Rallye im Emissionshandel Wie der CO2-Preis der Klimapolitik enteilt

50 Euro für eine Tonne CO2? Der europäische Emissionshandel ist mit rasant steigenden Börsenpreisen schon da, wo die Politik erst in ein paar Jahren hin will. Die Industrie ächzt, doch dem Klimaschutz hilft das kaum.
In the money: Blick auf Kohlekraftwerk und Windräder in Gelsenkirchen

In the money: Blick auf Kohlekraftwerk und Windräder in Gelsenkirchen

Foto: Jonas Güttler / dpa

Ginge es nach den Grünen, müssten deutsche Autofahrer oder Mieterinnen bald doppelt so viel für ihren Ausstoß an CO2 bezahlen. Ginge es nach der schwarz-roten Bundesregierung, auch - nur nicht ganz so bald. Die im Januar eingeführte Abgabe auf Brennstoffe wie Benzin, Diesel und Heizöl, derzeit 25 Euro je Tonne CO2, steigt planmäßig bis zur Mitte des Jahrzehnts auf 55 Euro. Das Wahlprogramm der Grünen fordert einen Anstieg auf 60 Euro schon in zwei Jahren.

Die Börse, an der für weite Teile der Wirtschaft bereits ein CO2-Preis ausgehandelt wird, ist schon längst in diese Sphäre vorgestoßen. Im europäischen Emissionshandel kostet ein Zertifikat für eine Tonne des klimaschädlichen Gases seit Mai mehr als 50 Euro - doppelt so viel ein Jahr zuvor. Vor der Corona-Krise, die zunächst sogar für einen neuen Einbruch der Preise gesorgt hatte, war ein CO2-Zertifikat nie teurer als 30 Euro gewesen, jahrelang hielt sich der Börsenpreis gar im einstelligen Bereich. Hinter der neuen Rallye sieht Ingvild Sorhus , Analystin des Finanzdatendienstes Refinitiv, neben den ambitionierteren Klimazielen der EU vor allem Finanzinvestoren am Werk, die auf weiter steigende Preise spekulieren.

Der Markt für die Verschmutzungsrechte, lange als wirkungslos oder sogar kontraproduktiv für den Klimaschutz verschmäht, ist plötzlich ein relevanter Kostenfaktor für die angeschlossenen Branchen: vor allem die Energie-, Stahl- und Zementindustrie.

"Exzellent", begrüßt  Fatih Birol (63), der Präsident der Internationalen Energieagentur, das Marktsignal gegenüber der "Financial Times". Wenn der Ausstoß klimaschädlicher Gase teurer werde, gebe das einen Anreiz, in klimaschützende Technik zu investieren - so, wie der 2005 gestartete Emissionshandel einmal gedacht war. Während die Briten, die vor Jahren mit einem nationalen Mindestpreis den Kohleausstieg beschleunigten, für ihre bald startende Brexit-Kopie des EU-Systems einen Preisdeckel einführen, erteilt EU-Klimakommissar Frans Timmermans (60) derartigen Eingriffen eine klare Absage : "Es ist ein Markt, also wie könnte ich sagen, welcher Preis zu hoch oder zu niedrig ist?" Um anzufügen, zum Erreichen der europäischen Klimaziele müsste der Preis noch viel höher steigen.

Stahlindustrie fleht um CO2-Zoll

So sehen das auch viele Unternehmen, die auf Alternativen zur fossilen Technik setzen. Volkswagen-Chef Herbert Diess (62) etwa wirbt  für einen branchenübergreifenden Mindestpreis von 100 Euro bis 2026, um den Wandel von Benzin- zu Elektroautos zu befördern. Damit sich Investitionen in grünen Wasserstoff oder die Speicherung von CO2 lohnen, rechnen Analysten mit deutlich dreistelligen Preisen.

Nur: Dieselben Firmen, die für eine grüne Zukunft in Wasserstofftechnik investieren müssten, werden durch die steigenden Preise im Emissionshandel finanziell geschwächt. Vor allem die Stahlindustrie schlägt Alarm. Sie bekommt zwar nach wie vor den Großteil der für ihre Produktion nötigen Zertifikate kostenlos zugeteilt. Von einer Zertifikateschwemme wie in den 2010er Jahren, als die Branche aus überschüssigen CO2-Rechten sogar Profit schlagen konnte, ist aber nichts mehr zu spüren.

Rund 100 Euro müsse für jede Tonne in Europa produzierten Stahls durch den Zukauf von Emissionsrechten aufgeschlagen werden, kalkuliert die Branche . Das mache ein Zehntel des Verkaufspreises aus. Stahl made in Europe erleide einen massiven Wettbewerbsnachteil, warnt der Marktführer Arcelormittal. Die Produktion wandere in andere Länder ab, wo es diese Kosten nicht gibt. Im Ergebnis würden die hier gebauten Windräder, Elektroautos und Energiesparhäuser aus Stahl mit deutlich schlechterer Klimabilanz gefertigt - das viel befürchtete "Carbon Leakage".

Die Stahlbranche fordert dringend einen CO2-Zoll, um importierten Stahl so zu verteuern, als müssten die türkischen, russischen oder asiatischen Hersteller am europäischen Emissionshandel teilnehmen. Die EU spielt seit Langem ernsthaft mit dem Gedanken, auch in den USA kursiert diese Idee. Doch das Thema ist handelspolitisch äußerst heikel und so könnten noch Jahre bis zu konkreten Schritten vergehen. Dann wäre im schlimmsten Fall keine Industrie mehr da, die den grünen Wandel anstoßen könnte. "Es ist ein schmaler Grat, Investitionen anzuregen oder sie abzuwürgen", erklärt auch der Petrochemiekonzern Ineos, der führend im Geschäft mit grünem Wasserstoff werden will.

Von Kohle zu Gas - und zurück

"Den leichten Teil haben wir hinter uns", meint Berenberg-Analyst Lawson Steele, und zwar "den Wechsel von Kohle zu Gas im Stromsektor". Doch selbst das erscheint zweifelhaft. Theoretisch bedeutet ein höherer CO2-Preis, dass vergleichsweise klimafreundliche Gaskraftwerke in der so genannten Merit Order gegenüber Kohlekraftwerken vorrücken. Auf diese Weise könnte der Markt den Kohleausstieg beschleunigen, weil die schmutzigeren Meiler schlicht nicht mehr wettbewerbsfähig sind. In mehreren Ländern ist der Ausstoß von Klimagasen wegen dieses Effekts schon drastisch gesunken.

Aktuell jedoch beobachtet Unicredit-Analyst Trevor Sikorski einen "Reverse Switch" - von Gas zurück zur Kohle, besonders ausgeprägt in Deutschland: Allein deutsche Kohlekraftwerke bliesen in den ersten vier Monaten 2021 zehn Millionen Tonnen CO2 mehr aus als ein Jahr zuvor in die Atmosphäre. Der Industrieboom treibt die Stromnachfrage, besonders im Vergleich zum Corona-Kollaps von März 2020, auch Gaskraftwerke liefen deshalb länger. Doch im Preiswettbewerb könnten bald nur noch solche bestehen, die einen 10 Prozent höheren Wirkungsgrad als die kohlebetriebene Konkurrenz aufweisen.

Haupttreiber sei ein gestiegener Gaspreis, eine Folge des kälteren Winters und geringerer Lieferungen aus Russland. "Es ist nicht der CO2-Markt, der die Emissionsreduktionen liefert, sondern der Gasmarkt." Der in diesem Fall eben nicht liefert. Das Füllen der geleerten Gasspeicher dürfte laut Sikorski noch im weiteren Jahresverlauf zu mehr Kohlestrom führen.

Das wiederum erhöht die Nachfrage nach CO2-Zertifikaten. Ob der Markt so dem Klimaschutz auf die Sprünge hilft, bleibt fraglich.

ak
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