Montag, 30. März 2020

Epidemie als möglicher Wendepunkt Wie Corona die Globalisierung bremsen könnte

Fast leerer Flug Mailand-London am Donnerstag
Laurel Chor / Getty Images
Fast leerer Flug Mailand-London am Donnerstag

Noch kann niemand seriös voraussagen, wie schlimm die wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Epidemie werden. Man müsse mit der ersten weltweiten Rezession seit der Finanzkrise von 2008 rechnen, warnt die Londoner Wirtschaftsberatung Capital Economics - im unter großen Vorbehalten stehenden Fall, dass Covid-19 ungehindert als globale Pandemie grassiert.

Die Debatte geht jedoch längst weit über einen solchen möglicherweise zu befürchtenden, aber vorübergehenden Einbruch hinaus. Langfristig könne der Corona-Schock eine Zeitenwende bedeuten, meint beispielsweise der Wirtschaftshistoriker Harold James von der Universität Princeton. "Es ist absolut möglich, dass Covid-19 das Schwinden der Globalisierung auslöst" - so wie die Schwarze Pest die innereuropäische Offenheit des Mittelalters beendet habe. Treiber einer solchen Entwicklung wären weniger die direkten wirtschaftlichen Effekte der Pandemie als "Mystizismus, Irrationalismus und Xenophobie".

Eine Abschottung aus Angst - das Coronavirus trifft auf eine ohnehin geschwächte Globalisierung, durch Unmut über die globale Elite, aufkommenden Nationalismus und Handelskriege. Es ist der Auch-das-noch-Effekt. US-Präsident Donald Trump sieht eine willkommene Gelegenheit, mit dem Finger auf China zu zeigen. Die Chinesen wiederum argwöhnen, der Westen wolle ihren Aufstieg behindern. Der Wille zu einer koordinierten Antwort, wie sie damals auf die Finanzkrise gegeben wurde, ist kaum vorhanden.

Auch des Nationalismus eher unverdächtige Politiker gehen spürbar auf Distanz zu anderen Erdteilen. "Ich glaube, dass wir ein neues Denken bekommen werden", sagte in dieser Woche CDU/CSU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus. "Wir müssen schauen, dass wir nicht von einer Region in dieser Welt abhängig sind." Ähnlich klingt Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire: "Wir werden alle unsere industriellen Lieferketten überprüfen, um Geschäfte in den strategisch wichtigsten Bereichen wieder zu lokalisieren, souverän und unabhängig zu werden."

Auslöser sind die Lieferengpässe von Medikamenten, weil die generischen Wirkstoffe zum Großteil in Indien produziert werden, von dort aber nicht mehr exportiert werden, nachdem die dorthin aus China gelieferten Grundstoffe fehlen und zugleich die Nachfrage von Panikkäufen getrieben wird.

Die Unternehmen reagieren schon auf die Forderung nach einer stärkeren Kontrolle der Lieferketten. Der Pharmakonzern Sanofi Börsen-Chart zeigen kündigte Ende Februar an, einen unabhängigen europäischen Wirkstoffproduzenten zu gründen, der die Nummer zwei in der Welt werden und auch die Wettbewerber beliefern solle.

"Die Globalisierung ... das ist vorbei"

Brinkhaus aber schlägt den Bogen über das Thema Gesundheit hinaus. Auch im Cloud Computing beispielsweise müsse Europa sich von Amerika und China gleichermaßen lossagen, die globale Arbeitsteilung nach den kostengünstigsten Standorten sei grundsätzlich zu hinterfragen. "Da gibt es ganz, ganz viele Punkte, über die wir dringend reden müssen, und nicht nur reden müssen, sondern auch Entscheidungen treffen müssen." Ähnlich China-skeptische Töne sind von Gesundheitsminister Jens Spahn und anderen Kandidaten für den CDU-Vorsitz zu hören.

Selbst aus Global-Player-Konzernen kommen Stimmen, der Standortwettbewerb sei zu weit gegangen. Der "Economist" zitiert Jörg Wuttke, den Präsidenten der Europäischen Handelskammer in China, der als BASF-Manager schon 1993 ins Land kam: "Die Globalisierung, alles dorthin zu bringen, wo die Produktion am effizientesten ist, das ist vorbei." Gleichwohl würden die Westkonzerne eine starke Präsenz in China behalten, einfach wegen des riesigen und weiter wachsenden Markts und der technologischen Position. Aber die Rückkehr zur Industriepolitik für nationalen Bedarf sei ein eindeutiger Trend.

Benjamin Shobert, Gesundheitsstratege für Microsoft, sagte vor einem Kongressausschuss zum US-chinesischen Verhältnis: "Vieles, was die moderne Ära der Globalisierung getragen hat, ist nicht länger gültig." Gegenseitige Abhängigkeit funktioniere nicht, wenn Angst und Misstrauen wachsen.

Hinzu kommen rationale, betriebswirtschaftliche Motive. Gabriel Felbermayr, der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, zieht einen Vergleich zum "Lehman-Moment": So wie beim Kollaps der Investmentbank plötzlich klar geworden sei, wie fragil das Finanzsystem ist, würden Unternehmen nun auch die Risiken des Produktionssystems kennenlernen. Darauf sei eine Reaktion zu erwarten, ähnlich wie die Firmen seit 2008 ihre Abhängigkeit von Bankkrediten abgebaut hätten.

So ähnlich sieht es OECD-Chefökonomin Laurence Boone: "Ich denke, nach diesem Ausbruch werden Unternehmen wahrscheinlich ansehen, wie sie ihre Lagerbestände managen, wie sie ihre Produktion rund um die Welt organisieren."

Besonders betroffen könnte die Luftfahrtbranche sein, meint Guntram Wolff, Leiter des Brüsseler Bruegel-Instituts. "Man fragt sich, ob die Spitze des globalen Luftfahrt-Booms schon vorbei ist", sagte er der "New York Times". Die Flugbewegungen seien ja jetzt schon dramatisch gesunken - und viele Leute würden darüber hinaus hinterfragen, "ob wir diese täglichen Reisen in alle Teile der Welt wirklich brauchen".

Tiefgreifende Korrekturen sind also durchaus plausibel. Dafür muss noch nicht einmal der Vergleich mit der Schwarzen Pest her.

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