Rezessionsgefahr Wirtschaftsweise senken Wachstumsprognose drastisch

Der Ukraine-Krieg wird massive Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft haben. So erwarten die Wirtschaftsweisen im laufenden Jahr deutlich weniger Wachstum und eine rasant steigende Inflation. Zugleich sehen sie die Gefahr einer Rezession.
Steigende Preise, schwächelnde Wirtschaft: Der Sachverständigenrat um die Wirtschaftsweise Veronika Grimm prognostiziert für die deutsche Wirtschaft wenig Erfreuliches

Steigende Preise, schwächelnde Wirtschaft: Der Sachverständigenrat um die Wirtschaftsweise Veronika Grimm prognostiziert für die deutsche Wirtschaft wenig Erfreuliches

Foto: Metodi Popow / IMAGO

Die "Wirtschaftsweisen" haben wegen der Folgen des Ukraine-Kriegs ihre Konjunkturprognose für dieses Jahr deutlich nach unten geschraubt. Der Sachverständigenrat erwartet nun nur noch ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,8 Prozent, wie das Beratergremium der Bundesregierung am Mittwoch in Berlin mitteilte. Für das kommende Jahr wird ein Plus von 3,6 Prozent vorhergesagt.

Die "Wirtschaftsweisen" hatten im vergangenen November für 2022 noch mit einem Wachstum von 4,6 Prozent gerechnet. Verschiedene Institute hatten ihre Prognose zuletzt bereits nach unten korrigiert. Das Ifo-Institut etwa prognostizierte zuletzt ein deutlich geringeres Wirtschaftswachstum von 2,2 Prozent für das laufende Jahr und eine Inflationsrate von 5,1 bis zu 6,1 Prozent. Die Unternehmen werden belastet etwa durch Lieferengpässe und steigende Energiepreise.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dämpfe das Wachstum, trage zum weiteren Anstieg der Energie- und Verbraucherpreise bei und führe zu hoher Unsicherheit, erklärte der Sachverständigenrat weiter. Die Inflation dürfte durch die hohen Energiepreise in diesem Jahr auf 6,1 Prozent steigen und im kommenden Jahr auf 3,4 Prozent zurückgehen.

Appell: Für einen Stopp russischer Energielieferungen wappnen

"Deutschland ist stark von russischen Energielieferungen abhängig. Ein Stopp dieser Lieferungen birgt das Risiko, dass die deutsche Volkswirtschaft in eine tiefere Rezession abrutscht und die Inflation noch stärker zunimmt", sagte Monika Schnitzer (60), Mitglied des Sachverständigenrates.

Deutschland sollte umgehend alle Hebel in Bewegung setzen, um sich gegen einen Stopp russischer Energielieferungen zu wappnen und die Abhängigkeit von Russland zu beenden.

Die Bundesregierung hatte am Mittwoch die erste Stufe eines Notfallplans Gas ausgerufen. Russland fordert, dass russische Gaslieferungen nach Westeuropa in Rubel bezahlt werden. Das lehnen Deutschland und andere westliche Staaten ab.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berät die Politik. Die Experten werden umgangssprachlich auch als die "Wirtschaftsweisen" bezeichnet.

Grimm: "Deutschland kann sich Gasembargo leisten"

Mit den Folgen eines Gasembargos würde Deutschland nach Einschätzung der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm (50) gegen Russland zurechtkommen. "Natürlich wäre ein Embargo für Deutschland mit massiven Einschnitten verbunden", sagte sie den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland vom Mittwoch. "Es würde eine Rezession auslösen, in der Größenordnung möglicherweise vergleichbar mit der Pandemie", fuhr sie fort. Jedoch teile sie die Einschätzung, "dass wir damit zurechtkämen, wenn Putin sprichwörtlich den Hahn zudreht", sagte die Ökonomin mit Verweis auf den russischen Präsidenten. Deutschland sei mit 60 Prozent Staatschuldenquote in die Pandemie gegangen, jetzt seien es etwa 70 Prozent. "Da ist noch Spielraum."

Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher (51), warnte hingegen vor "dramatischen" wirtschaftlichen Auswirkungen, sollte es zu einem Stopp der gesamten russischen Energielieferungen kommen. In der "Passauer Neuen Presse" verwies er darauf, dass die Wirtschaft die Corona-Krise noch nicht bewältigt habe. "Die deutsche Wirtschaft ist momentan fragil, und daher träfe uns ein solcher Schock nun hart."

rei/Reuters, AFP