Dienstag, 2. Juni 2020

Lockdown vor dem Ende Wie China wieder zurück ins Geschäft kommt

China hebt Corona-Sperren auf: Das Ende des großen Lockdown
Noel Celis / AFP

Nach China-Fans muss man in deutschen Chefetagen derzeit nicht lange suchen. "In China können wir viel lernen", lobt Volkswagen-Chef Herbert Diess. Bereits sechs Wochen nach dem Lockdown herrschte "wieder Business as usual", freut sich Roland-Berger-Chef Stefan Schaible im manager-magazin-Interview. "Deutschlands wichtigster Absatzmarkt hat das schon gut gemanagt."

Die Freude steht unter dem Vorbehalt, dass eine zweite Welle der Coronavirus-Infektionen nicht allzu hoch schwappt. Aktuell aber scheint der Befund klar: Die erste Welle läuft aus und China kann allmählich wieder zu normalem Betrieb zurückkehren. Die Volksrepublik, wo die Corona-Krise anfing, wird zum Sehnsuchtsort für alle, die auf ein baldiges Ende zumindest der strengsten Einschränkungen hoffen. Der Rollentausch geht sogar noch weiter: Wenn etwas läuft in der Wirtschaft, dann liegt es oft ausschließlich an Aufträgen aus Fernost.

"Der Anschub kommt jetzt aus China, das spüren wir auch schon", sagt eine Spitzenkraft eines großen Autozulieferers gegenüber manager magazin. Nur die Werksteile, die China beliefern, könne man von Kurzarbeit ausnehmen. Ähnliche Signale kommen allein an diesem Freitag von einem großen schwäbischen Maschinenbauer, von Volkswagens Lkw-Tochter Traton, vom Textilriesen H&M und vom Daimler-Betriebsrat.

Boston-Consulting-Partner Nikolaus Lang zählt eine Reihe tagesaktueller Indikatoren auf, die schon im März eine V-förmige schnelle Erholung der chinesischen Wirtschaft zeigen, auch wenn nach dem tiefen Sturz im Januar und Februar das Vergleichsniveau von 2019 noch weit entfernt ist: den täglichen Kohleverbrauch vor allem für die Stromproduktion, Immobilienkäufe, die Passagierzahlen der Metros und Staus auf den Straßen der Großstädte - im letzteren Fall stand mit Shenzhen die erste Metropole schon am 24. März wieder so gut oder schlecht da wie im Vorjahr.

Zwar dürfte das erste Vierteljahr insgesamt den ersten Rückgang der Wirtschaftsleistung seit der Kulturrevolution in den 70er Jahren markieren. Doch die vom offiziellen Statistikamt gemeldeten Einkaufsmanagerindizes, die im Februar Rekordtiefs für Industrie und Dienstleister verzeichneten, gingen nach den nun veröffentlichten Daten im März wieder in den Expansionsmodus. Mehr als 90 Prozent der Großunternehmen und drei Viertel der Kleinbetriebe sollen die Produktion wieder aufgenommen haben.

Das kommende Wochenende steht für eine symbolische und eine wortwörtliche Reinigung vor dem Neubeginn. Am Samstag plant China zum traditionellen Totengedenktag Schweigeminuten für die Opfer der Pandemie. Zugleich sind Desinfektionsteams in Schulen, Geschäften und anderen öffentlichen Orten unterwegs, die wieder öffnen sollen. Am Mittwoch ist das Ende des am 23. Januar begonnenen Lockdowns in Wuhan vorgesehen. Selbst dort, am Ground Zero der Krise, melden 85 Prozent der Unternehmen Normalbetrieb. Die Metro fährt seit einer Woche wieder.

Zwar gibt es im In- und Ausland große Zweifel an den offiziell gemeldeten Covid-19-Fallzahlen, zumal die Definition nun zum achten Mal geändert wurde. Sie umfasst nun auch symptomfreie, positiv getestete Personen, davon aber nur so wenige, dass nach den USA, Italien und Spanien auch Deutschland am Donnerstag die ursprüngliche Corona-Hochburg China überholt hat. Allerdings gelten die Zweifel auch den Zahlen anderer Länder in ähnlicher Weise: Eine hohe Dunkelziffer gilt überall als sicher. Wie hoch sie ist, hängt davon ab, wie intensiv getestet wird - und dazu gibt es vor allem aus China kaum belastbare Daten.

Dennoch lobte die Weltgesundheitsorganisation nach einer Delegationsreise im März die "einzigartige und beispiellose Reaktion" der chinesischen Behörden, mit der die Eskalation der Pandemie schnell wieder umgekehrt worden sei. "Selbst wenn es 20- oder 40-mal so viele Fälle gäbe, was unwahrscheinlich ist, haben die Kontrollmaßnahmen gewirkt", befindet der Epidemiologe Christopher Dye von der Universität Oxford gegenüber dem Wissenschaftsmagazin "Nature".

Ein frühes Zeichen des Vertrauens sendete Apple am 13. März: Alle 42 Stores in China seien wieder geöffnet, verkündete Konzernchef Tim Cook - nur im Rest der Welt wurden die Läden zeitgleich geschlossen.

Ganz reibungslos läuft die Rückkehr zum Geschäft allerdings nicht. Die "South China Morning Post" berichtete in der vergangenen Woche von Krawall auf einer Grenzbrücke, als Wanderarbeiter aus der Provinz Hubei (mit Wuhan) ins benachbarte Jiangxi zurückkehren wollten und von der dortigen Polizei aufgehalten wurden, woraufhin die Polizeikräfte beider Provinzen gegeneinander und mit den Arbeitern kämpften.

Am Wochenende wurde der geplante landesweite Start aller Kinos kurzfristig abgesagt, weil die neuen Infektionszahlen doch nicht auf Null gesunken waren. An diesem Dienstag wurde wegen eines Ausbruchs in einem lokalen Krankenhaus sogar eine neue Ausgangssperre verhängt: im ländlichen Bezirk Jia in der Provinz Henan mit 600.000 Einwohnern. Der Weg aus dem Lockdown ist eine Art Stop-and-Go.

Von Normalität kann also noch keine Rede sein, solange die Angst vor der zweiten Welle umgeht. Als besonders gefährlich gilt nun der Reimport des Virus aus anderen Weltregionen wie Europa oder Amerika, zumal nur ein geringer Teil der früh vom Lockdown isolierten Chinesen gegen die Krankheit immun sein dürfte. Daher bittet China auch darum, dass keine Diplomaten mehr nach Peking reisen.

Noch eine zweite Belastung kommt von außen auf die chinesische Wirtschaft zu. Die Volkswirte der Bank of America haben ihre Wachstumsprognose für das Gesamtjahr gerade von 1,5 auf 1,2 Prozent gesenkt. Begründung: Die Industrie könne zwar wieder produzieren. Doch für die auf den Export ausgerichtete Wirtschaft fehle nun die globale Nachfrage.

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