Branche hat zu wenig investiert Vom Covid-Crash auf knapp 100 Dollar – die unglaubliche Ölpreis-Rallye

Nach dem Corona-Schock haben Energiekonzerne die Förderung drastisch gekürzt und kaum noch investiert. Anschließend geriet der Ölpreis außer Kontrolle. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, sondern auch langfristige Folgen für den Übergang zu sauberer Energie.
Ölförderung: Wegen der Pandemie brach kurzfristig die Nachfrage ein - Unternehmen haben seitdem zu wenig in neue Ressourcen investiert

Ölförderung: Wegen der Pandemie brach kurzfristig die Nachfrage ein - Unternehmen haben seitdem zu wenig in neue Ressourcen investiert

Foto: Richard Vogel/ dpa

Die zweijährige Covid-Krise hat nicht nur an den Rohstoffmärkten für starke Schwankungen gesorgt. Aber nur wenige Märkte haben seit März 2020 eine so verrückte Entwicklung genommen wie der Rohöl-Markt: vom Kollaps im Frühjahr 2020 bis an die Grenze von beinahe 100 US-Dollar pro Barrel heute. Die Industrie hatte sich zunächst auf das Ende von Big Oil und auf den schrittweisen Abschied von fossilen Energien eingestellt. Dann sollte sie mit Produktionssteigerungen die wirtschaftliche Erholung nach dem ersten Corona-Schock sichern. Entscheidungen, die im Frühjahr 2020 als Reaktion auf den ersten Schock der Corona-Krise getroffen wurden, legten laut Agentur Bloomberg  den Grundstein für die weitere, stürmische Entwicklung.

Zu Beginn der Pandemie wurden die Auswirkungen auf den Ölmarkt noch massiv unterschätzt. Bis Mitte Februar prognostizierten Analysten der OPEC lediglich einen "leichten Rückgang" der globalen Nachfrage wegen des Coronavirus. Nur wenige Wochen später brach der Spritverbrauch um mehr als ein Viertel ein.

Der saudische Energieminister strebte daraufhin eine vorsorgliche Produktionskürzung an, aber Russland weigerte sich zu folgen. Der Preiskampf innerhalb der OPEC+ hatte begonnen. Nach einem Monat löste das Kartell seine Differenzen und vereinbarte die größten Produktionskürzungen in seiner Geschichte – aber der Schaden war bereits angerichtet. Die Rohölflut drückte den Preis für ein Fass Rohöl auf 20 Dollar und fiel noch weiter. Das Überangebot war so hoch, dass der Preis für ein Fass der amerikanischen Rohölsorte West Texas Intermediate (WTI) zeitweise auf minus 40 Dollar fiel – wer Öl im großen Stil einlagerte, bekam noch Geld dazu.

Investitionen in Ölförderung deutlich gesunken

Überangebot und Preisverfall zwangen die Führungskräfte der Ölindustrie zu drastischen Entscheidungen. Shell kürzte erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg seine Dividende. Zehntausende Ölarbeiter verloren ihre Jobs. Sogar die mächtige Exxon Mobil musste ihre ehrgeizigen Investitionspläne stark zurückfahren. Die CEOs von BP und Shell spekulierten öffentlich, dass die weltweite Ölnachfrage möglicherweise nie wieder auf das Niveau vor der Pandemie zurückkehren werde.

Dies beschleunigte den Abschied von Big Oil. Investitionen in neue Förderquellen wurden drastisch zurückgefahren. Bis Anfang 2021 versprachen alle drei großen europäischen Ölkonzerne, sich schneller auf saubere Energie umzustellen und bis 2050 netto Null CO2-Emissionen zu erreichen.

Die geringeren Investitionen in neue Ressourcen zeigten sich nicht nur in Europa. Länder wie Nigeria oder Angola, deren Ölindustrien weitgehend von den globalen Supermajors entwickelt wurden, erfuhren steile Produktionsrückgänge. Die Produktion der US-Schieferölindustrie fiel innerhalb von drei Monaten von einem Rekordwert von 13,1 Millionen Barrel pro Tag auf 10,5 Millionen und blieb fast ein Jahr lang auf diesem Niveau.

Diejenigen Unternehmen, die die Pleitewelle überlebten, mussten ihr Geschäftsmodell ändern. Während die Öl- und Gasproduzenten Kürzungen in einem Ausmaß vornahmen, wie es sie nur einmal in einer Generation gab, legte die Pharmaindustrie schneller als erwartet mit wirksamen Impfstoffen den Grundstein für eine Erholung. Zudem investierten die Notenbanken weltweit Milliarden, um die Konjunktur wieder auf Trab zu bringen.

Die Folge: Konjunktur und Ölverbrauch zogen ab Spätsommer wieder rasant an. Der weltweite Ölverbrauch stieg von 70 Prozent des Vorkrisenniveaus im sogenannten "Schwarzen April" 2020 auf 90 Prozent bis zum dritten Quartal.

Das hohe Niveau hielt sich selbst in der zweiten Welle der Pandemie. Die Lockdowns steigerten die Nachfrage nach Petrochemikalien zur Herstellung von Kunststoffen und nach Diesel für Lieferwagen. "Die Wirtschaft hat sich nicht nur erholt", sagte Saad Rahim, Chefökonom des Ölhändlers Trafigura Group. "Sie ist in vielen, vielen Bereichen sogar vorangetrieben worden."

Herbst 2020: Nachfrage explodiert, Angebot steigt nur langsam

Auch das Angebot nahm wieder zu, konnte mit der explodierenden Nachfrage aber nicht mithalten. Im August 2020 brachte die OPEC+ etwa ein Fünftel der Menge Öl auf den Markt, die sie einige Monate zuvor weggenommen hatte. Die Produktion blieb weiter knapp. Das Kartell schien seine Lehren aus dem Frühjahr gezogen zu haben. Auf den enormen Ölüberschuss, der sich in den ersten Monaten der Pandemie angesammelt hatte, folgte laut IEA-Daten im November ein Siebenjahrestief der Lagerbestände in den Industrieländern.

Der Kraftstoffverbrauch stieg wieder auf etwa 98 Prozent des Niveaus vor der Pandemie, aber die Versorgung war noch nicht ausreichend wiederhergestellt. Entsprechend stiegen die Preise für Öl und Erdgas.

Im April 2021 öffneten die OPEC+-Staaten die Zapfhähne schrittweise wieder. Doch bis Oktober hatte die Gruppe Mühe, ihren eigenen vorsichtigen Zeitplan einzuhalten, jeden Monat zusätzliche 400.000 Barrel pro Tag auf den Markt zu bringen. Mitglieder wie Angola und Nigeria haben Schwierigkeiten, mehr zu pumpen.

"Wir dürften bald die 100 Dollar pro Barrel sehen"

Mit den kühleren Temperaturen auf der Nordhalbkugel stiegen dann die Preise für europäisches Erdgas auf Rekordniveau. Der Ölpreis erreichte ein Siebenjahreshoch. Die steigenden Kosten für Öl und Gas treiben die Inflation und versetzen führende Politiker der Welt in Panik, die erst vor wenigen Monaten ein Klimaabkommen unterzeichnet hatten.

Der enorme Ölüberschuss, der sich in den ersten Monaten der Pandemie angesammelt hatte, ist inzwischen aufgebraucht. Die Lagerbestände in den reichen Industrieländern sind laut IEA-Daten im November auf ein Siebenjahrestief gefallen.

Kaum überraschend, dass viele Politiker jetzt umsteuern wollen. Während höhere Preise für traditionelle Energie die Investitionen in erneuerbare Energien ankurbeln sollten, forderten viele Politiker, dass die OPEC+ und andere Produzenten jetzt schleunigst mehr Öl pumpen.

Zumindest vorerst hat sich das Kartell dem Druck von US-Präsident Joe Biden und anderen Verbrauchern widersetzt, das Tempo ihrer Produktionssteigerungen zu beschleunigen. Solange die OPEC+ nicht mehr tun kann oder will, könnte der Ölpreis weiter steigen, sagte die IEA letzte Woche. Unter diesen Umständen "liegen 100 US-Dollar sicherlich im Bereich dessen, was wir in den nächsten Monaten sehen könnten", sagte Mike Wirth, CEO von Chevron.

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