Drohungen, Spektakel - und niemand regiert Die Welt als Kampfbahn - Trumps neue Weltordnung

Wer regiert eigentlich die Welt? Momentan niemand. US-Präsident Donald Trump macht vor, wie internationale Politik heute funktioniert: durch tägliches Spektakel. Leider wird die Lage dadurch immer gefährlicher.
Karneval in Viareggio: Trump macht die Welt zu einer globalen Arena

Karneval in Viareggio: Trump macht die Welt zu einer globalen Arena

Foto: Alessandro Zunino/ Getty Images

Es waren harte Worte, sie klangen seltsam gestrig, und sie vermittelten einen Eindruck vom außenpolitischen Denken Donald Trumps. "Die Welt ist keine ,globale Gemeinschaft', sondern eine Arena", in der harte Konkurrenz herrsche. Nationen, Unternehmen und andere Nicht-Regierungs-Akteure stünden dort im Wettbewerb, um Vorteile zu erringen. Dies sei die "elementare Natur der internationalen Beziehungen, und wir befürworten das".

Die Welt als Arena - das ist ein eigentümliches Bild.

Geprägt haben es Trumps Sicherheitsberater H.R. McMaster und Wirtschaftsberater Gary Cohen in einem Artikel für das Wall Street Journal, der vor ziemlich genau einem Jahr erschien. Es war der Sound des 19. Jahrhunderts: das Ringen der großen Mächte um Vormacht, das Überleben des Stärkeren. Allianzen würde man allenfalls eingehen, um "Sicherheit und Wohlstand für unsere Nation zu gewährleisten", wie McMaster und Cohen formulierten. Beide sind übrigens inzwischen zurückgetreten und durch Leute ersetzt worden, deren Weltbild noch harscher zu sein scheint.

Eine große Frage bleibt dabei unbeantwortet: Wer regiert eigentlich die Welt?

Sie drängt sich in der beginnenden Woche wieder einmal auf: Montag treffen sich die Außenminister der 20 wichtigsten Volkswirtschaften, um den G20-Gipfel im November vorzubereiten. Dienstag trifft sich Südkoreas Präsident Moon Jae mit Trump, um über die Gespräche mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un zu reden. Donnerstag richtet Russlands Präsident Wladimir Putin sein "Internationales Wirtschaftsforum" in St. Petersburg aus, zu dem unter anderen der französische Staatspräsident Emmanuel Macron erwartet wird.

Bei diesen Treffen geht es um Krieg und Frieden, um Syrien, Iran, Israel, um den potenziellen Einsatz von Atomwaffen, den drohenden Handelskrieg, das Weltklima und vieles mehr - um globale Bedrohungen. Herauskommen wird dabei wohl nicht viel.

Die Welt als Kampfbahn

Wer die Welt als "Arena" betrachtet, tut sich schwer, Bedrohungen für die gemeinsame Sicherheit abzuwenden. Dazu braucht es Institutionen, verbindliche Regeln, internationales Recht, Interessenausgleich. Dies ist eine zentrale Lehre aus der Geschichte: Internationale öffentliche Güter lassen sich nur durch dauerhafte internationale Zusammenarbeit schaffen. Wenn jeder nur versucht, für sich selbst das meiste herauszuholen, wird die Welt ein unsicherer Ort.

Das "Arena"-Denken des 19. Jahrhunderts führte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den Weltkriegen und zum Zusammenbruch der weltwirtschaftlichen Integration.

Als Reaktion auf dieses Desaster entstand nach 1945 eine internationale Ordnung, getragen von starken internationalen Institutionen: UNO, Weltbank, Währungsfonds, das Welthandelsabkommen Gatt und sein Nachfolger WTO, um nur die wichtigsten zu nennen. Im Laufe der Jahrzehnte traten immer mehr Länder bei. Maßgeblich gestützt wurden diese Institutionen von den USA - nicht unbedingt aus Altruismus, sondern aus langfristigem Eigeninteresse.

Jetzt ist diese Ordnung in Auflösung begriffen. Schuld daran ist nicht allein Donald Trump, aber seine Administration beschleunigt den Verfall.

Der Globalisierungskomplex: viele Themen, viele Staaten

Wenn die USA aus internationalen Abkommen (wie dem Pariser Klimavertrag) aussteigen oder sie brechen (wie den Anti-Nuklear-Deal mit dem Iran), wenn sie langjährige Verbündete mit Sanktionen überziehen (wie die Europäer, deren Unternehmen sie drohen, sie bei fortgesetzten Geschäften mit dem Iran aus dem internationalen Zahlungssystem Swift auszusperren), wenn sie internationale Institutionen schleifen (wie die WTO, wo sie Richterplätze unbesetzt lassen), dann unterminieren sie aktiv die maßgeblich von ihnen selbst geschaffene Ordnung.

Es stimmt schon: Weltpolitik ist ein enorm schwieriges Geschäft geworden. Anders als nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es keine Supermächte mehr, die ihre jeweiligen Einflusssphären, im Zweifel mit Gewalt, stabilisieren konnten. Heute ist Macht auf dem Globus viel weniger konzentriert als damals; große Staaten wie China sind zu schlagkräftigen Akteuren aufgestiegen.

Selbst wenn sie wollten, die USA allein können gar nicht mehr als globale Ordnungsmacht auftreten. Zumal die Themen enorm vielfältig und kompliziert geworden sind - von Cybersicherheit bis zu Klimawandel und Migrationsbewegungen -, wie sich auch im G20-Prozess mit all seinen Staaten, Interessen und Themen zeigt.

Was also tun? Hier sind zwei Antworten:

Weltregierung? Es gibt nicht mal eine europäische Regierung.

Erstens, die wichtigsten Staaten der Erde sollten gemeinsam internationale Regelwerke und Institutionen etablieren. Sie sollten die Nachkriegsordnung weiterentwickeln und sie für die heutigen Bedürfnisse anpassen. Wenigstens auf den wichtigsten Politikfeldern würden sie somit als "globale Gemeinschaft" (siehe McMaster und Cohen) agieren.

Zweitens, eine solche internationale Ordnung fürs posthegemoniale Zeitalter müsste mindestens die Unterstützung der USA, Chinas, Indiens, Russlands und der EU haben. Fünf Großstaaten, die knapp die Hälfte der Weltbevölkerung sowie den überwiegenden Teil der globalen Wirtschaftsleistung, des Handels, der Treibhausgase und der Streitkräfte ausmachen. Gemeinsam könnten sie eine Menge bewegen.

In der Realität jedoch schafft es nicht mal der Westen - oder was davon noch übrig ist -, gemeinsam zu handeln. Die Europäer können sich weder selbst verteidigen noch ihren Wirtschafts- und Währungsraum aus eigener Kraft stabilisieren. (Wir haben an dieser Stelle vorige Woche darüber diskutiert.)

Dass Donald Trump agiert, wie er das tut, liegt auch an der Unfähigkeit der Europäer, sich zusammenzuraufen. Nutznießer sind China und Russland, die das Vakuum füllen.

Das Problem: Seriöse Politik ist langweilig

Man muss es klar sagen: So wie Politik heute funktioniert, ist Internationalisierung - oder auch Europäisierung - völlig unattraktiv. Wenn nicht gerade ein glamouröser Gipfel stattfindet, ist internationale Politik ein nüchternes Geschäft für Spezialisten, die in endlosen Sitzungen Kompromisse aushandeln. Nur auf diese Weise lassen sich internationale Institutionen stabilisieren: durch Vertrauen, Verlässlichkeit, Berechenbarkeit. Mit anderen Worten: durch maximale Langeweile.

Das ist ein Dilemma. In einer Ära, in der sich politischer Erfolg in öffentlicher Aufmerksamkeit bemisst, lässt sich mit seriöser internationaler Politik kein Blumentopf gewinnen. Medien sind national. Sie reagieren auf Action.

Und Trump schafft es, Weltpolitik als Dauer-Spektakel zu inszenieren: jede Woche ein neuer Konflikt, eine Deadline, eine überraschende Wendung. Und es funktioniert: Wir alle schauen hin. Wir wundern, ärgern, belustigen uns.

Die Welt als Arena - das ist ein grausamer Ort. Und leider auch ein schrecklich unterhaltsamer.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der neuen Woche

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

MONTAG

Buenos Aires - Viele Leute, viele Themen - Treffen der Außenminister der G20-Staaten. Auf der Tagesordnung: "Multilateralismus" und "Global Governance".

DIENSTAG Washington - Rocket Men - Moon Jae im Weißen Haus: Südkoreas Präsident berät mit Trump über den Konflikt mit Nordkorea und das (inzwischen wieder fragliche) Treffen Kim Jong Uns mit dem US-Präsidenten.

MITTWOCH HV-Saison I - Hauptversammlungen von Evonik, Zalando SE, Aareal Bank, Societé Générale.

DONNERSTAG St. Petersburg - Die Putin-Show - Russlands Präsident Wladimir Putin hat zum "Internationalen Wirtschaftsforum" (bis Freitag) geladen. Unter den Gästen: Frankreichs Oberhaupt Macron.

Brüssel - Club-Treffen - Eurogruppe: informelle Zusammenkunft der Finanzminister der Währungsunion.

Nürnberg - Prima Klima - Neues zur Stimmung der deutschen Konsumenten von der GfK.

Frankfurt - Leiden aus Leidenschaft - Der Deutsche Bank steht eine kritische Hauptversammlung bevor. Nach dem chaotischen Wechsel an der Vorstandsspitze muss sich Aufsichtsratschef Achleitner auf Vorwürfe gefasst machen und der neue Konzernchef Sewing kritische Fragen nach seiner Strategie gefallen lassen.

HV-Saison II - Hauptversammlungen von United Internet, BNP Paribas, Morgan Stanley, McDonald's.

FREITAG München - Weiter abwärts? - Neue Zahlen zum Ifo-Geschäftsklimaindex: Seit Monaten gehen die Werte des wichtigsten Konjunkturbarometers zurück. Noch halten sie sich auf hohem Niveau.

Brüssel - Beim Antreiben der Schnecke - Treffen der EU-Finanzminister: Es geht um die Weiterentwicklung der Bankenunion, die aktuellen "makroökonomischen Ungleichgewichte" und die langfristige Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen angesichts alternder Gesellschaften. Und eigentlich sollte es auch um die europäische Reaktion auf Trumps Sanktionen wegen fortgesetzter Iran-Geschäfte gehen sowie um die Währungsturbulenzen, die inzwischen auch EU-Ländern erreicht haben, insbesondere Polen, wo der Sloty unter Druck geraten ist.

Leverkusen - Das Gute und das Böse - Turbulenzen nicht ausgeschlossen: Der deutsche Vorzeigekonzern Bayer lädt zur Hauptversammlung. Topthema: die bevorstehende Übernahme des US-Agro-Riesen Monsanto.