Länder wie Kamerun, Algerien, Libyen, Äthiopien, Kenia und Mosambik sehen Experten ebenfalls empfindliche Folgen in der Nahrungsmittelversorgung.

Die Situation in China bleibt erst einmal unklar. Das Land produziert zwar so viel Weizen wie kein anderes Land der Welt, hat aber auch den höchsten Bedarf und muss daher zusätzlich russisches Getreide importieren. China hat bereits die Einfuhrbeschränkungen für Weizen aus Russland aufgehoben. Wie die Pekinger Zollverwaltung mitteilte, soll künftig Weizen aus ganz Russland nach China eingeführt werden dürfen. Zuvor war dies nur aus sieben russischen Anbauregionen möglich, berichtete die Zeitung "Global Times". Offen ist, ob China von dem von Russland beschlossenen Exportstopp auf Dauer betroffen sein wird. Klar ist aber, dass die Weizenpreise auch in China bereits stark angestiegen sind. "Der Preis für inländischen Weizen steigt gerade wie verrückt", sagte ein chinesischer Händler gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Welche Rolle spielen die Spekulationen und Preissprünge an den Rohstoffmärkten?

Ein großes Problem für viele Länder in Afrika wie auch für China ist der stark steigende Preis. Allein die Aussicht, dass sich das Angebot an Exportweizen verknappen könnte, hat an der internationalen Rohstoffbörse in Chicago bereits zu kräftigen Preissprüngen geführt. Wenn Rohstoffhändler auf weiter steigende Preise wetten, hat dies einen sich selbst verstärkenden Effekt: Das bedeutet, der an den Rohstoffbörsen gehandelte Preis hat mit dem realen Angebot eines Rohstoffs nicht zwingend etwas zu tun. Selbst wenn das weltweite Angebot an Exportweizen nur um 10 Prozent zurückgeht, kann das dazu führen, dass der Preis um mehr als 20 Prozent steigt: Die Rohstoffpreise haben sich also von dem realen Angebot entkoppelt. Für ärmere Länder ist das tragisch: Die Menschen können sich Weizen auch dann nicht mehr leisten, wenn eigentlich noch genug vorhanden ist. Sie sind dann auf Hilfslieferungen der Internationalen Hilfsorganisationen angewiesen.

Wer springt ein, um eine Hungersnot zu vermeiden?

Die Folgen des Ausfalls von Russland und der Ukraine für den globalen Getreidehandel sowie die Versorgung sind weitreichend. Die anderen Weizen-Exporteure der Welt wie etwa die EU oder die USA können die Lücke möglicherweise verkleinern, aber nicht schließen. Die Furcht vor einem langfristigen Weizenmangel hat bereits Spekulationen entfacht und für den größten Preissprung seit 13 Jahren gesorgt: Aktuell liegt der Weizenpreis bei rund 362 Euro je Tonne. Zum Vergleich: Einen Tag vor dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine – dem 23. Februar 2022 – kostete eine Tonne Weizen noch rund 287 Euro.

Agrarexperten erwarten, dass die EU nun einen Großteil der ausfallenden russischen Exportnachfrage übernehmen muss. Rumänien, Frankreich und Deutschland sind unter den EU-Ländern die größten Getreideexporteure.

Doch auch ein weiterer Weizen-Produzent will die Exportquote erhöhen: So will Indien die Verwerfungen auf dem weltweiten Weizen-Markt zum Anlass nehmen, um den Export zu erhöhen und Marktanteile zu gewinnen. Trotz einer Überproduktion haben logistische Schwierigkeiten und Qualitätsprobleme bislang Indiens Versuche gebremst, größere Mengen Weizen auf dem Weltmarkt zu verkaufen.

Dies will die indische Regierung nun ändern. In den kommenden Wochen würden Maßnahmen eingeleitet, um das Land zu einem der wichtigsten Exporteure von Weizen höherer Qualität zu machen, sagten zwei Regierungsvertreter der Nachrichtenagentur Reuters. Unter anderem soll zusätzlicher Schienentransport bereitgestellt werden und in Häfen der Export von Weizen Vorrang erhalten. Während der Export noch überwiegend über zwei Häfen an Indiens Westküste laufe, sollen nun zusätzliche Verladestellen an der Ostküste aufgebaut werden. Zudem sollen mehr als 200 Labore im staatlichen Auftrag die Qualität des Exportweizens überwachen.

Indien exportierte im vergangenen Jahr 6,1 Millionen Tonnen Weizen, 1,1 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Insidern zufolge könnten die Maßnahmen dazu führen, dass die Ausfuhren Indiens bis auf 10 Millionen Tonnen pro Jahr steigen könnten.