Henrik Müller

Davos 2023 Die Hütte brennt

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Krisengipfel in den Alpen: In Davos trifft sich wieder mal die globale Elite aus Politik und Wirtschaft. Die Verunsicherung ist groß. Während sich die internationalen Probleme verschärfen, zerfällt die Weltordnung. Gibt es Auswege?
Erscheint zum Weltwirtschaftsforum: EZB-Chefin Christine Lagarde macht den Auftakt in Davos – doch viele andere Big Shots aus Politik und Wirtschaft bleiben dem Forum fern

Erscheint zum Weltwirtschaftsforum: EZB-Chefin Christine Lagarde macht den Auftakt in Davos – doch viele andere Big Shots aus Politik und Wirtschaft bleiben dem Forum fern

Foto: Hollie Adams / Bloomberg / Getty Images

Irgendwie ist immer Krise. Als ich im Teenageralter war, starb der deutsche Wald am sauren Regen. Schon bald würden die Bäume verdorren und die deutsche Landschaft in ödes Grau tauchen, davon waren wir überzeugt. Das Ozonloch öffnete sich immer weiter und würde bald lebensbedrohliche Mengen an UV-Licht auf die Erde durchlassen. Die atomare Bedrohung spitzte sich zu. Dass das Wettrüsten zwischen dem Ostblock und der Nato jederzeit zu einem nuklearen Schlagabtausch führen könnte, war eine verbreitete Angst. In WG-Küchen diskutierten wir damals darüber, ob es noch verantwortbar sei, Kinder in diese Welt zu setzen.

Kürzlich habe ich mit meinen Erstsemesterstudis über die weiteren Aussichten diskutiert. Sie sind von ganz ähnlichen Ängsten geplagt wie wir damals. Dass die Erde zu ihren Lebzeiten wegen der Klimaerwärmung unbewohnbar werden könne, ist für viele eine reale Gefahr. Die atomare Bedrohung ist zurück, nun sogar verbunden mit einem heißen Landkrieg auf europäischem Boden. Die eigenen Nachwuchswünsche sind mit großen Fragezeichen versehen. Es wirkt alles seltsam vertraut. Fehlt nur noch, dass der Achtziger-Jahre-Bestseller "So lasst uns denn ein Apfelbäumchen platzen" wieder aufgelegt wird. Das Buch handelt vom nahenden Weltende.

Das Weltwirtschaftsforum (WEF) hat kürzlich seinen alljährlichen globalen Risikobericht  vorgelegt. 1200 Regierungsvertreter, Topmanager und Experten wurden dafür befragt. Auch ihr Blick gen Zukunft ist von Düsternis umwölkt. Die Ergebnisse des Reports fassen die Autoren mit dem Satz zusammen: "Die nächste Dekade wird von ökologischen und sozialen Krisen geprägt sein, getrieben von unterliegenden geopolitischen und ökonomischen Trends." Klaus Schwab (84), der Gründer des WEF, spricht von einer multiplen Krise , die die Entscheider überfordere. Mit einem solchen Mindset laufe man Gefahr, allzu kurzsichtig zu handeln – und die Dinge noch schlimmer zu machen. Wie gesagt, irgendwie ist immer Krise.

Viele Big Shots bleiben fern

Ab Dienstag treffen sich in Davos wieder mal Regierende, Topmanager, Wissenschaftler und Aktivisten zum Weltwirtschaftsforum. Olaf Scholz (64, SPD) wird dort sein, Robert Habeck (53, Grüne), Christian Lindner (44, FDP) und Hubertus Heil (50, SPD), Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (64, CDU), die Chefinnen von Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, Christine Lagarde (67) und Kristalina Georgieva (69), der spanische Ministerpräsident Pedro Sanchez (50), Hollands Mark Rutte (55), Polens Staatsoberhaupt Andrzej Duda (50), Südkoreas Präsident Yoon Suk Yeol (62), die finnische Première Sanna Marin (37), Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (63), diverse Vorstandsvorsitzende, Wissenschaftler und Aktivisten.

Ex-US-Außenminister Henry Kissinger, inzwischen 99 Jahre, spricht über "historische Perspektiven des Krieges". (Voriges Jahr forderte er beim WEF  per Video-Zuschaltung Konzessionen gegenüber dem Ukraine-Aggressor Russland und Friedensverhandlungen "binnen zwei Monaten" – was Zweifel säte, ob er noch ganz auf der Höhe aktueller Problemlagen ist.)

Nach drei Jahren Pandemie-Beschränkungen ist es das erste reguläre Treffen. Wie immer in Davos, geht es um die ganz großen Fragen, auch wenn dieses Mal viele ganz große Namen im Programm fehlen. Einige fühlen sich womöglich auf den elitären Gipfeln tief im Westen der Alpen nicht mehr wohl, weil das beim Publikum daheim allzu abgehoben wirken könnte. Andere haben sich durch ihr Handeln selbst zu unerwünschten Personen gemacht.

Die US-Administration schickt ihren Klima-Chefdiplomaten John Kerry (79) – aber Präsident Joe Biden (80) oder Vize Kamela Harris (58) lassen sich nicht blicken, während Finanzministerin Janet Yellen (76) lieber parallel dazu zu einer elftägigen Afrika-Reise startet. Die Phalanx der Autokraten, die sich in der Vergangenheit gern in Davos als weltläufige Staatsmänner präsentierten, meidet dieses Jahr die Schweizer Berge. Weder Xi Jinping (69, China) noch Narendra Modi (72, Indien) noch Recep Tayyip Erdogan (68, Türkei) kommen. Der Ukraine-Angreifer Wladimir Putin (70) und seine Konsorten sind nicht mehr erwünscht.

Andere einflussreiche Länder sind ebenfalls nicht höchstrangig vertreten. Brasiliens frisch gekürter Präsident Luiz Inázio Lula da Silva (77)ist daheim mit Umsturzplänen konfrontiert. Die Premiers Frankreichs, Japans, Kanadas, Italiens, Großbritanniens? Fehlanzeige. Aus Paris reist immerhin Finanzminister Bruno Le Maire (53) an.

Auch Big Shots aus der Wirtschaft sind rar. Die erste Riege der Celebrity-CEOs zieht es vor, dem WEF fern zu bleiben: Elon Musk (51, Tesla, SpaceX, Twitter), Tim Cook (62, Apple) oder Bernard Arnault (73, LVHM) haben wohl Wichtigeres zu tun. Ähnliches darf man für visionäre europäische Tech-Unternehmer wie Uğur Şahin (57, Biontech) annehmen.

In angespannten Zeiten wie diesen ist ein Abstecher nach Davos schwierig zu vermitteln, weder den Wählern daheim, noch Mitarbeitern und Aktionären. Mal eben die Welt retten – und nebenbei die eigene Bedeutung herausstreichen –, ist für viele offenkundig kein ausreichender Reisegrund mehr, wenn anderswo die Hütte brennt. Unter diesen Bedingungen ist "Kooperation in einer fragmentierten Welt", wie das diesjährige WEF-Motto lautet, umso schwieriger zu erreichen.

Der "Davos-Mensch", eine vom Aussterben bedrohte Spezies

Tatsächlich stellt die Gleichzeitigkeit von grenzüberschreitenden Problemen und einem Zerfall der internationalen Ordnung die Menschheit vor fundamentale Fragen. Während der globale Steuerungsbedarf zunimmt, geht die Steuerungsfähigkeit zurück. Wie sich dieser Zwiespalt lösen lässt, ist bislang völlig unklar. Gerade daher rührt das erhöhte Unsicherheitsempfinden der Bevölkerungen und ihrer Führungsfiguren.

Das Auseinanderdriften der Welt in gegnerische Machtsphären stellt auch das WEF vor Herausforderungen. Die global gesinnte Elite der "Davos-Menschen" (Samuel Huntington), eine früher gern mal als vaterlands- und seelenlos diffamierten Spezies, gibt es so nicht mehr.

Russland stellt sich gegen internationales Recht und annektiert einfach ein Nachbarland. China unterstützt dieses Vorgehen verbal, Indien zumindest wirtschaftlich (durch Rohölkäufe). Das ukrainische Beispiel mahnt andere Länder, dass nur Atomwaffen effektiv vor dem militärischen Zugriff durch andere schützen. Nordkorea baut rasant sein Arsenal aus. Auch in anderen Weltregionen sind atomare Rüstungswettläufe zu erwarten. Sicherer wird die Welt dadurch nicht.

Was den Klimawandel betrifft, so hat das abgelaufene Jahr gezeigt, dass die Staaten derzeit nicht in der Lage sind, sich auf abgestimmte einschneidende Emissionsziele zu einigen. Das Fehlen eines stringenten globalen klimapolitischen Rahmens schürt zusätzlich die ohnehin weithin sichtbare Wende hin zum handelspolitischen Protektionismus: Die USA legen ein hunderte Milliarden Dollar schweres grünes Subventionsprogramm  auf, exklusiv für Firmen, die in den USA ansässig sind. Die EU wiederum macht sich daran, einseitig Klimazölle auf Importe aus klimapolitisch laxeren Ländern zu erheben. Gegenreaktionen von dort werden nicht lange auf sich warten lassen.

Statt gemeinsam an kollektiven Menschheitsproblemen zu arbeiten – immerhin der hehre Anspruch von Davos –, zerfällt die Welt in Einflusssphären und widerstreitende Interessen. Kein Wunder übrigens, dass der Weltrisikobericht des WEF für die kommenden zehn Jahre vor allem die Folgen des Klimawandels betont: Die Top-6-Risiken hängen sämtlich mit der globalen Erwärmung zusammen.

Wo bleibt das Positive, das Hoffnungsvolle?

Die Hoffnung ruht auf technologischen Durchbrüchen

"Ist dies das Ende einer Ära?" lautet der Titel einer abschließenden WEF-Diskussionsrunde (Freitag), an der sich unter anderen Lagarde und Le Maire beteiligen werden. Die Formulierung als Frage dürfte rhetorisch gemeint sein. Wenn eine Ära endet, dann beginnt auch eine neue. Wie wird die aussehen?

Parallel zum Zerfall der internationalen Ordnung und der ökonomischen Globalisierung findet eine wissenschaftlich-technische Revolution statt, die mögliche Lösungen aufscheinen lässt, die noch vor Kurzem schwer vorstellbar waren.

Ein paar Beispiele: Die rasanten Kostensenkungen bei der Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenenergie lassen fossile Energieträger wie Kohle und Öl nicht nur alt, sondern auch teuer erscheinen. Effizienzsteigerungen bei der Kohlendoxid-Einlagerung  ("Carbon Capture and Storage") könnten irgendwann eine tatsächliche Reduktion von bereits emittierten klimaschädlichen Gasen ermöglichen. Durchbrüche bei der Kernfusionstechnologie eröffnen die langfristige Perspektive einer Welt, in der saubere Energie nicht mehr knapp ist. Neue, inzwischen marktreife pharmazeutische Verfahren wie die mRNA-Technologie versprechen sprunghafte Fortschritte in der Medizin. Künstliche Intelligenz verschafft mancher Maschinen menschenähnliche Fähigkeiten, was einen Produktivitätsschub auslösen könnte, den alternde und schrumpfende Gesellschaften dringend benötigen.

Derlei technologische Aspekte stehen in Davos dieses Jahr weit oben auf der Agenda. Zurecht. Der Fortschritt hört nicht auf, nur weil tradierte Machtstrukturen zerfasern. Die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, zeichnen sich teils erst schemenhaft ab.

Übrigens ist Angst kein schlechter Ratgeber, jedenfalls sofern sie nicht zu Lähmung und Resignation führt. In den 80er Jahren halfen technologische Lösungen gegen den sauren Regen und das Ozonloch: Autos wurden mit Katalysatoren ausgestattet und Kraftwerke mit Entstickungsanlagen, sodass das befürchtete großflächige Waldsterben ausblieb. Das Montreal-Abkommen setzte den weltweiten Verzicht auf ozonschichtzersetzende Gase durch; inzwischen regeneriert sich die Ozonschicht wieder. Zur allgemeinen Überraschung verschärfte das damalige Wettrüsten nicht den militärischen Konflikt, sondern beendete den Kalten Krieg.

So kompliziert und bedrohlich die Lage heute wirken mag: Der nahende Weltuntergang ist alles andere als ein zwangsläufiges Szenario. Irgendwie ist immer Krise. Aber die meisten Verwerfungen ziehen vorüber.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Montag
Hannover – Verteilungsfragen – Die Gewerkschaft IG BCE lädt zu ihrem traditionellen Jahresempfang und gibt einen Ausblick auf die Tarifpolitik im Inflationsjahr 2023.

Brüssel – Wie man eine Währungsunion zusammenhält – Erstes Treffen der Euro-Finanzminister im neuen Jahr. Absehbar größte Herausforderung der Eurozone wird sein, die Zinsaufschläge in Italien und anderen hochverschuldeten Ländern unter Kontrolle zu halten, während die Zinsen insgesamt steigen.

Dienstag

Davos – Wer hat Angst vor der Zukunft? I – Auftakt des Weltwirtschaftsforums (WEF), unter anderen mit Andrzej Duda (Polen), Ursula von der Leyen (EU-Kommission), Ngozi Okonjo-Iweala (WTO), Sanna Marin (Finnland), Pedro Sanchez (Spanien), Charles Michel (Europäischer Rat), Robert Habeck, Christian Lindner.

Dakar – Südstrategie – US-Finanzministerin Yellen startet zu einer elftägigen Afrikareise, ein Kontinent, in dem Chinas Einfluss seit Langem sichtbar ist und sich Russland zunehmend destabilisierend einmischt. Afrikas Zukunft ist unter anderem wegen des nach wie vor raschen Bevölkerungswachstums und der Bedeutung des Kontinents für die globale Klimaentwicklung entscheidend.

Peking – Slow train running – Chinas Statistikamt veröffentlicht neue Zahlen zum Wirtschaftswachstum 2022.

Berichtssaison I – Geschäftszahlen von Morgan Stanley, Goldman Sachs.
Mittwoch
Brüssel – Zur Sicherheit des Westens – Treffen des Nato-Militärausschusses: Die Generalstabschefs beraten über die Weiterungen des Ukraine-Kriegs und die Bedrohungslage in Europa (mit Kandidatenländern Schweden und Finnland, deren Beitritt bislang von der Türkei blockiert wird).

Davos – Wer hat Angst vor der Zukunft? II – Weiter beim WEF. Headliner des Tages: Olaf Scholz.

Berichtssaison II – Geschäftszahlen von United Airlines.


Donnerstag

Barcelona – Südwest-Achse – Spanisch-französisches Gipfeltreffen der EU-Partner mit Premier Sánchez und Präsident Macron. Unter anderem soll es um die geplante Untersee-Pipeline für grünen Wasserstoff von Barcelona nach Marseille gehen.

Davos – Wer hat Angst vor der Zukunft? III – Weiter beim WEF, unter anderen mit Christian Klein (SAP), Josef Aschbacher (ESA), Satya Nadella (Microsoft), Oliver Bäte (Allianz), Kristalina Georgiewa (IWF).

Berichtssaison III – Geschäftszahlen von Netflix, Procter & Gamble, Schlumberger.

Freitag

Berlin – Grün, grün, grün sind… – Beginn der Ernährungs- und Landwirtschaftsschau "Internationalen Grünen Woche".

Davos – Wer hat Angst vor der Zukunft? IV – Abschluss des WEF, unter anderem mit einer Runde unter dem Titel "Ökonomischer Ausblick: Ist das das Ende einer Ära?", mit Christine Lagarde (EZB) und Bruno Le Maire (Frankreich).

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