Weltwirtschaftsforum in Davos Diese Milliardäre sind gegen den Kapitalismus

Programmpunkte des Weltwirtschaftsforums in Davos

Programmpunkte des Weltwirtschaftsforums in Davos

Foto: FABRICE COFFRINI/ AFP

Auch im 50. Jahr seines Bestehens trägt das Weltwirtschaftsforum im Schweizer Bergdorf Davos wieder den Untertitel "verpflichtet, den Zustand der Welt zu verbessern". Vor der Konferenz, die an diesem Dienstag beginnt, veröffentlicht die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam ihre alljährliche Studie: Die weltweit 2153 Milliardäre besäßen mehr Vermögen als 60 Prozent der Menschheit zusammen.

Alles wie immer also? Nicht ganz. Manche Dauergäste können nicht mehr zu dem exklusiven Treffen in die Alpen kommen, andere wollen nicht mehr - beides Zeichen für eine weltweit geänderte Stimmung. Selbst der konservative britische Premier Boris Johnson verfügte, seine Regierung müsse "fürs Volk liefern und nicht mit Milliardären Champagner schlürfen" (für Wirtschaftsminister Sajid Javid wurde kurzfristig noch eine Ausnahme zugelassen).

Für diejenigen, die noch kommen, wird es eine Übung im Spagat: den Kapitalismus attackieren, um den Kapitalismus im Geschäft zu halten. Gleich mehrere der 2153 Milliardäre tun sich neuerdings mit fundamentaler Systemkritik hervor, wie unsere Übersicht zeigt.

Ray Dalio: "Das System ist kaputt"

Ray Dalio

Ray Dalio

Foto: Brian Snyder/ REUTERS

Besonders stark exponiert sich Ray Dalio, Gründer der Hedgefonds-Firma Bridgewater, vor dessen Villa in Connecticut auch schon Protestmärsche gegen Ungleichheit zogen. In verschiedenen LinkedIn-Posts legte Dalio seine Sicht dar, dass "das System kaputt ist" - wohl wissend, dass er selbst zu dessen größten Profiteuren zähle.

Die wachsende Ungleichheit werde zu einer "existentiellen Gefahr", warnt Dalio. Der "amerikanische Traum" sei "verloren", weil das im Überfluss vorhandene Geld sich an der Spitze der Gesellschaft "verstopfe" und nicht mehr nach unten durchgereicht werden könne. So verliere der Kapitalismus auch seinen produktiven Nutzen.

"Ich glaube, dass alle ins Extrem betriebenen guten Dinge selbstzerstörerisch werden können und alles sich weiterentwickeln oder sterben muss", schreibt Dalio. "Das trifft jetzt auf den Kapitalismus zu." Dalios Systemkritik enthält auch düstere Szenarien gewalttätiger Konflikte zwischen Arm und Reich - aber zugleich eine konstruktive Lösung: mit der Reform zu einem Umverteilungsstaat, wie ihn auch Milliardärskollege und Bankchef Jamie Dimon inzwischen fordert.

Marc Benioff: "Der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, ist tot"

Marc Benioff

Marc Benioff

Foto: NICHOLAS KAMM/ AFP

Einen "neuen Kapitalismus" wünscht sich auch Salesforce-Chef Marc Benioff, und lässt kaum ein gutes Haar an dem alten.

"Als Kapitalist halte ich es für an der Zeit, laut auszusprechen, was wir alle wissen", schrieb Benioff im Oktober in einem Gastbeitrag für die "New York Times" : "Der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, ist tot."

Unternehmensführer wie er könnten nicht länger ihre Hände in Unschuld waschen, wenn es um die Wirkung ihrer Produkte gehe. Die "Obsession, den Wert für Aktionäre zu maximieren" habe zu "grauenerregender Ungleichheit" geführt und leite den Planeten "zu katastrophalem Klimawandel". Es sei "kein Wunder, dass die Zustimmung zum Kapitalismus gerade unter jungen Leuten fällt".

Er selbst werde sich umfassender für höhere Steuern auf Vermögende wie ihn selbst einsetzen - so wie schon erfolgreich in seiner Heimatstadt San Francisco, um etwas gegen die Wohnungsnot zu unternehmen. Denn "wenn unser Streben nach höheren Profiten unsere Welt schlechter als zuvor zurücklässt, wird die Macht der Gier alles sein, was wir unseren Kindern beigebracht haben".

Tom Steyer: "Das Volk muss in der Wirtschaft bestimmen"

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Rennen um US-Präsidentenwahl: Auch Elizabeth Warren gibt den Kampf ums Weiße Haus auf

Foto: Patrick Semansky / AP Photo

Auffällig ist im US-Wahlkampf, dass mit Michael Bloomberg und Tom Steyer gleich zwei Milliardäre für die Demokraten ins Rennen gegen Milliardär Donald Trump ziehen wollen - und zugleich die Macht der Milliardäre attackieren.

Steyer, der sich seinen Platz in der jüngsten Fernsehdebatte in Iowa mit gezielten Investitionen in TV-Spots erkaufen konnte, warnt vor "unberechtigtem Einfluss" des großen Geldes. "Ich bin ein Progressiver und ein Kapitalist, aber unkontrollierter Kapitalismus erzeugt Marktversagen und wirtschaftliche Ungerechtigkeit", erklärte der Hedgefonds-Milliardär, der schon früher politische Kampagnen finanzierte.

"Das Volk muss in der Wirtschaft bestimmen", fordert Steyer - und stellte zugleich klar: "Sozialismus ist nicht die Antwort" - ein Seitenhieb auf seine radikaleren Wettbewerber wie Bernie Sanders.

Yvon Chouinard: "Ich bin Sozialist und stolz darauf"

Yvon Chouinard

Yvon Chouinard

Foto: Getty Images for Tribeca X

Etwas anders sieht das Yvon Chouinard, Gründer und Eigentümer der auch an der Wall Street beliebten Outdoor-Marke Patagonia. "Ich bin bekennender Sozialist und stolz darauf", sagte der 81-Jährige im Interview mit "Fast Company" .

"Der Kapitalismus wird letzten Endes seine Kunden verlieren", sagte Chouinard, denn bei zunehmender Konzentration des Reichtums erodiere die Kaufkraft - aus seiner Sicht nicht unbedingt schlecht, denn das ständige Wachstum sei sowieso dabei, "den Planeten zu zerstören". Er selbst habe sich auch keineswegs gefreut, als sein Unternehmen die Milliarden-Umsatzgrenze überschritt. "Das will ich nicht." Wirklich nachhaltiges Wirtschaften sei gar nicht möglich - man müsse sich eingestehen, dass jede menschliche Handlung mehr Schaden als Nutzen für die Umwelt anrichte.

Seine je nach Sichtweise hoffnungsfrohe oder finstere Prognose: "Die ganze Sache wird wahrscheinlich noch vor der nächsten Wahl zusammenbrechen."

So viel Kapitalismuskritik von Seiten der Kapitalisten sei völlig neu, urteilt der auf die Weltwirtschaftskrise spezialisierte Wirtschaftshistoriker Charles Geisst vom Manhattan College. In den 1930ern habe sich die Elite zwar unter ähnlichem Druck gesehen, aber gegen den Sozialismus als äußere Bedrohung zusammengehalten. Auch unmittelbar nach dem Crash von 2008 habe es das nicht gegeben.

Er sieht den Zuspruch für Systemkritiker wie Bernie Sanders, der durchaus noch in diesem Jahr zum US-Präsident gewählt werden könnte, als Auslöser: "Diese Leute sind bekannt dafür, ihre Wetten abzusichern, und das ist ein anderer Weg, dies zu tun", sagte Geisst dem britischen "Guardian".