Die neue Weltordnung Das Trump-Szenario für die kommenden vier Jahre

Die Lage im Jahr 2021: Was bedeutet der Kurs des neuen US-Präsidenten für Wohlstand, Sicherheit und Frieden? Ein Szenario für die kommenden vier Jahre - spekulativ, aber nicht unrealistisch.
US-Präsident 2017.

US-Präsident 2017.

Foto: CARLOS BARRIA/ REUTERS

Einen solchen Start hat es noch nicht gegeben. Der Neue im Weißen Haus regiert - und wie. Statt abzuwarten und abzuwägen, statt Experten und Strategen zu Rate zu ziehen, unterzeichnet Donald Trump präsidentielle Verordnungen im Tagestakt. Nebenher ist er bei Twitter dauerpräsent, kündigt an, ätzt, droht.

Wer nach seinem Wahlsieg im November gehofft hatte, Trump werde seine neue Rolle als eine Art nationaler Reality-TV-Showmaster verstehen und ansonsten seinem Vize Mike Pence das Regieren überlassen, sieht sich eines Schlechteren belehrt. Kein Politikfeld ist vor seinem Zugriff sicher: Innen- und Außenpolitik, Wirtschaft, Umwelt, Bildung.

Halten wir das aus? Vier Jahre Trump? Wie wird die Welt aussehen, wenn der US-Präsident in diesem Stil weitermacht - wenn er seine erste Amtszeit beendet hat und nicht zuvor gestoppt wird, etwa durch ein Amtsenthebungsverfahren?

Versuchen wir also ein Szenario. Immerhin kennen wir inzwischen seine politischen Prioritäten und seinen Stil. Das lässt einige Schlussfolgerungen zu.

1. Ein Handelskrieg und seine Folgen

Im Jahr 2021 wird der wirtschaftliche Austausch zwischen den Staaten rapide geschrumpft sein. Viele Güter sind dann für die Verbraucher merklich teurer. Internationale Konzerne haben sich wieder aufgespalten in nationale Einheiten. Die internationale Arbeitsteilung wird zurückgedreht, produziert wird wieder verstärkt vor Ort. Ganze Nationen verlieren merklich an Wohlstand, was wiederum Verteilungskämpfe schürt.

Wie konnte es soweit kommen? Nach der Logik der America-first-Politik Trumps begannen die USA, ein Land nach dem anderen mit Handelssanktionen zu überziehen. Einfuhren aus Volkswirtschaften, die gegenüber den USA Überschüsse erzielten, konnten nur noch mit erheblichen Zollnachteilen ins Land kommen. Internationale Unternehmen wurden gezwungen, Teile ihrer Produktion zurück nach Amerika zu verlagern.

Das löste eine Spirale des Protektionismus aus. Allein die Drohung, Zölle zu erheben, führte zur Abwertung anderer Währungen gegenüber dem Dollar. Zu beobachten war das zunächst 2017 in Mexiko: Der Preisvorteil für amerikanische Produkte, den sich die US-Regierung durch Einführung eines Zolls auf mexikanische Importe erhofft hatte, wurde rasch zunichtegemacht - der Peso wertete gegenüber dem Dollar rapide ab.

Eigentlich eine normale Marktreaktion. Doch die Trump-Regierung bezichtigte nun Mexiko der Währungsmanipulation. Ähnlich ging sie wenig später gegen China und die Eurozone vor, was letztlich zu einer raschen Eskalation führte. Ein Handelskrieg brach aus, ausgetragen mit Zöllen, pauschalen Einfuhrverboten und Währungsabwertungen.

Denn Europäer und Chinesen reagierten ihrerseits mit Sanktionen: konterten mit eigenen Zöllen auf US-Importe und der Schwächung ihrer Währungen. Zwar hatten sie sich alle miteinander beim G20-Treffen 2009 versprochen, die Fehler der 1930er Jahre nicht zu wiederholen, als die Große Depression und der darauffolgende Handelskrieg den internationalen Austausch weitgehend zum Erliegen brachte. Doch nachdem Trump die protektionistische Dynamik entfacht hatte, gab es kein Halten mehr.

Besonders schlimm: Im Zuge dieses Ringens um kurzfristige nationale Vorteile zerstörten die Regierungen wertvolle, fragile Systeme.

Zum Beispiel die internationale Handelsordnung: Ein komplexes Regelwerk, das die westlichen Staaten seit den 1940er Jahren aufgebaut hatten und das schließlich zur Gründung der WTO mit ihren Schiedsgerichten führte, zerfiel, weil sich ihre wichtigsten Mitglieder - die USA vorneweg - nicht mehr daran hielten. Im Jahr 2021 regiert der Wildwuchs in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Leidtragende sind insbesondere kleine Länder und Unternehmen.

Kollateralschäden gibt es auch bei den Notenbanken. Weil der Handelskrieg mit der Waffe Wechselkurs ausgetragen wurde, sind die Geldbehörden unter den Einfluss der Regierungen geraten. Die Zentralbanken haben ihre Unabhängigkeit verloren. Eine neue Ära der Politisierung des Geldes hat begonnen.

Teurere Importe und politisch abhängige Notenbanken haben rund um den Globus empfindlich die Inflationsraten steigen lassen. Die Zeit niedriger Zinsen ist 2021 endgültig vorbei. Der technische Fortschritt hat sich verlangsamt, weil der Austausch von Ideen und Wissen durch die neuen Grenzziehungen behindert wird. Die Produktivität stagniert.

Wegbrechender Wohlstand und steigende Preise sorgen für Unmut in den Bevölkerungen. Den Zorn versuchen die Mächtigen aufs jeweilige Ausland zu lenken. Nach dem Motto: Die jeweils anderen Länder und deren Führungen sind schuld an der Misere - was die internationalen Beziehungen weiter vergiftet.

2. Eine Welt, aufgeteilt in Interessensphären, durchzogen von Konfliktlinien

Die große Leistung der USA in den Jahrzehnten dem Zweiten Weltkrieg bestand darin, eine globale Ordnung zu etablieren: ein Set von Normen, Regeln und Institutionen, für deren Einhaltung und Stabilität sich die Führungsmacht Amerika starkmachte - Uno, Nato, WTO, Währungsfonds, Weltbank.

2021, nach vier Jahren Trump, ist von dieser Ordnung nicht mehr viel übrig. Der Twitter-Präsident hat stets deutlich gemacht, dass ihm wenig daran lag, von Partnern und Kontrahenten als berechenbar oder gar vertrauenswürdig angesehen zu werden. Lieber agierte er mit dem Moment der Überraschung und setzte darauf, Amerika stärker erscheinen zu lassen als es eigentlich war, indem er anderswo Unfrieden und Zwietracht säte, auch zwischen traditionellen Verbündeten wie den Europäern.

Amerikas Rückzug als Weltmacht hat ein Vakuum hinterlassen, das zum Teil von anderen Mächten gefüllt wurde. Die Ära der Globalisierung, die große Teile der Erde in einem von Regeln und Institutionen gestützten Rahmen hielt - vom Welthandel bis zum Schutz der Erdatmosphäre und der Kultur - ist 2021 zu Ende. Die Welt ist jetzt aufgeteilt in Interessensphären. Ein paar Großmächte dominieren. Ganze Weltregionen taumeln ordnungslos am Rande des Chaos.

Die USA haben sich aus Europa und Asien zurückgezogen. China dominiert nun unangefochten den pazifischen Raum. Russland herrscht über seine alte Einflusssphäre von Osteuropa bis nach Zentralasien. Auch die Milliarden-Nation Indien sowie Lateinamerikas Nummer Eins Brasilien bemühen sich mitzuhalten im großen Risiko-Spiel. Diese regionalen Hegemonialmächte stehen sich waffenstarrend gegenüber. Gelegentlich reden sie miteinander, über die Köpfe kleinerer Nationen hinweg.

Das Vakuum, das die Amerikaner geschaffen haben, hinterlässt große Leerstellen. Der Nahe Osten bleibt ein hochgefährliches Gebiet, in dem sich nicht nur die regionalen Kontrahenten Saudi-Arabien, Iran und Israel in einem Überlebenskampf wähnen, sondern auch Großmächte von außen mitmischen. Russland wird sich nach seiner Kriegsteilnahme in Syrien nicht so einfach zurückziehen. Auch Amerika wird weiter in der Region präsent sein, aus Verbundenheit zu Israel und wegen der immer noch wichtigen Öl- und Gasvorkommen. Die erratische US-Politik der vergangenen Jahre jedoch lässt viele im Dunkeln tappen, welche Ziele Team Trump eigentlich verfolgt.

Insgesamt ist die Welt im Jahr 2021 ein gefährlicherer Ort. Auch friedliebende Nationen sehen sich gezwungen, Waffen in großem Stil zu kaufen. Regionale Rüstungswettläufe, schon vor 2017 in Ansätzen erkennbar, sind ein verbreitetes Phänomen.

3. Europa und Afrika - Ordnung oder Chaos?

Auf Europa - und insbesondere auf Deutschland - kommen in dieser Ära der neuen globalen Unordnung große Herausforderungen zu. Ob wir ihnen gewachsen sind, ist 2021 immer noch nicht klar.

Die vergangenen Jahre waren schwierig genug. Nachdem Wladimir Putin zunächst versucht hatte, einige EU-Länder enger an Russland zu binden, begann Donald Trump, von der anderen Seite zu zerren. Beide strebten danach, Europa zu spalten und zu schwächen. Beide unterstützten rechtspopulistische Bewegungen. Beide boten EU-skeptischen Führungsfiguren Sonderdeals an. Die EU, ohnehin entnervt im Dauerstreit von der Euro- bis zur Flüchtlingskrise, zeigte immer tiefere Risse.

Dass die EU im Jahr 2021 immer noch existiert, verdankt sie nur ein paar glücklichen Zufällen. Nach wie vor ist sie zerrissen zwischen nationalen Fliehkräften und paneuropäischen Gravitationskräften. Beide neutralisieren sich gegenseitig: Europa hält zwar irgendwie zusammen. Aber es ist nicht in der Lage, das Trump'sche Vakuum zu füllen.

Das hat gravierende Folgen, gerade für Deutschland. Die Europäer habe ihre Rüstungsausgaben vervielfacht, nachdem die USA das Prinzip unbedingter Solidarität innerhalb der Nato aufgekündigt hatten. Vergessen sind längst die Versprechungen aus dem Bundestagswahlkampf 2017, die Steuern zu senken. Daran ist nicht mehr zu denken.

Da die kollektiven Sicherheitsstrukturen des Westens keine Sicherheit mehr bieten und die EU nicht in der Lage ist, eine gemeinsame schlagkräftige Armee aufzustellen, muss jedes Land für sich selbst sorgen. Das ist nicht nur sehr teuer, sondern auch risikoreich. Schließlich ist nicht mehr auszuschließen, dass nationalistische europäische Regierungen irgendwann wieder die Waffen gegeneinander richten.

Entsprechend ist die EU auch bei der Sicherung der Außengrenzen nicht nennenswert weitergekommen. Eine gesteuerte Zuwanderung nach Europa bleibt ein visionäres Ziel, mehr nicht. Zumal in Afrika die Kombination aus raschem Bevölkerungswachstum, den immer stärker spürbaren Folgen des Klimawandels und der schlechteren Handelsbedingungen den Auswanderungsdruck verstärken. Das alternde und schrumpfende Europa hat dem wenig entgegenzusetzen.

Fazit: Es könnte noch schlimmer kommen

Unser 2021-Szenario mag düster und pessimistisch erscheinen. Aber das ist es nicht. Es ist moderat. Die Welt ist in vier Jahren ärmer, gefährlicher und schmutziger als heute. Aber ein großer Knall ist ausgeblieben.

In dieser Vier-Jahres-Vorschau ist es trotz des konfliktreichen Stils des US-Präsidenten nicht zu einem großen Krieg gekommen. Nirgends haben in Westeuropa die Nationalpopulisten die Macht übernommen - Marine Le Pen bleibt in Frankreich in der Opposition -, weshalb die EU fortbesteht. Auch ein erneuter Finanzcrash hat nicht stattgefunden, der die wirtschaftliche, soziale und politische Lage rund um den Globus drastisch verschärfen könnte. Aber all das ist möglich. Die Erosion der internationalen Ordnung könnte noch viel schneller gehen als heute vorstellbar.

Andererseits ist auch ein günstigeres Szenario denkbar: Nämlich wenn sich Europa doch endlich zusammenrauft und gemeinsam mit China die fortschreitende Destabilisierung der Welt verhindert.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG

Brüssel - Suchen nach Gemeinsamkeiten- Treffen der EU-Außenminister.Erstmals für Deutschland dabei: Sigmar Gabriel.

München - Anti-Schulz-Front - Gemeinsame Präsidiumssitzung von CDU und CSU. Kanzlerin Merkel soll zur Kanzlerkandidatin gekürt werden. Die Union, verunsichert durch die jüngsten Umfrageerfolge des neuen SPD-Vormanns Martin Schulz, wird sich Mühen, Harmonie auszustrahlen.

Düsseldorf - Cash & Carry - Hauptversammlung des Metro-Konzerns.

DIENSTAG

Berlin - Unsichere Aussichten - Pressekonferenz des BundesverbandesGroßhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) zu den handelspolitischen Auswirkungen der Trump-Administration.

Berlin - Geschlossen wegen… - Aufsichtsratssitzung des Flughafens Berlin-Brandenburg. Wird ein neuer Eröffnungstermin ins Auge gefasst?

Peking - Jede Menge Kohle - China legt neue Zahlen zu seinen Devisenreserven vor. Der Dollar-Schatz schrumpfte im vorigen Jahr immer weiter, weil die Behörden versuchten, den Yuan zu stützen.

Berichtssaison I - 2016er Jahreszahlen von BNP Paribas, BP, Vattenfall, General Motors, Jenoptik, Munich Re.

MITTWOCH

Paris - Zur Lage des Westens - Die OECD legt ihren Sammelindikator für die Konjunktur in den Mitgliedstaaten vor.

Berlin - Trump - und nun? - Diskussionsveranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und des Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin über die Folgen der Trump-Präsidentschaft für Asien und Europa.

Berichtssaison II - Jahreszahlen von Maersk, GlaxoSmithKline, ABB, Sanofi.

DONNERSTAG

Wiesbaden - Letzte Rekorde? - Das Statistische Bundesamt legt neue Zahlen zu den deutschen Exporten im Dezember vor.

Berichtssaison III - Neue Geschäftszahlen von Commerzbank, Puma, Unicredit, Twitter, L'Oréal, Total, Société Générale.

FREITAG

Peking - Globalisierungsindikator - Chinas Zoll veröffentlicht Außenhandelszahlen für Januar.