Samstag, 25. Januar 2020

Experten warnen: Nahost-Konflikt könnte Belastungsprobe werden "Deutschland ist gut beraten, sich wetterfest zu machen"

Containerschiff auf Kurs nach Hamburg
Morris MacMatzen/ Getty Images
Containerschiff auf Kurs nach Hamburg

Die deutsche Wirtschaft steht bei einer weiteren gefährlichen Eskalation des Konflikts im Nahen Osten aus Sicht führender Ökonomen vor einer zusätzlichen Belastungsprobe. Hintergrund sei vor allem die hohe Exportabhängigkeit deutscher Unternehmen, wie die Präsidenten des Berliner DIW und des Kieler IfW, Marcel Fratzscher und Gabriel Felbermayr, deutlich machten.

"In diesen Zeiten enormer Unsicherheiten wäre ein Nahostkonflikt das Letzte, das die Wirtschaft verkraften kann", sagte Fratzscher, Präsident des Deutsches Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), der Deutschen Presse-Agentur. Aus Sicht von IfW-Chef Felbermayr verstärken solche Krisen die politische Unsicherheit und sind damit ein weiterer Faktor, der die Weltwirtschaft belastet. Deutschland sei angesichts zunehmender geopolitischer Risiken "gut beraten, sich wetterfest zu machen, indem es die Kräfte für wirtschaftliche Dynamik stärkt", sagte der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) der dpa.

Die Spannungen zwischen den USA und dem Iran sowie die gefährliche Eskalation in der Golfregion insgesamt hatten zuletzt an den Finanz- und Rohstoffmärkten weltweit für Unruhe gesorgt. Die USA hatten bei einem Luftangriff im Irak den hochrangigen iranischen Kommandeur Ghassem Soleimani getötet. Iran drohte mit Vergeltung, Israel befindet sich in erhöhter Alarmbereitschaft. Börsen rutschten am Freitag weltweit ins Minus, zugleich stieg der Ölpreis.

In Zeiten der Handelskonflikte und des Brexits könnte eine kriegerische Auseinandersetzung die Weltwirtschaft und vor allem den Welthandel weiter deutlich schwächen, sagte Fratzscher weiter. "Vor allem die hohe Abhängigkeit von den Exporten macht die deutsche Wirtschaft sehr verletzlich für einen solchen Konflikt." Auch durch höhere Öl- und Energiepreise würden deutsche Konsumenten einen solchen Konflikt direkt zu spüren bekommen.

Felbermayr betonte, auf Basis der bisherigen Ereignisse seien zunächst keine unmittelbaren und dauerhaften wirtschaftlichen Auswirkungen zu erwarten. "Sollte ein ausufernder Konflikt den Nahen Osten insgesamt destabilisieren, sähe die Lage anders aus, weil dann auch die Energiequellen dort betroffen sein könnten und ein Großkonflikt die weltwirtschaftliche Dynamik belastet."

Für Deutschland sind die unmittelbaren wirtschaftlichen Bedrohungen nach Ansicht des IfW-Ökonomen überschaubar. Die Abhängigkeit der deutschen Volkswirtschaft vom Ölpreis sei seit den 1970er Jahren stark gesunken. Wegen der Energiewende spiele Öl zum Beispiel in der Stromversorgung keine Rolle mehr. Auch als Industrierohstoff sei Öl vielerorts durch andere Stoffe ersetzt worden: "Die steigende weltwirtschaftliche Unsicherheit - auch ausgelöst durch andere Faktoren - wirkt aber als Dämpfer für die Konjunktur in Deutschland."

Mehr Sorgen muss man sich nach Darstellung des IfW-Präsidenten um Länder machen, die stark von Ölimporten abhängig seien und zugleich Leistungsbilanzdefizite hätten, etwa Südafrika und Indien. Dort sei ein länger anhaltender Ölpreisanstieg eine erhebliche Belastung. "Und die strahlt dann auch auf Deutschland aus, weil die Nachfrage nach deutschen Produkten aus diesen Ländern sinkt." Komme dann noch ein steigender Dollarkurs hinzu, "wirkt die Kombination aus steigendem Ölpreis und starkem Dollar wie ein konjunktureller Zangenangriff".

dpa/mh

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