Kommunikative Glanzleistung im Streit mit Deutschland Erdogan gewinnt immer

Von Tom Buschardt
Von Tom Buschardt
Agitiert gegen Deutschland: Recep Tayyip Erdogan

Agitiert gegen Deutschland: Recep Tayyip Erdogan

Foto: MURAT CETIN MUHURDAR/ AFP
Tom Buschardt

Tom Buschardt ist seit Ende der 1990er Jahre Medientrainer. Er coacht Vorstände und Politiker für den optimalen Auftritt vor Mikrofon, Kamera und Publikum. Seit 2004 ist er auch Dozent an der Akademie des Auswärtigen Amtes (Interviewtraining). Er arbeitete für zahlreiche Sender der ARD sowie RTL Aktuell und ist Experte für Krisenkommunikation. www.buschardt.de 

Kommunikativ betrachtet machen der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine von ihm auf Deutschland-Tournee geschickten Minister vieles richtig: Sie setzen effektive Schlagzeilen und senden klare Botschaften an die eigenen Anhänger - denn um die geht es. Mögen wir Deutschen uns noch so sehr darüber aufregen, wie ein - nach unserem Wertesystem - undemokratischer Staat unsere Demokratie für undemokratische Ziele verwenden möchte. Darum geht es doch gar nicht.

Besonders von Vorteil: In der Hitze der News und des minütlichen Redaktionsschlusses beim Online-Update versäumen es die Nachrichtenmedien, den Zitaten gekränkter türkischer Minister etwas Relativierendes entgegen zu setzen. Nehmen wir den Begriff von der "Skandalentscheidung", wie ein Sprecher Erdogans die Absage einer Veranstaltung von Justizminister Bekir Bozdag in Gaggenau nannte. Deutsche Medien griffen dies in ihren Schlagzeilen dankbar auf.

Die Instrumentalisierung der Medien

Dabei ist der "Skandal" nur die mediale Betrachtung eines als Missstand empfundenen Vorgangs, der an sich wertfrei bleibt. Ob ein Ereignis als "Skandal" betrachtet wird, ist demnach Interpretationssache. Das lehrt uns nicht nur Hans Mathias Kepplinger mit seinem Standardwerk "Die Mechanismen der Skandalisierung", sondern auch der gesunde Menschenverstand, wenn wir für einen Moment innehalten.

Dies nicht relativierend zu verbreiten, ist fahrlässig. So überlassen wir die Wertung eines innenpolitischen Vorgangs in Deutschland der türkischen Regierung. Erdogan-Sprecher Ibrahim Kalin verbreitet: "Mit solchen Entscheidungen kommt das wahre Gesicht derjenigen offen zum Vorschein, die bei jeder Gelegenheit versuchen, der Türkei Lektionen in Demokratie und Meinungsfreiheit zu erteilen."


Das muss ja nicht wirklich negativ sein - auch wenn Kalin es ganz klar als Kritik adressiert. Erteilen wir im "Westen" nicht generell undemokratischen Regierungen gerne Lektionen und Belehrungen? Belohnen wir nicht auf Regierungsebene bei deutlich ärmeren Ländern demokratisches Wohlverhalten mit dem Erlass von Staatsschulden oder der Platzierung von Wirtschafts- und Entwicklungshilfe? Diese Mechanik funktioniert mit der Türkei nun mal nicht.

Späte Betroffenheit

Viel mehr Kritik sollte in Deutschland die Tatsache erfahren, dass uns die ganzen in der Türkei inhaftierten Journalisten erst dann wirklich in einer breiten Öffentlichkeit interessieren, wenn es jemanden "von uns" erwischt. Traurig - aber nun sprechen wir wenigstens darüber. Die Hilfsorganisation Reporter ohne Grenzen bemüht sich schon seit Jahrzehnten um die Freilassung inhaftierter Journalisten auf der ganzen Welt - findet aber in der breiten Öffentlichkeit nur selten Gehör. Natürlich ist es bedauerlich, dass der türkische Justizminister nun ein Gespräch mit seinem deutschen Amtskollegen Heiko Maas hat platzen lassen, indem auch über die mögliche Freilassung des "Welt"-Korrespondenten Denis Yücel gesprochen werden sollte, aber es geht hier um mehr. Yücel und seine Familie mögen mir diese Haltung bitte nachsehen. 150 Journalisten sind derzeit laut Reporter ohne Grenzen in der Türkei inhaftiert. Und wie viele türkische Journalisten sitzen derzeit wegen ihrer Berichterstattung in Deutschland in Untersuchungshaft? Eben.

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Wenigstens wollen die beiden Außenminister miteinander reden und keine Auseinandersetzung über die Medien führen. Gut so. Da kann man auch den Fall Yücel thematisieren - auf einer weniger festgefahrenen juristischen Ebene, als es die Justizminister tun würden. Außenminister haben mehr Spielrauf für sogenannte "weiche Faktoren".

Beide Seiten versuchen derzeit, die Gegenseite mit den eigenen Waffen zu schlagen: Die eine Seite (der auch ich angehöre) argumentiert: "Wer undemokratische Ziele verfolgt, soll in einer Demokratie nicht für diese werben dürfen." Und die andere Seite entgegnet: "Wer von sich behauptet, eine Demokratie zu sein mit offener Meinungsfreiheit, der widerspricht sich, wenn er uns das Reden verbietet." Und wenn wir ehrlich sind, ist der Vorwurf berechtigt: Denn auch bei uns im Lande kommen Parteien und Strömungen zu Wort, die nicht unbedingt über demokratische Kernkompetenzen verfügen. Beide Seiten haben Recht. Sie sind nur unterschiedlicher Meinung.

In dieses Bild passt auch die - aus deutscher Sicht absolut unpassende - Aussage Erdogans, der den Deutschen "Nazi-Praktiken" unterstellt. Damit trifft er uns an unserem wundesten Punkt, der maximale emotionale Fehlfunktionen bei uns auslöst. Seine Anhänger dürfte dies nicht wirklich stören. Im Gegenteil.

Professionelles Gepolter

Das Gepolter auf türkischer Seite ist ausgesprochen professionell organisiert. Das Kommunikationsziel ist weder die deutsche Öffentlichkeit, noch sind es die deutschen Medien oder die Bundesregierung. Es sind die eigenen Landsleute - ob mit oder ohne deutschem Pass. Und bei denen kommt die Botschaft an: Die Deutschen belehren uns stets über Demokratie - und sind selbst undemokratisch zu uns.

Das funktioniert gerade deshalb, weil kaum jemand die Details zur Kenntnis nimmt, etwa, dass Veranstaltungen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen angemeldet wurden. Nun mag ein türkischer Justizminister viel Theater veranstalten bei seiner Rede - ein "Theaterstück" ist es objektiv nicht, was dort zur Aufführung kommt. Und am Ende argumentiert die Kommune, die Parkplätze würden nicht ausreichen.

Verräterisch ist auch das Zitat von Außenminister Siegmar Gabriel: "Es wäre uns gar nicht rechtlich möglich, eine solche Entscheidung als Bundesregierung zu treffen." Warum muss er das so deutlich betonen? Ist das die vorgezogene öffentliche Absicherung, weil man vielleicht informell ein wenig die eigene Wunschhaltung hat durchblicken lassen? Darüber hinaus betont die Bundesregierung verdächtig oft die Tatsache, dass die Kompetenz für die Organisation örtlicher Veranstaltungen bei den Kommunen liege. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu bringt mit seiner Aussage: "Wenn sie [die deutsche Regierung, Anm.] mit uns arbeiten wollen, müssen sie lernen, wie sie sich uns gegenüber zu benehmen haben" einen PR-Klassiker: Seine Anhänger werden ihm Recht geben und ein Teil der Deutschen auch. Punkt für die Türkei. Ferner definiert er hier den Hoch-/Tief-Status zu seinen Gunsten: Denn nur derjenige, der den anderen zu besserem Benehmen mahnt, begibt sich in diesem Augenblick medial in den "Hochstatus".

Kommunikative Sackgasse

In dieser Auseinandersetzung um demokratische Werte und Redefreiheit in Deutschland kann es - aus kommunikativer Sicht - diesmal nur einen Gewinner geben: Recep Tayyip Erdogan. Lässt man die türkischen Minister in Deutschland sprechen, bereiten wir Ihnen das Forum, für undemokratische Strukturen zu werben. Verwehren wir ihnen diese Möglichkeit, haben Erdogan und die türkische Regierung den Beweis in Händen, dass wir selbst auch nicht besser sind. Warum sich dann noch von uns Deutschen in Sachen Demokratie und Meinungsfreiheit belehren lassen?

Die Rechnung geht für die türkische Regierung auf jeden Fall auf. Sie kann vom Homeoffice aus arbeiten und spart sich die Reisekosten. Es fehlt der rauschende Applaus der Massen - aber berauschend ist das Ergebnis für sie allemal.

Und wir Deutschen? Manchmal verliert man - und manchmal gewinnen die anderen.


Tom Buschardt ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.