Wirtschaftskrise Europas schwache Corona-Performance

Die weltweite Rezession trifft die Eurozone härter als andere Volkswirtschaften. Ein verheerendes Signal, denn es scheint die Propaganda der Populisten und Autokraten zu bestätigen, wonach das schwache, alte Europa ein Auslaufmodell sei.
Eurozone im Alarmzustand: Allzulange haben sich die Europäer auf eine funktionsfähige globale Handelsordnung verlassen. Doch die ist in Auflösung begriffen.

Eurozone im Alarmzustand: Allzulange haben sich die Europäer auf eine funktionsfähige globale Handelsordnung verlassen. Doch die ist in Auflösung begriffen.

Foto: Boris Roessler/ dpa

Nirgends schlägt die Corona-Krise so heftig ins Kontor wie in Europa. In diesem Jahr wird die Wirtschaft in der Eurozone stärker schrumpfen als in jedem anderen großen Wirtschaftsraum der Erde: Einen Rückgang zwischen 9 und 11,5 Prozent, hat die OECD, die Organisation der wohlhabenden Länder, in der abgelaufenen Woche prognostiziert , abhängig davon, wie die Pandemie sich fortsetzt.

Der Rückgang wird größer ausfallen als in Ländern, die von irrlichternden bis bösartigen Nationalisten geführt werden, über die wir Europäer so gern die Nase rümpfen: Ob Donald Trumps USA, Xi Jinpings China, Jair Bolsonaros Brasilien oder Narendra Modis Indien - auch sie sind wirtschaftlich hart getroffen von der Pandemie, zumal die ärmeren Bevölkerungsgruppen dort. Aber die Eurozone, dieser große, überwiegend wohlhabende, demokratisch verfasste Wirtschaftsraum, erweist sich als noch anfälliger.

Das ist ein verheerendes Signal - nach innen und nach außen -, denn es bestätigt scheinbar die Propaganda der Populisten und Autokraten, wonach das schwache, alte Europa ein Auslaufmodell sei.

Wie kann das sein? Was machen wir falsch?

Einmal Pech, zweimal Schuld

Aus meiner Sicht sind es vor allem drei Gründe, die Europas schwache Corona-Performance verursacht haben:

  • Die Zahl der Infektionen, zumal in Italien, Frankreich und Italien, war so groß, dass ein ausgesprochen langer, strikter Lockdown das öffentliche und wirtschaftliche Leben zum Erliegen brachte. Das schlägt sich in einem abrupten Absturz der Kennzahlen nieder.

  • Der Euroraum ist eine vergleichsweise offene Volkswirtschaft mit großen außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten. Über viele Jahre haben wir von hohen Exportüberschüssen gelebt. Das rächt sich nun, da der Welthandel infolge der Pandemie und des Protektionismus zurückgeht.

  • In Europa ist jeder Staat finanziell weitgehend auf sich allein gestellt. Dadurch sind die budgetären Spielräume im Angesicht der Jahrhundertrezession begrenzt, gerade in hochverschuldeten Euro-Staaten. Auch die massive Aufstockung des EU-Haushalts ab 2021, wie sie Kommissionschefin Ursula von der Leyen vorgeschlagen hat, wird daran nichts Grundsätzliches ändern. Zumal das XXL-Budget längst nicht entschieden ist; die "geizigen Vier" (Niederlande, Österreich, Dänemark, Schweden) leisten noch Widerstand. (Freitag treffen sich die EU-Staats- und Regierungschefs zu Video-Beratungen.)

Der erste Punkt ist schlicht und einfach Pech. Dass das Virus frühzeitig aus China eingeschleppt wurde und sich dann längere Zeit unentdeckt ausbreiten konnte, kann man den Euro-Südstaaten nicht anlasten.

Die anderen beiden Punkte sind hausgemacht. Europa ist anfällig für Verwerfungen, weil die innere Architektur der Währungsunion wacklig ist. Das ist seit langem bekannt, spätestens seit der Eurokrise. Aber wir verdrängen es gern, gerade in Deutschland.

Die De-Globalisierung nimmt ihren Lauf

Seit der Finanzkrise weist die Eurozone Jahr für Jahre steigende Überschüsse in der Leistungsbilanz aus. Rund 400 Milliarden US-Dollar jährlich waren es gegen Ende des vorigen Jahrzehnts. Es ist der mit Abstand größte außenwirtschaftliche Saldo weltweit. China, das in den 2000er Jahren hohe Überschüsse fuhr, hat längst eine annähernd ausgeglichene Leistungsbilanz.

Derartige Überschüsse sind kein Ausweis überlegener Wettbewerbsfähigkeit, wie man das in Deutschland gerne interpretiert, sondern ein Problem. Denn zum einen sind die Investitionen in Europa geringer, als sie sein könnten; stattdessen werden europäische Ersparnisse anderswo auf der Welt, etwa im Defizitland USA, investiert (oder verbraten).

Zum anderen machen chronische Überschüsse eine Volkswirtschaft anfällig für handelspolitische Verwerfungen. Eben dies ist im Zuge des Protektionismus-Pandemie-Doppelschlags geschehen. Der Welthandel entwickelte sich schon in den vergangenen Jahren schwach. 2020 wird der Austausch an Waren und Dienstleistungen um zehn Prozent oder mehr schrumpfen. Die weiteren Aussichten sind höchst unsicher. Die De-Globalisierung nimmt ihren Lauf.

Auf die exportfixierte Eurozone schlagen solche Nachfragerückgänge unmittelbar durch. Die katastrophalen Zahlen vom deutschen Export, der im April um fast ein Drittel gegenüber Vorjahr geschrumpft  ist, vermitteln einen ersten Eindruck des heranrollenden Desasters. Anderen Euro-Volkswirtschaften geht es nicht besser.

Gesucht: "ein vollständig ausgebautes System"

Bislang verfügt die Eurozone über keinerlei Mechanismen, interne Unterschiede auszugleichen. In der letzten Krise bestand die Strategie darin, dass jedes einzelne Land Überschüsse gegenüber dem jeweiligen Rest der Welt fahren sollte. Sparprogramme und Kostenkürzungen ließen die Importe stagnieren und die Exporte ansteigen. Die nationalen Leistungsbilanzen, auch von vormaligen Defizitländern, drehten reihenweise ins Plus. Das Resultat waren die immer weiter steigenden Überschüsse der Eurozone insgesamt.

Damit ein solcher Kurs auf Dauer durchzuhalten ist, bedarf es anderer Volkswirtschaften, die bereit und in der Lage sind, spiegelbildlich hohe Defizite hinzunehmen. In der Vergangenheit waren das insbesondere die USA. Auch Großbritannien, bis vor kurzem zweitgrößte Wirtschaft der EU, aber nicht Mitglied der Eurozone, verzeichnet ein stattliches Minus.

Aber beide angelsächsischen Länder wollen - oder können - nicht mehr ihre Rollen als ultimative Importeure spielen. Donald Trump ist angetreten, externe Defizite auf Biegen und Brechen abzubauen. Großbritannien könnte den Binnenmarkt, dem es übergangsweise noch angehört, Ende des Jahres ohne anschließendes Handelsabkommen verlassen. Die Post-Brexit-Verhandlungen sind festgefahren; Montag soll ein Videogipfel zwischen Premier Boris Johnson und den Spitzen der EU-Institutionen Bewegung in die Sache bringen. Sollte es zu einem Ausstieg ohne Vertrag kommen, werden ab 2021 empfindliche Zölle im Handel über den Ärmelkanal gelten.

An der Abhängigkeit der Eurozone vom Außenhandel wird auch die geplante Aufstockung des EU-Haushalts nichts Substanzielles ändern. Von den Größenordnungen der Zentralbudgets anderer Währungsräume, die automatisch zwischen Defizit- und Überschussregionen umverteilen, bleibt er weit entfernt, zumal Mitgliedstaaten außerhalb der Eurozone zu den Nettoempfängern zählen werden. Die Eurozone selbst brauche "permanente fiskalische Instrumente", mahnt denn auch die OECD, etwa "ein vollständig ausgebautes europäisches Rückversicherungssystem der Arbeitslosenunterstützung".

Solange die weitere Verstärkung der Eurozonen-Architektur auf sich warten lässt, gerät sie bei Stürmen aus Übersee allzu leicht ins Wanken.

Ein öffentliches Aufmerksamkeitsdefizit

Allzulange haben sich die Europäer auf eine funktionsfähige globale Handelsordnung verlassen. Doch die ist in Auflösung begriffen. Derzeit sucht die Welthandelsorganisation (WTO) einen neuen Generaldirektor. Amtsinhaber Roberto Azevêdo hat seinen Rücktritt für Ende August erklärt - mit der offiziellen Begründung, dass ein neuer Chef gebraucht werde, um Schwung in das sieche Forum  zu bringen.

Die EU erwägt nun, Handelskommissar Phil Hogan, einen bulligen Iren, ins Rennen zu schicken. Doch kaum jemand nimmt davon Notiz, auch nicht in Europa selbst. Die Ära der multilateralen Handelsordnung scheint endgültig vorbei zu sein. Im Welthandel gilt wieder das Recht des Stärkeren. Die Eurozone muss sich für diese neue Ära des Protektionismus rüsten - auch indem sie im Innern stabilere Strukturen einzieht.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Montag

Brüssel/London - Aus der Sackgasse - Videogipfel mit dem britischen Premier Johnson und den Spitzen der EU-Institutionen. Das Ziel: neuen Schwung in die Verhandlungen über ein Handelsabkommen bringen, das nach dem Ende der Übergangsfrist gelten soll.

Peking - Nach dem Lockdown - Chinas Statistikamt legt Daten zur Entwicklung der Wirtschaft im Mai vor.

Dienstag

Tokio - Mit Vollgas - Die Bank of Japan entscheidet über die weitere Geldpolitik. Keine andere Notenbank der Welt pumpt so aggressiv Geld in die Märkte. Seit Ausbruch der Corona-Krise hat sie ihre Gangart nochmal verschärft.

HV-Saison I - Hauptversammlungen von Deutsche Euroshop und Evotec.

Mittwoch

HV-Saison II - Hauptversammlungen von Henkel, Axel Springer, Deutsche Real Estate, Symrise, Mensch und Maschine.

Donnerstag

München - Die weiteren Aussichten -Das ifo-Institut lädt zur Online-Jahresversammlung unter dem Titel "Wie gefährdet ist der Wohlstand in Deutschland?" Unter anderem dabei: ifo-Präsident Fuest, Siemens-Vorstandschef Kaeser, Blackrock-Chefvolkswirtin Elga Bartsch.

München - Heftig umstritten - Wirecard legt Jahreszahlen vor. Die Zuverlässigkeit der Zahlenwerken des Konzerns war immer wieder harter Kritik ausgesetzt.

HV-Saison III - Hauptversammlungen von BASF, Varta, Scout24, Delivery Hero.

Freitag

Brüssel - Große Summen, lange Zeiträume - Video-Gipfel der EU-Staats- und Regierungschefs zum neuen siebenjährigen Finanzrahmen und zum Wiederaufbauplan der EU-Kommission. Es geht um 1,1 Billionen plus 750 Milliarden Euro.

HV-Saison IV - Hauptversammlungen von Deutsche Telekom, Kuka, Renault, CTS Eventim.

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