Explodierende Weizenpreise "Im schlimmsten Fall bis zu 100 Millionen mehr Hungernde"

Der Ukraine-Krieg hat den Weizenpreis weit über 400 Dollar die Tonne getrieben. Die Preise werden hoch bleiben und schlimmstenfalls 100 Millionen mehr Menschen Hunger leiden in diesem Jahr, schätzt der Wissenschaftler Matin Qaim. Im Interview sagt der Agrarökonom, was Abhilfe schaffen könnte: weniger Fleisch, weniger Biosprit.
Das Interview führte Lutz Reiche
Bald unerschwinglich? Ägypten subventioniert für zwei Drittel der eigenen Bevölkerung das tägliche Brot. Das Land am Nil ist mit mehr als 8 Millionen Tonnen größter Importeur russischen Weizens. Russland will bis Ende Juni keinen Weizen mehr exportieren. Millionen Menschen in Ägypten fürchten nun deutlich höhere Preise.

Bald unerschwinglich? Ägypten subventioniert für zwei Drittel der eigenen Bevölkerung das tägliche Brot. Das Land am Nil ist mit mehr als 8 Millionen Tonnen größter Importeur russischen Weizens. Russland will bis Ende Juni keinen Weizen mehr exportieren. Millionen Menschen in Ägypten fürchten nun deutlich höhere Preise.

Foto: Ahmed Gomaa / dpa

Herr Professor Qaim, kürzlich sprachen Sie sich dafür aus, die Wege für Getreidetransporte aus Russland offen zu halten , um drohende Hungerkrisen in abhängigen Ländern zu verhindern. Nun will Russland als weltgrößter Weizenexporteur bis Ende Juni die Ausfuhren stoppen. Moskau liefert auch weiter Gas, wie ernst also ist diese Drohung zu nehmen?

Matin Qaim: Die Drohung ist sehr ernst zu nehmen. Wir sehen ja bereits, dass russische Kriegsschiffe mit Getreide beladene Handelsschiffe im Schwarzen Meer blockieren. Ich denke, die russische Regierung verfolgt damit vor allem zwei Ziele. Zum einen will sie dem Rest der Welt demonstrieren, wie groß die Abhängigkeit von Russland ist, um damit den Druck für Zugeständnisse bei Verhandlungen zu vergrößern. Zum anderen ist es für die russische Regierung wichtig, die Verbraucherpreise für Brot und andere Lebensmittel im eigenen Land niedrig zu halten. Die Exportbeschränkungen helfen dabei. Viele Menschen in Russland sind arm und auf günstige Lebensmittel angewiesen. Putin will mögliche Proteste und Unmut in der eigenen Bevölkerung wegen steigender Brotpreise auf jeden Fall verhindern.

Falls Russland beim Exportstopp bleibt: Welche Länder würden besonders darunter leiden?

Foto: Volker Lannert / Uni Bonn

Matin Qaim ist Professor für Agrarökonomie und Direktor am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn. Das ZEF berät Regierungen, nationale und internationale Organisationen und zählt zu den führenden Think Tanks im Bereich global nachhaltige Entwicklung. Qaim forscht und lehrt zu Fragen der weltweiten Ernährungssicherung und nachhaltigen landwirtschaftlichen Entwicklung. Qaim ist President-Elect der International Association of Agricultural Economists (IAAE) und Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Zunächst leiden vor allem diejenigen Länder, die normalerweise viel Getreide aus Russland und der Ukraine importieren. Das sind sehr viele Länder in Afrika und im Nahen und Mittleren Osten, also Länder, wo es ohnehin viele unterernährte Menschen gibt. Durch die fehlenden Mengen werden aber insgesamt auf den internationalen Getreidemärkten die Preise in die Höhe getrieben, sodass es auch für arme Menschen in nicht so sehr vom Import abhängigen Ländern schwerer wird, sich Lebensmittel in ausreichenden Mengen zu leisten. Hinzu kommen starke Preissteigerungen bei Pflanzenölen, denn die Ukraine und Russland exportieren normalerweise auch große Mengen an Sonnenblumenöl.

Lassen sich ausbleibende russische und ukrainische Lieferungen kompensieren? Wer ist dazu bereit, wer könnte das leisten?

"Man kann das, was in Russland und der Ukraine [...] produziert wird, nicht ohne Weiteres durch Mehrproduktion anderswo kompensieren"

Man kann das, was normalerweise in Russland und der Ukraine auf vielen Millionen Hektaren mit sehr guter Bodenqualität produziert wird, nicht ohne Weiteres durch Mehrproduktion anderswo kompensieren. Dazu sind ohne weitere Naturraumzerstörung nicht genug Flächen vorhanden. Außerdem fehlen auch Düngemittel, die sonst ebenfalls in großen Mengen aus Russland, der Ukraine und Belarus exportiert werden.

Aber man kann vorhandene Lagerhaltung abbauen. China und Indien haben große Getreidelager, die zumindest für einige Monate als Überbrückung helfen könnten. Zusätzlich bleibt zu hoffen, dass die Ernten in anderen Hauptanbauregionen dieses Jahr gut ausfallen. Beim fortschreitenden Klimawandel nimmt die Häufigkeit von Wetterextremen zu, was die Erntemengen deutlich beeinträchtigen kann.

Als Agrarökonom verfolgen Sie die Entwicklung der Weizenpreise. 466 Dollar kostete die Tonne vor gut zwei Wochen und schwankt jetzt um die Marke von 420 Dollar. Wann werden wir wieder Preise auf Niveau vor der russischen Invasion sehen?

"Im laufenden Jahr werden die Preise wegen der Knappheit und der großen Unsicherheit sicher auf sehr hohem Niveau bleiben"

Auch vor der russischen Invasion waren die Getreidepreise schon deutlich höher als in den vergangenen Jahren, jetzt sind sie auf einem historischen Höchststand. Im laufenden Jahr werden die Preise wegen der Knappheit und der großen Unsicherheit sicher auf sehr hohem Niveau bleiben. Ziel muss es sein, durch geeignete Schritte eine Preisexplosion zu verhindern, denn eine solche Explosion würde die ärmsten Menschen weltweit am stärksten treffen: der Hunger würde sich deutlich verschärfen. Wir müssten im schlimmsten Fall bis zu 100 Millionen mehr Hungernde befürchten.

Auf Rohstoffmärkten wird spekuliert. Getreidemärkte dürften davon nicht ausgenommen sein. Wie stark beeinflussen Ihrer Einschätzung nach Spekulanten derzeit die Getreidepreise?

Wir müssen unterscheiden zwischen den Getreidehändlern, die an den Warenterminbörsen tatsächliche Waren durch Zukunftskontrakte kaufen, und den Finanzinvestoren, die lediglich auf kurzfristige Preisentwicklungen wetten. Die Warenterminbörsen sind für das Funktionieren der Märkte wichtig. Natürlich spielen bei den Preisen für die gehandelten Kontrakte Erwartungen über die Angebots- und Nachfrageentwicklungen in den nächsten Monaten eine wichtige Rolle. Die Erwartung ist, dass die Mengen vor allem im Sommer und Herbst knapp sein werden. Das spiegelt sich zum Teil schon jetzt in den Preisen wider. Die kurzfristige Finanzspekulation scheint bisher keine wesentliche Rolle für die aktuellen Preisentwicklungen zu spielen.

"Ein großer Hebel wäre, die Tierbestände zu verringern und einfach weniger Fleisch zu essen"

Dennoch werden wieder Forderungen laut , Staaten sollten den Börsenhandel mit Weizen als Basis-Rohstoff in der weltweiten Lebensmittelversorgung beschränken, um Preistreiberei einzuschränken. Ist das realistisch?

Wie gesagt, der Handel an den Warenterminbörsen ist für das Funktionieren der Märkte insgesamt wichtig. Diesen Handel grundsätzlich zu beschränken wäre falsch und hätte negative Auswirkungen. Sollte sich abzeichnen, dass kurzfristige Finanzspekulation an den Warenterminbörsen zunimmt und die Preisausschläge weiter verstärkt, sollte diese kurzfristige Spekulation reguliert werden, ohne dabei aber die eigentlichen Funktionen der Warenterminbörsen einzuschränken.

Nur ein Fünftel des in Europa gewonnenen Getreides wird zu Lebensmitteln wie Mehl, Brot und Nudeln verarbeitet. Mehr als die Hälfte des Getreides landet im Futtermitteltrog. Lässt sich der Weizenanteil in den Futtermitteln ersetzen, wie manche behaupten und damit der Preis stabilisieren?

Kurzfristig kann man das Getreide im Futter nur sehr eingeschränkt ersetzen. Man kann zwar mehr Gras und Reststoffe verfüttern, diese enthalten aber weniger Energie und Nährstoffe, sodass schnell Zielkonflikte im Hinblick auf Tiergesundheit auftreten können. Ein großer Hebel wäre natürlich, die Tierbestände zu verringern und einfach weniger Fleisch zu essen. Das ist für uns in Europa ein wichtiger Schritt in Richtung mehr Nachhaltigkeit, weil die Tierproduktion ja nicht nur viel Getreide verbraucht, sondern auch ein erheblicher Treiber des Klimawandels ist. Aktuell haben wir aber nun einmal hohe Tierbestände, die auch irgendwie gefüttert werden müssen. Insofern kann uns das kurzfristig nur sehr eingeschränkt aus der Krise helfen.

Sie monieren eine "unmittelbare Konkurrenz von Tank und Teller" und empfehlen kein Getreide für die Produktion von Biokraftstoffen einzusetzen. Der Bauernverband weist derlei Forderungen auch von Umweltverbänden zurück. Bei einer Getreideernte von 45 Millionen Tonnen würden lediglich 900.000 Tonnen für Biosprit verwendet. Teilen Sie das Argument?

Das mag für Bioethanol aus Getreide in Deutschland stimmen. Zusätzlich wird aber ein Drittel der Mais-Anbaufläche in Deutschland zur Biogasgewinnung verwendet. Hinzu kommen erhebliche Mengen an Pflanzenölen, die zu Biodiesel verarbeitet werden. In Europa insgesamt werden über 12 Millionen Tonnen Getreide und über 4 Millionen Tonnen Pflanzenöle für den Bereich Bioenergie verwendet, und wenn wir noch andere Regionen wie die USA hinzurechnen kommt man auf noch ganz andere Dimensionen. Insgesamt sind das sehr große Mengen, die man zusätzlich als Nahrungsmittel hätte, wenn man die Bioenergiemengen reduzieren würde. Das ließe sich politisch auch kurzfristig umsetzen.

Zugunsten größerer Erträge sprechen Sie sich für mehr Gentechnik in der Landwirtschaft und gegen den Ausbau des Ökolandbaus aus, der geringere Erträge bringt. Mag sein, dass die Märkte dann gegenüber exogenen Schocks wie jetzt weniger anfällig sind. Mit Blick auf Biodiversität, Klimaschutz, Boden- und Wasserqualität steuern wir damit aber in die falsche Richtung, oder?

"Die Vorstellung, dass der Ökolandbau gut für den Klimaschutz sei, ist empirisch widerlegt"

Die Vorstellung, dass der Ökolandbau gut für den Klimaschutz sei, ist empirisch widerlegt. Pro Hektar mögen Sie zwar im Ökolandbau geringere Treibhausgasemissionen haben, aber Sie haben eben auch niedrigere Erträge, sodass Sie für die Produktion der gleichen Menge mehr Fläche benötigen. Gerade die weitere Flächenausdehnung in Naturräume ist aber eine der größten Quellen an Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft. Flächen für die Landwirtschaft sind weltweit knapp und konkurrieren mit Wäldern und anderen Naturräumen, die wichtig für den Klima- und Artenschutz sind.

Deswegen müssen wir intelligente neue Technologien vorantreiben, die hohe Erträge mit einem geringeren Klima- und Umweltfußabdruck ermöglichen. Die Gentechnik und die neuen Verfahren der Gen-Editierung können dabei einen wichtigen Beitrag leisten. Sie sind nachweislich genauso sicher wie herkömmliche Züchtungsverfahren.

rei