Linksbündnis Das sind Syrizas Wirtschaftsexperten

Die linke Syriza-Partei will den Ruf als Schrecken der Märkte loswerden. Fünf Ökonomen profilieren sich als wirtschaftspolitische Stimme, mit sehr verschiedenen Tönen.
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Wenn Griechenland einen Popstar-Ökonomen hat, dann ist es Giannis Varoufakis - der ohne Umschweife einräumt, dass er selbst das Fach nie studiert hat. Mit der Leidenschaft zum radikalen und systematischen Nachdenken hat der Mathematiker es dennoch zu Wirtschaftsprofessuren in Cambridge, Sydney, Athen und zuletzt im texanischen Austin gebracht. Ein Global Player, der die griechische Heimat vor allem im Herzen trägt.

Der Elfenbeinturm ist nicht sein Ding - Varoufakis will sich einmischen, mit einem populären englischsprachigen Blog  ("Gedanken für die Welt nach 2008"), mit dem Bestseller "Der Globale Minotaurus", mit Beiträgen für internationale Medien, mit einem gemeinsam mit dem linken US-Starökonom James Galbraith verfassten Aufruf. Und nebenbei findet er noch Zeit, im Auftrag der Videospielfirma Valve ("Counter-Strike") die digitale Ökonomie zu erforschen.

Die Krise hat ihn radikalisiert - zuerst der Kollaps des weltweiten Finanzsystems, bald darauf die früh gewonnene Erkenntnis der Insolvenz des griechischen Staats. Mit der Opposition gegen die Notkredite für Griechenland und gegen die Machenschaften der heimischen Banker entfernte er sich von den Sozialdemokraten, die er einst beriet.

Nun kandidiert er als Parteiloser für Syriza, nachdem er deren Parteichef Alexis Tsipras bereits zur Europawahl 2014 unterstützte - mit dem Ziel, bei "Verhandlungen mit Berlin, Brüssel und Washington" eine Rolle zu spielen. Sein Leitmotiv ist die Einheit der Euro-Zone, die aus seiner Sicht nach innerer Solidarität verlangt - und nach einem Schuldenerlass für Griechenland. Varoufakis will "Vorschläge machen, die nicht einmal Wolfgang Schäuble ablehnen kann".

Giannis Dragasakis - der Parteiveteran

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Wenn es um Erfahrung im Parlament geht, ist Giannis Dragasakis weit vorn. Der Syriza-Abgeordnete, der seit 1996 ununterbrochen den zweiten Wahlbezirk von Athen vertritt, ist dort aktuell Vizepräsident. Schon 1989 sammelte er als stellvertretender Wirtschaftsminister Regierungserfahrung in einem überparteilichen Kabinett - damals noch als Mitglied der Kommunistischen Partei, deren EU-freundliche Abspaltung den Kern der heutigen Syriza bildete.

Dragasakis hat Ökonomie studiert, gelehrt und auch erforscht. "Die Schulden müssen angepasst werden, weil sie nicht tragbar sind", sagt er - nicht nur für Griechenland, sondern für ganz Europa. Im Zentralkomitee der Partei ist Dragasakis für das Programm verantwortlich.

Er ist der entscheidende Mann hinter Vorschlägen wie einer internationalen Schuldenkonferenz nach dem Vorbild der Londoner Konferenz 1953, die Deutschland seine Kriegsschulden erließ, oder einer Generalüberholung des griechischen Steuersystems.

Georgios Stathakis - der Schattenminister

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An der Universität Kreta lehrt Georgios Stathakis "marxistische Analyse" für Studienanfänger. Auch er ist aber ein Mann, der moderate Töne anschlagen und internationale Fachdiskussionen führen kann. Im November stellte er sich Bankern in der Londoner City zum Dialog.

Seine ökonomische Ausbildung erhielt der Reedersohn in England, aktuell vertritt Stathakis Syriza im Parlament und gehört dem Ausschuss für öffentliche Unternehmen an. Staatsaufträge, Privatisierungen, Immobilien und vor allem Medienlizenzen formuliert Stathakis als Hebel, um die Macht der Oligarchen - darunter seine eigene Familie - zu brechen.

Wie Dragasakis begann auch Stathakis seine politische Karriere bei den Kommunisten. Aktuell versteht sich der als Schattenminister für wirtschaftliche Entwicklung gehandelte Ökonom aber besonders darauf, Ängste der internationalen Gemeinschaft zu zerstreuen. "Einen Plan B gibt es nicht", beharrt er auf der Perspektive, dass Griechenland in der Euro-Zone bleibe und das Kreditprogramm bis zum Sommer nachverhandelt werde.

Die Idee einer einseitigen Erklärung der Staatsschulden als "illegitim", in der Partei und dem griechischen Volk populär, wies Stathakis schon Anfang 2014 in die Schranken: Eine Rechtsgrundlage lasse sich höchstens für 5 Prozent der Anleihen finden, die beispielsweise korrupte Rüstungsdeals oder die nie stattgefundene Elektrifizierung der Eisenbahn finanzieren sollten. Wenn es zum Bruch mit den Euro-Partnern kommt, soll es nicht an Syriza liegen.

Giannis Milios - der Deutschland-Versteher

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Giannis Milios hat Parteichef Tsipras schon zu Bundesfinanzminister Schäuble begleitet. Anfang Januar warb der wirtschaftspolitische Sprecher der Partei erneut in Berlin für Syrizas Position. Der Athener Professor hat in den 70er Jahren in Darmstadt und Osnabrück studiert und die kritische Theorie der Frankfurter Schule aufgesogen - womit er sich schon damals von der orthodoxen Linie der Kommunistischen Partei entfernte.

"Wir wollen kein neues Haushaltsdefizit schaffen", bietet er als Anknüfungspunkt zur konservativen deutschen Sicht an. Nur müsste dafür erst einmal ein Großteil der Altschulden weg, mit der Bundesrepublik als größter Gläubigerin. Denn die von der Troika aus EU, EZB und IWF geforderten hohen Haushaltsüberschüsse hält er für wirtschaftlich schädlich.

Als Wissenschaftler hat Milios mit anderen Syriza-Kollegen schon einen konkreten Vorschlag (PDF)  vorgelegt, um Europa zu entschulden: Die Europäische Zentralbank soll temporär einspringen, um den Staaten Zeit für Wachstum und Schuldenabbau zu geben.

Die Grundidee hat er bei dem Genfer Starökonomen Charles Wyplosz geborgt, das Modell aber so angepasst, dass Griechenland mehr davon hätte: Statt einer Halbierung der Schulden soll die EZB den Überhang von mehr als 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts übernehmen - die im Maastrichter Vertrag vorgesehene Obergrenze. Wer außer Syriza spricht heute noch von dieser 60-Prozent-Grenze?

Kostas Lapavitsas - der Euro-Gegner

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Auf internationaler Bühne kann auch Kostas Lapavitsas auftreten, der als Japan-Experte an der Fakultät für Orient- und Afrikastudien der Londoner Universität die Theorie von Kapitalmärkten sowie das Verhältnis zwischen Finanzsystemen und Entwicklung lehrt. Gemeinsam mit dem deutschen Ökonom Heiner Flassbeck, der einst Finanzstaatssekretär war, hat er gerade ein Buch mit dem Titel "Nur Deutschland kann den Euro retten"  veröffentlicht.

Die linksliberale britische Zeitung "Guardian" schmückt er regelmäßig mit Gastbeiträgen, in denen er beispielsweise erklärt, warum Syrizas Abkehr von der Sparpolitik doch eigentlich sehr moderat und vernünftig sei.

Soweit stärkt er die von Syriza-Chef Tsipras vertretene Linie - doch wohl auch aus Parteidisziplin. Denn sonst gibt sich Lapavitsas weniger zahm, beispielsweise fordert er eine "Euro-Skepsis von links". Im Gegensatz zu den in Griechenland ansässigen Kollegen sieht Lapavitsas, der sein halbes Leben in London ohne Euro verbracht hat, durchaus einen Plan B für Syriza: die Rückkehr der nationalen Währung Drachme. Es sei doch durchaus progressiv und internationalistisch, wenn jedes Volk sein eigenes Schicksal gestalte.

Damit spricht Lapavitsas - selbst ebenfalls Kandidat für die Parlamentswahl - aus, was der linke Parteiflügel denkt, ebenso wie die Kommunistische Partei, die laut Umfragen auf dem dritten bis fünften Platz landen dürfte und theoretisch als Koalitionspartner infrage käme, falls Syriza eine eigene Mehrheit verfehlt und sich mit den bürgerlichen Parteien nicht einigen kann. Für Merkel und Schäuble aber verkörpert Lapavitsas genau die Syriza, vor der sie sich fürchten.