Das Beispiel Darpa Der Staat als erfolgreichster Techinvestor

Deutschland startet einen Zehn-Milliarden-Zukunftsfonds, die USA wollen staatliches Wagniskapital für Klima und Gesundheit einsetzen. Eine ganze Welle neuer Fonds nimmt sich ein Beispiel an der Pentagon-Einheit Darpa, die seit 60 Jahren technologische Durchbrüche finanziert.
Ohne Rücksicht auf Verluste: Illustration der Drohne HVT-2 - ein Projekt der US-Behörde Darpa, das 2012 bei einem Testflug mit Überschallgeschwindigkeit über dem Pazifik scheiterte

Ohne Rücksicht auf Verluste: Illustration der Drohne HVT-2 - ein Projekt der US-Behörde Darpa, das 2012 bei einem Testflug mit Überschallgeschwindigkeit über dem Pazifik scheiterte

Foto: HO/ AFP

Was ihren neuen Job auszeichnet? "Hier kommen technologische Durchbrüche fast täglich vor", erklärt Stefanie Tompkins, die im März zur Direktorin der Darpa (Defence Advanced Research Projects Agency) ernannt wurde, einer Forschungsbehörde des US-Verteidigungsministeriums. Die Darpa ist mit einem Jahresbudget von 3,5 Milliarden Dollar für höchst riskante Investitionen in Zukunftstechniken zuständig, die sich kein privates Unternehmen leisten würde.

Der Corona-Impfstoffhersteller Moderna wurde ebenso in der frühen Entwicklungsphase mit Darpa-Geld gefördert wie der Chipriese Nvidia. Auch die Protokolle, nach denen das Internet funktioniert, gehen auf das von Washington angestoßene Arpanet zurück. GPS-Empfänger, Tarnkappenflieger, Drohnen, selbstfahrende Autos - die Liste der Innovationen, an denen die Darpa maßgeblichen Anteil hat, ist lang. In aller Regel ging es um militärische Zwecke, ohne allzu sehr aufs Geld zu achten, doch nebenbei fiel auch reichlich ziviler wirtschaftlicher Nutzen ab. "Die Folgen für unsere nationale Sicherheit, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und unser persönliches Leben könnten nicht größer sein", meint Tompkins.

Gegründet wurde das Amt 1958 in Reaktion auf den Sputnik-Schock, nachdem die Sowjetunion es zuerst geschafft hatte, einen Satelliten um die Erde kreisen zu lassen. Nie wieder in technologischen Rückstand geraten, hieß die Mission.

Am Vorbild Darpa orientiert sich gerade eine ganze Welle neuer staatlicher High-Tech-Fonds. Die USA haben bereits mehrere Ableger geschaffen: Barda für Biotechnologie, HS-Arpa für die innere Sicherheit, I-Arpa für die Geheimdienste, Arpa-E für die Energieforschung. Die Regierung von Präsident Joe Biden (78) will nun auch eine mit 6,5 Milliarden Dollar jährlich ausgestatte Arpa-H für die Gesundheit schaffen, um "Krebs, wie wir ihn kennen, abzuschaffen", und eine ähnlich große Agentur namens Arpa-C mit Innovationen für den Klimaschutz. Die britische Regierung hat Pläne für eine solche Agentur, bei der ausdrücklich die Darpa Pate steht.

Die neuen deutschen Staatsfonds

Als "nicht-militärisches Pendant zur Darpa" beschreibt auch der Leipziger Seriengründer Rafael Laguna de la Vera (56) seine Idee, die ihn nun in die Dienste der Bundesrepublik gebracht hat. Seit Ende 2019 amtiert er als Gründungsdirektor der Institution, die sich in einer scheinbar widersprüchlichen Fusion von Behördendeutsch und Gründersprech "Bundesagentur für Sprunginnovationen" nennt, kurz Sprind. Mit relativ freier Hand und 151 Millionen Euro Startkapital fördert Laguna Unternehmer mit Ideen, "die unser aller Leben spürbar und nachhaltig besser machen". Darunter ist beispielsweise ein Tüftler, der Höhenwindanlagen entwickelt, die stetige Energieerträge versprechen. Oder eine Firma, die das aus "Star Trek" bekannte Holodeck für virtuelle Treffen verwirklicht.

Nebenan in Halle entsteht derzeit die Agentur für Innovation in der Cybersicherheit, inhaltlich näher dran am Original Darpa. Richtig viel Geld für Start-ups kommt aber über den Zukunftsfonds, den der Bund im Frühjahr mit zehn Milliarden Euro ausgestattet hat. Den Einsatz steuert die staatliche Förderbank KfW. Weitere 30 Milliarden Euro an privaten Investitionen will der Staat damit anregen.

Im kleineren Maßstab gibt es eine solche Partnerschaft bereits seit 2005 mit dem High-Tech Gründerfonds, in dem sich Bundeswirtschaftsministerium, KfW, die Fraunhofer-Gesellschaft und mehrere Industriekonzerne wie BASF oder Bosch zusammengetan haben. Bis heute sind die Mittel in drei Fonds auf 895 Millionen Euro Volumen angewachsen, aktuell wird ein vierter Fonds aufgesetzt. In mehr als 600 Unternehmen wurde investiert, gut 130 davon wurden verkauft oder an die Börse gebracht. Als Erfolgsbeispiel besonders stolz ist der Bonner Fonds auf das Biotechunternehmen Myr , das die erste zugelassene Arznei gegen Hepatitis D entwickelte und Ende 2020 für eine Milliardensumme an den US-Pharmakonzern Gilead ging. Anfang Juli kam noch der Börsengang von Mister Spex als Referenz hinzu. Mehr Risiko eingehen als sich ein Konzern leisten würde, aber immer streng marktwirtschaftlich, lautet das Credo. "Der Bund bekommt sein Geld wieder, gegebenenfalls sogar einen Gewinn", wirbt der Mitinitiator Dieter Jahn .

Mondmission statt Rendite

Genau dieses Denken jedoch widerspricht der "Missionsorientierung", wie sie die Ökonomin Mariana Mazzucato (53) fordert. Auf die Vordenkerin eines starken, unternehmerischen Staats berufen sich die "High-Tech-Strategie" der Bundesregierung ebenso wie das EU-Programm "Horizon Europe". Mazzucato lehnt den Fokus auf Exits ab. "Der Staat sollte nicht wie eine Private-Equity oder Venture-Capital-Firma handeln, weil er selbst dann anfängt, nur kurzfristig an finanzielle Rendite zu denken." Als positives Beispiel hält sie Kennedys Mondmission entgegen, eng verbunden mit der Erfolgsbilanz der Darpa. Der Staat als Risikoinvestor solle seine Ziele möglichst konkret formulieren und dann alles Nötige tun, damit sie verwirklicht werden.

Sehr wörtlich nimmt das Japan mit seiner 2019 gestarteten Initiative namens "Moonshot R & D", die staatliches und privates Kapital zusammenbringt und bislang sieben "Missionen" formuliert hat. Eine davon heißt, "bis 2050 eine Gesellschaft verwirklichen, in der Menschen von Begrenzungen durch Körper, Hirn, Raum und Zeit befreit werden". Zu diesem Zweck soll eine "kybernetische Avatarinfrastruktur" erschaffen werden. Ebenfalls bis zur Jahrhundertmitte soll das Programm eine Industrie schaffen, "die ein nachhaltiges globales Nahrungsangebot sichert, indem sie ungenutzte biologische Ressourcen nutzt": Mikroben aus dem Boden beispielsweise, oder solche Kleinstlebewesen in Rinderpansen, um eine klimafreundliche Nutztierhaltung ohne Methanemissionen zu ermöglichen. Auch in Algen und Termiten investieren die Japaner.

Viel Geld für Science Fiction - so, wie von der Darpa seit 60 Jahren vorgemacht.

ak
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.